„Stücke sind direkter und aktueller“

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"Muttersprache Marmeloschen" von Maria Salzmann. (Foto: Arno Declair)

„Aktueller und direkter sind die Stücke geworden“, erklärt Jürger Berger. Er ist Sprecher des Auswahlgremiums der „Stücke 2013“. „Familie war in den vergangenen Jahren schon immer ein großes Thema bei den Autoren. Ein Schwerpunkt liegt in diesem Jahr beim Missbrauch.“

Ob Kellerverliese, Kneipen, eine Odenwaldschule oder Pfarrhäuser. „Und der Ort des Geschehens sind Erziehungseinrichtungen oder halt die Familie. Sie ist und bleibt die kleinste gesellschaftliche Bühne aller Tragödien und Komödien“, ist Berger überzeugt. „Schon Aischylos sondierte diesen Ort mit besonderer Aufmerksamkeit.“

Die Autoren reagieren entsprechend. „Aber eins unterscheidet sie heute deutlich: Wer sich dem Thema widmet, macht es konzentriert“, sagt Berger. Missbrauch werde nun „bis in die letzte Falte ausgeleuchtet“.

Drei der ausgewählten Dramatiker, Katja Brunners „Von den Beinen zu kurz“, Elfriede Jelineks „Faustin and out“ und Franz Xaver Kroetzs „Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind“ beschäftigen sich auf ihre Weise mit dem Thema Missbrauch. Brunners Ansatz ist jedoch anders: Sie lässt ihre Protagonistin, eine Lolita, sprechen. Die Kleine will eben kein Opfer sein und verschafft sich so die Freiheit, diverse Nuancen des Besitzens, Verführens und Begehrens auszusprechen.

Altmeisterin Jelinek verknüpft ihr „Sekundärdrama“ mit dem klassischen Faust. „Man darf nicht vergessen, dass Gretchen minderjährig ist“, sagt Jürgen Berger, Sprecher des Auswahlgremiums. „Sie verknüpft somit den literarischen Missbrauchsfall mit einem aktuellen.“

Kroetz beschäftigt sich mit dem kleine Pascal, der in einer Saarbrücker Kneipe gequält, vergewaltigt und vermutlich getötet wurde. Kroetz entlarvt die verschleiernde Sprache der Täter, „die im Missbrauch eine ökonomische Verwertung von Rohmaterial sehen“.

Bei der Iranerin Azar Mortazavi steht Protagonistin Leila im Vordergrund. „In ‚Ich wünsch mir eins‘ zeigt sie, dass man auch in knappen Dialogen sehr viel über das Seelenleben von Menschen erzählen kann“, umreißt Berger den Inhalt. Leila suche die Nähe eines gefühlsarmen Großstadtcowboys. Mit einem Kind hoffe sie, die Einsamkeit zu lindern.

Eher tiefgründig komisch beschreibt Marianna Salzmann in „Muttersprache Marmeloschn“ einen jüdischen Frauenhaushalt, bei dem sich „Großmutter, Mutter und Tochter mit ihren Dialogen auf die Nerven gehen und dabei mit zeitgeschichtlichen Tiefenbohrungen aufwarten“, erläutert Berger.
Arbeitstierchen, die im Hamsterrad keuchen.

Mit „X-Freunde“ stellt die Auswahljury ein Stück von Felicia Zeller vor. Es geht um die „Arbeitstierchen, die im Hamsterad ihrer Ich-AG‘s keuchen“.
Moritz Rinke kehrt mit „Wir lieben und wissen nichts“ auf die Bühne zurück. Die Beziehungskomödie um zwei Paare, die sich zum Wohnungstausch treffen, führt zur Aufdeckung aller Neurosen moderner Paare.

„Mit dem für das Theater fast unverdaulichen ‚Tod und Auferstehung der Welt meiner Eltern in mir‘ steht das längste Stück auf dem Spielplan“, so Berger. Rund fünf Stunden dauert das Werk von Nis-Momme Stockmann. „Ich verspreche“, sagt Berger, „dass der Zuschauer das Theater frischer verlässt, als er angereist ist.“


Termine:

Jurys tagen öffentlich

Die öffentlich geführte Jury-Diskussion zur Vergabe des Mülheimer KinderStückePreises 2013 findet am Freitag, 17. Mai, um 15.30 Uhr im Theater an der Ruhr statt.

Die Jury-Diskussion zur Vergabe des Mülheimer Dramatikerpreises 2013 findet am Mittwoch, 29. Mai, ab circa. 22.15 Uhr im Theater an der Ruhr statt.


Stücke 2013 11. bis 29. Mai

Samstag, 11. Mai, 19.30 Uhr und Sonntag, 12. Mai, 14.Uhr, Theater an der Ruh, Marianna Salzmann, Muttersprache Mameloschn; Deutsches Theater Berlin

Sonntag, 12. Mai, 17 Uhr, Stadthalle, Theatersaal, Nis-Momme Stockmann, Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir; Schauspiel Hannover

Donnerstag, 16. Mai, und Freitag, 17. Mai, jeweils 19.30 Uhr, Theater an der Ruhr, Felicia Zeller X-Freunde Schauspiel Frankfurt

Samstag, 18. Mai, 19.30 Uhr, Stadthalle, Theatersaal, Franz Xaver Kroetz, Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind; Residenztheater München

Sonntag, 19. Mai, und Montag, 20. Mai, jeweils 19.30 Uhr, Ringlokschuppen, Saal, Moritz Rinke, Wir lieben und wissen nichts; Konzert Theater Bern

Donnerstag, 23. Mai, und Freitag, 24. Mai, jeweils 19.30 Uhr, Stadthalle, Studio, Katja Brunner, Von den Beinen zu kurz; Schauspiel Hannover

Sonntag, 26. Mai, und Montag, 27. Mai, jeweils 18.00 Uhr und 19.30 Uhr, Stadthalle, Elfriede Jelinek, FaustIn and out; Schauspielhaus Zürich

Mittwoch, 29. Mai, 16 und 19.30 Uhr, Theater an der Ruhr Azar Mortazavi, Ich wünsch mir eins; Theater Osnabrück

Karten:

Karten gibt es im Vorverkauf unter unter www.eventim.de und bei allen bekannten eventim-Vorverkaufsstellen.
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