Dackel Schnips (2) - Fortsetzung und Ende

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Waldemar Klinghammer „Von änn Dachse was“ aus: „Mein Rudelstadt“ (Rudolstadt), 1909, Band 1, Seite 56
Aus dem Thüringischen ins Hochdeutsche übertragen von Franz Firla


Dackel Schnips 2
...
Es kamen aber trübe Zeiten für das Hundchen. Er kriegte die Hundekrankheit und wurde so elend dass meine Kinder immer um den Korb herumsaßen und heulten und meine Frau auch und das Einzige was er noch annahm war Milch. Unsere Milchfrau konnte den Winter gar nicht genug Milch herbeischleppen und wenn er einmal raus musste da kroch er so erbärmlich und zitterte so und glotzte einen so wehleidig von der Seite an als wollte er sagen: „Holt doch einen Arzt mit mir geht’s zu Ende!“
Ich holte auch einen und der sagte: „Lass ihn vergiften, der lebt keine drei Tage mehr.“
Aber ich konnte es nicht übers Herz bringen meine Kinder hätten mich einen Rabenvater genannt und siehe da das Hundchen lebte im Frühjahr noch und als die Sonne wieder warm schien da legte es sich den ganzen Tag ordentlich hinein wie die Damen drüben in Bauermeisters Sonnenbad und Ostern war er schon wieder so weit dass er mit spazieren ging.
Nur sein Hinterteil war ein bisschen lahm geblieben und wenn er läuft da schlenkert er mit den Hinterbeinen wie eine Balletteuse dass einmal ein kleiner Junge sagte als er ihn sah: „Ach, seht euch mal den verrückten Hund an!“
Die Leute hatten uns geraten wenn er durchkäme da sollten wir ihn nur noch mit Hundekuchen füttern dann kriegte er keinen Rückfall.
Ja, die hatten gut reden!
Ich hatte gleich einen Zentner gekauft aber mein Nobeldachs wollte nichts davon wissen. Er lehnte es ab und hungerte lieber und wie er zu unserem Ärger wieder eine Nacht in dem Kellerloch logiert hatte und uns anguckte als ob wir ihm nach dem Leben trachteten da sagte ich zu meiner Frau: “Weißt du was? Wir wollen den Hundekuchen lieber selber essen und Schnips die Knackwürste geben der Klügste gibt nach.“
Und so wurde es gemacht und der Hund kriegte nun einen Appetit wie ich ihn noch bei keinem armen Handwerksburschen beobachtet habe.
Damals ging ich Donnerstagsabends regelmäßig auf die Kegelbahn bei Frankens und nahm den Hund immer mit.
Da lagen in dem Blechwännchen an der Tafel ein paar alte Hasenpfoten zum Auswischen. Die waren schon ein paar Jahre im Gebrauch hatten nur noch Haare und Knochen und waren ganz voll Kreide.
Aber als einer ihm damit spaßeshalber unter Nase herumgefuchtelt hat da hat er zugeschnappt ist mit der Pfote unter die Bank und hat sie langsam mitsamt der Kreide gefressen.
Da haben sie alle gelacht und die andere auch noch gegeben dass er kein Sodbrennen kriegen sollte. Er fraß auch die und als nachher der Bittlingsmann kam und jeder-wir waren an diesem Abend acht-dem Hund einen Raggener Fettbittling so groß wie ein Ofenscheidt kaufte da hat er die auch weggeputzt dass mir schon himmelangst wurde.
Nachher ging’s zum Pumpenwirt, wo vormals ehe sie die damalige Polizeistation eingeführt haben, noch ein richtiges Rudolstädter Kneipenleben herrschte und mein Dackel ging auch mit.
Kaum saßen wir da hinter den Bierkrügen da kam August rein der Mann mit den warmen Würstchen. Herrje da sprang mein Hundchen an seinem Kessel in die Höhe als hätte er vierzehn Tage nichts zu fressen gekriegt und da haben sie an diesem Abend sechzehn solcher Würstchen für meinen Hund gekauft und tüchtig Senf draufgeschmiert und die hat er alle gefressen und nur bei den letzten dreien da haben sie ihn locken müssen indem sie ihn anfeuerten und zu ihm sagten: „Friss das Tierchen!“ als wenn es ein Karnickel wär.
Und da hat er gedacht die letzten wären noch lebendig und wurde ganz wild und schlang sie auch noch hinunter.
Als wir heim gingen konnte er freilich kaum noch laufen weil der Bauch auf der Erde schleifte und er sah aus wie ein Krokodil das einen ganzen Negerkral gefrühstückt hat und meine Freunde sagten zu mir: Den Hund rührt heute Nacht der Schlag oder er platzt!“
Ich sagte aber forsch: „Den Hund rührt nichts und der platzt auch nicht! Und so war es auch. Am nächsten Morgen da tat er als wenn gar nichts passiert wär und freute sich die ganze Woche auf die Kegelbahn.
Und da ist nichts dran gelogen das muss ich ganz besonders betonen denn wenn man von einem Dackel erzählt da sagt alles: „Ich glaube der Kerl lügt!“ auch wenn man gar kein Förster ist.
Seit dem Würstchenabend kann er auch ein Kunststück ohne dass ich ihn drauf dressiert habe.
Wenn man nämlich eine Streichholzschachtel vor ihm hin und her schüttelt und macht ihn erst wild und brennt danach eins an und legt’s auf den Tisch und sagt ihm: „ Friss das Tierchen!“ dann nimmt er’s ins Maul und schlenkert so lange hin und her bis es nicht mehr brennt und je mehr du ihm gibst desto schneller macht er’s weg und zum Schluss frisst er auch noch die Schachtel.
