Auf ins Dopamin

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Bitte lesen Sie diese Glosse nicht! Sie haben richtig gelesen: Nicht! Das Folgende beschreibt nämlich kein Ruhmesblatt menschlichen Verhaltens. Die Rede ist von der Reaktanz. Der Volksmund nennt das etwas verständlicher den Reiz des Verbotenen.

Das berühmteste literarische Beispiel dazu hat Mark Twain geliefert. Wer kennt nicht die Geschichte von Tom Sawyer, der von Tante Polly dazu verdonnert wird, an einem wunderschönen Badetag einen Zaun zu streichen, dem es aber gelingt, die Sache sogar noch gegen Belohnung an Ben abzuschieben, indem er es ihm als eine für andere verbotene Sache schmackhaft macht.
Ja, so ist der Mensch nun mal. Die Wissenschaftler wissen auch warum: Es werden nämlich bei mit Risiken behafteten Unternehmungen Glückshormone ausgeschüttet. Das war schon bei Adam und Eva so. Dopamin ist schuld an der Vertreibung aus dem Paradies. Das Erlaubte dagegen wird oft als zu langweilig erlebt, weil mit ihm kein Risiko verbunden ist. Erst die Verbote eröffnen die Möglichkeit, Risiken einzugehen, sich den n Kick zu verschaffen.
So kann Freiheit durchaus als Zwang erlebt werden: „Müssen wir schon wieder tun, was wir wollen?“, fragen Schüler, denen ein Lehrer in menschenfreundlicher Absicht zu viel Freiheit einräumt. Wir verstoßen aber nicht nur gerne gegen Verbote, sondern erzählen auch mit Vorliebe davon. Ranken sich nicht die vergnüglichsten Lebens-Erinnerungen um die mehr oder weniger erfolgreichen Umgehung von Verboten? Gott sei Dank gibt’s aber auch den Reiz des Erlaubten. Joggen und Schokolade sind zum Beispiel erlaubt, obwohl sie ebenfalls Glückshormone freisetzen. Ich persönlich versuche, die Vorzüge von beidem zu vereinen, indem ich ausschließlich die Sportschokolade eines höflichen mittelalterlichen Reiters verzehre. Nun sagt aber meine Frau: „Iss nicht zu viel davon, sonst wirst du zu dick!“ Damit macht sie mich hormonell dann überglücklich, besonders wenn sie dem Verzehr nicht beiwohnt.
Für Sozialingenieure liegt natürlich der Gedanke nahe, man brauche nur etwas Nützliches zu verbieten, und schon täten es die Leute sozusagen aus Trotz besonders gern. Also zum Beispiel, indem man das Verbot „Du sollst nicht stehlen“ in das Gebot „Du sollst stehlen“ umkehrt. Mir scheinen solche Umkehrungen allerdings bedenklich, weil das Risiko, dass sich Menschen auch an die irrsinnigsten Gebote halten, viel zu ist groß ist und die Reaktanz versagen könnte.
Wenn Sie jedoch diese Glosse trotz oder gerade wegen des eingangs ausgesprochenen Verbotes gelesen haben, haben Sie etwas für ihre Weiterbildung getan und sind ein schönes Beispiel für eine dem Autor gefällige Anwendung obiger Erkenntnisse.
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5 Kommentare
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Gerd Sternberg aus Bergkamen | 22.05.2017 | 11:39  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 22.05.2017 | 11:59  
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Claudia Jacobs aus Mülheim an der Ruhr | 22.05.2017 | 12:19  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 22.05.2017 | 14:11  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 22.05.2017 | 16:42  
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