Schöne Stimmen aus hässlichen Körpern?

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Wer am Radio aufgewachsen ist, der kennt die Enttäuschung, wenn man zu einer lang vertrauten Stimme plötzlich den zugehörigen Lautgeber im Bild gezeigt bekommt. Das ist auch der Grund, warum viele Radiostars den Sprung in Film und Fernsehen nicht geschafft haben.

Irgendwie haben wir nämlich die Vorstellung, dass zu einer interessanten Sprechstimme oder einer schönen Gesangstimme auch ein ebensolcher Körper gehören müsse. Meines Erachtens liegt das daran, dass eine Stimme von uns körperhaft erlebt wird. Man spricht ja auch von einem Stimmorgan.
Dabei kann man bei einer Obduktion noch so lange suchen, man wird keine Stimme finden.

Die Stimme ist als Organ nicht vorhanden, wohl aber natürlich die Stimmlippen als Werkzeuge. Die alleine garantieren aber keineswegs eine schöne Stimme. Erst die Resonanzräume machen sie dazu. Diese, und nicht die Form der äußeren Hülle, geben ihr die schöne akustische Gestalt. Man kann in Bezug auf den Körper des Wohllautspenders, wenn man will, von einer inneren Schönheit sprechen, die sich allerdings und gottseidank trainieren lässt. Das macht sich die Musikindustrie fleißig zunutze, die das umgekehrte Vorurteil schürt, dass in einem schönen Körper immer eine schöne Stimme stecken müsse. (Gegenbeispiel: Heidi Klum)
Das führt u.a. zu dem im Moment hundertausendmal kopierten amerikanischen Gesangsstil, bei dem Frauen wie Trompeten singen, wenn sie denn nach dramatischem Herumgejammer endlich den Ton gefunden haben. Aber das nur am Rande.
Joseph Schmidt beispielsweise war so ein typischer Radio- und Schallplattentenor. „Heut ist der schönste Tag…“. Nach einer Radiosendung, die ihm und seinem Schicksal gewidmet war, kaufte ich mir seine EP, wenn Sie noch wissen, was ich meine.
Wer diesen Teufelskerl nur akustisch kannte, war regelmäßig entsetzt, wenn er die dazugehörige Gestalt sah: Sammy Davis jun., das singende Glasauge. Sein Mr. Bojangles bewegt mich noch heute.
Auch Frank Sinatra hatte eine viel größere Stimme als man dem schmächtigen Körper mit dem Allerweltsgesicht (okay: old blue eyes) zugetraut hätte.

Und das Gleiche lässt sich auch von der schielenden Barbra Streisand sagen. (unfreiwillige Erfinderin des Streisand-Effekts)
Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen und wird beim Leser eigene Erinnerungen wecken, was sie auch soll.

In jüngerer Zeit hatte es mir der contergangeschädigte Thomas Quasthoff angetan. Aufgewachsen zunächst in einem Heim für Schwerstkörperbehinderte, machte er sich sowohl als Opernbariton auf der Bühne wie auch als Jazzsänger und Stimmenimitator (Willy Brandt) einen Namen. Er war ein Sänger, bei dem man das Äußere sofort vergisst, sobald man ihn singen hört.

Das gilt auch für all die blinden Sänger, die es seit Homer gab, obwohl da immer ein Mitleidseffekt mitschwingt. Ich nenne hier nur Wolfgang Sauer („Glaube mir“), Ray Charles und Andrea Bocelli.
Auf Platz 1 der hässlichsten Sängerinnen soll sich aktuell Beth Ditto breit machen. Mit ihrer grandiosen Stimme ist sie dick im Geschäft, wirkt aber auf der Bühne eine Idee zu präsent.

Florence Foster ist noch einmal eine ganz andere Kategorie. Wenn man weder über ein angenehmes Äußeres verfügt noch singen kann, wird es mit öffentlichen Auftritten eng, es sei denn, man verfügt wenigstens über Geld. Glücklicherweise sang die schlechteste Sängerin der Welt schon vor 100 Jahren, hat aber leider Aufnahmen hinterlassen. Im Augenblick macht sie gerade Furore in der Verkörperung durch die wandlungsfähige Meryl Streep. Als Kuriosität sehr unterhaltsam!

Der Erfolg von Schallplatte und CD ist eigentlich der beste Beweis dafür, dass wir auf die körperliche Anwesenheit der Singenden auch verzichten können. Wir wünschen uns Stimmen, die uns berühren, unabhängig vom Aussehen.

Ganz so wie es sich schon die alten Griechen in der Sagengestalt des Orpheus schufen: „Er betörte Götter, Menschen und sogar Tiere, Pflanzen und Steine. Die Bäume neigten sich ihm zu, wenn er spielte, und die wilden Tiere scharten sich friedlich um ihn, und selbst die Felsen weinten angesichts seines schönen Gesangs.“ Leider gibt es davon keine Aufnahmen…
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10 Kommentare
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 15.02.2017 | 11:30  
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Franziskus Firla aus Mülheim an der Ruhr | 15.02.2017 | 11:35  
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Renate Croissier aus Lünen | 15.02.2017 | 17:22  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 15.02.2017 | 18:28  
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Claudia Jacobs aus Mülheim an der Ruhr | 16.02.2017 | 16:43  
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Franziskus Firla aus Mülheim an der Ruhr | 16.02.2017 | 16:50  
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Claudia Jacobs aus Mülheim an der Ruhr | 16.02.2017 | 17:01  
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Franziskus Firla aus Mülheim an der Ruhr | 17.02.2017 | 15:42  
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Susanne Demmer aus Essen-Nord | 22.02.2017 | 11:26  
67.434
Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 14.03.2017 | 14:37  
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