The Situation - Mülheimer Stücke präsentieren Theater, das nachdenklich macht

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Im Vorwort des Begleitbuches zu den 41. Mülheimer Theatertagen NRW, Stücke 2016, stellt Franz Wille, Juror und Redakteur von "Theater heute" die Frage nach der Relevanz des deutschsprachigen Theaters in der heutigen Zeit. Millionen Flüchtlinge, die in Richtung Westeuropa drängen, haben unsere Werte und unser Weltbild in Frage gestellt. Kann Theater diese Dramatik aufgreifen, reflektieren und weiterentwickeln? Hunderte Theaterfans kamen zum Auftakt der Stücke am Samstagabend, 7. Mai, in die Stadthalle und wurden nicht enttäuscht.

Von Andrea Rosenthal

Schon äußerlich war "The Situation" ein Stück von Yael Ronen, dass das Berliner Maxim Gorki Theater präsentierte, nahe am erlebten Alltag. In 90 Minuten und sieben Lektionen erlebte das Publikum eine Deutschstunde für Flüchtlinge, die nicht nur sprachliche Barrieren, sondern auch Differenzen bei politischen Einstellungen und Wertvorstellungen gnadenlos offenlegte.
Auf Englisch, Deutsch, Hebräisch und Arabisch wurde gestritten, geeint und aneinander vorbei gesprochen. Oft lustig bis hin zum Klamauk, aber nie oberflächlich. Der Grundkonflikt: Israelis, Palästinenser und Syrer, die in ihren Heimatländern nicht friedlich miteinander umgehen und sich durch Zäune und Mauern voneinander separieren, werden plötzlich nach der Flucht im Deutschunterricht auf kleinstem Raum zusammen gebracht.
Es wird deutlich, dass die Konflikte nicht in den Heimatländern verblieben sind, sondern in den Herzen der Menschen weiter leben und somit im deutschen Asyl zwangsläufig wieder aufeinanderprallen.
Da ist das israelisch-palästinensische Paar, das schon in der Heimat unter Vorurteilen litt. Bei dem der Vater mit dem Sohn nicht in seiner Sprache sprechen durfte, um Repressalien für das Kind zu vermeiden. Jetzt, nach der Flucht, landet die Familie in einer arabischen Hochburg in Berlin-Neukölln, wo alles, was bisher zum Überleben wichtig und richtig war, plötzlich zum Nachteil wird. Eine Situation, an der die Familie zerbricht.
Oder der Syrer, der in seiner Heimat nur durch Schmuggel, Kooperation mit dem IS und dem Assad-Regime eine Möglichkeit zum Überleben gefunden hat, was sein schockierter, deutscher Lehrer Stefan nicht begreifen kann.
Stefan, ein Paradebeispiel eines Gutmenschen, dient als Projektionsfläche für unterschiedliche Erwartungen. Selbst nach dem Zerfall der Sowjetunion geflüchtet, hat er an seinen Eltern gesehen, wie lange Zuwanderer mit ihrer Situation hadern können.
Es braucht oft Generationen, um Familien ihren Lebensstandard wieder erreichen zu lassen, so dass die Sehnsucht der Flüchtlinge nach einem besseren Leben oft auch die Sehnsucht nach ihrer alten Heimat ist.
Der Auftakt der Stücke war zeitgemäß, kritisch und anregend. Anders, aber nicht weniger aktuell geht es in den nächsten Wochen weiter.
Es gibt noch viele Chancen, sich von deutschsprachigem Theater anregen zu lassen. Internationale Konflikte in einer Deutschklasse für Flüchtlinge, zeigt das Maxim Gorki Theater in "The Situation". Foto: Ute Langkafel 13. und 14. Mai "Und dann kam Mirna", Maxim Gorki Theater, Berlin.
16. und 17. Mai "Drei sind wir", Schauspiel Leibzig.
17. und 18. Mai "Zweite allgemeine Verunsicherung", Schauspiel Frankfurt.
22. und 23. Mai "dosenfleisch", Burgtheater Wien.
25. und 26. Mai "Bilder von uns", Theater Bonn. Das weitere Programm
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