Auf Tischglocken hat er dieselbe Wut die gehen ihm auf die Nerven! Wenn man sie ihm gibt dann beißt er in die Klingel und wenn man sie wegnehmen will in die Finger.
Er ist eben auch mit der Mode gegangen heutzutage muss ja alles nervös sein sogar die Dackel!
Seine größten Feinde sind Schwärmer und Frösche! Da lässt er keinen richtig zum Krachen kommen.
Sowie der erste Sprüher rauskommt da geht’s drauf wie Blücher und wird wütend hineingebissen und so lange mit der feuchten Nase hineingestupst bis ihm das Lebenslicht ausgeht.
Sein größter Ärger sind die Raketen weil er die nicht auch fressen kann. Sowie eine losgeht rammelt er auf Stühle und Tische rauf als wollte er ihnen in die höchsten Regionen nachfolgen.
Zur Zehnjahresfeier hat er einem ganzen Paket Schwärmer den Garaus gemacht und hatte kein einziges Haar mehr an der Schnauze die hatten sie ihm alle weggebrannt aber wie er den letzten ins Maul nahm und wollte ihn während er sprühte in die Ecke tragen um sich recht eingehend mit ihm zu beschäftigen da ging ja das Luder in seinem Maul los und ich dachte schon es hätte ihm den Unterkiefer weggesprengt aber er blieb heldenhaft wenn auch die Schnauze und die Zunge voller Brandblasen war.
Er hat nur ein bisschen gewinselt und als wir ihm zwei Tage lang immer gute Sahne ums Maul rum geschmiert haben-das hat ihm sehr gefallen-leckte er die Sahne so schnell weg dass wir nicht nachkommen konnten und am dritten Tag war alles wieder im Lot.
Er frisst neuerdings auch wieder Schwärmer wahrscheinlich weil ihm die Arznei so gut gefallen hat.
Einen Winter lang hat ihn ein Schauspieler angekleidet und ließ ihn den Monolog des Antonius vortragen und das sah zum Schießen aus wenn er ihn mit den großen Pfoten agieren ließ und mein Hundchen machte ein Gesicht dazu als wollte er heulen.
Vor vier Jahren da war er freilich einmal kurz vorm Abkratzen!
Er hatte sich immer ins feuchte Nussbaumlaub gelegt und sich einen verdammten Rheumatismus geholt.
Es tat einem in der Seele weh wenn der arme Hund vor Schmerzen winselte und ich hatte auch schon zwei Tierarztdiagnosen eingeholt. Die eine lautete: „Lassen Sie ihn vergiften!“ und die andere: „Lassen Sie ihn erschießen!“
Aber die Kinder hätte mich kalt gemacht wenn ich dem Rat gefolgt wäre sie haben dem Hund allerhand Salben auf die kranken Beine geschmiert und Arznei eingetrichtert ich musste ihn sogar selbst einmal klistieren aber es half alles nichts und meine Frau meinte schon sie wollte einmal mit dem Hund nach Jena zum Professor wie es jetzt Mode ist.
Aber als der Frühling wieder kam da ist er auf den Vorderbeinen raus in den Garten gehumpelt und hat sich in die Sonne gelegt und grade als ich ein Kärrchen für ihn fertig hatte, das auf Rädern lief und für sein gelähmtes Hinterteil bestimmt war dass er es leichter nachschleifen könnte da stand er auf einmal ganz von selbst wieder auf allen Vieren.
Welche Freude bei den Kindern! Meister Vogler konnte gar nicht genügend Wurstzipfel liefern mitsamt den Bindfäden hat er sie reingewürgt der Rekonvaleszente!
Um jene Zeit hatte die Kleinste einmal aus Mitleid eine winzige Katze ins Haus geschleppt die miaute den ganzen Tag und hatte die Raute und eine Rotznase und wenn sie genug miaut hatte dann schnurrte sie auch wieder und soff Milch.
Und weil die Kinder so bettelten haben wir sie behalten.
Schnips war es freilich gar nicht recht dass er auf seine alten Tage noch einen Mitesser bekommen hatte aber das Kätzchen war artig und bescheiden und als er sie eine Woche recht brutal beschnüffelt hatte dass die Katze immer einen Schwanz wie ein Borstenbesen bekam dann hat er sich nachher dran gewöhnt und sie fraßen aus einem Napf wie zwei Brüder.
Aus der Katze wurde ein schönes großes Tier das mit dem Hund manchmal gar Schindluder trieb.
Wir haben einen dreieckigen Ofen in der Stube und wenn sich die zwei rumjagten dass die Haare wegflogen und mein Dackel wütend wurde weil er eine Maulschelle nach der anderen von ihr kriegte und tat als wollte er beißen und so durchdringend bellte dass alle Seiten im Klavier mitklangen da sprang die Katze immer hinter den Ofen und Schnips wollte hinterher.
Aber dahinter kam er nur noch mit dem halben Kopf der Körper war zu dick und wie er auch würgte die Kacheln gaben nicht nach!
Während er aber da hing und blies und schnaubte kam die Katze sachte auf der anderen Seite wieder raus lederte ihm eine auf den Hintern und verschwand wieder und wenn der Hund rüber lief da kam sie unversehens wieder von der anderen Seite raus und machte es gerade so.
Wir haben uns damals manchmal abends den Bauch gehalten vor Lachen über die zwei Tiere.
Eines schönen Tages spielten sie mal wieder im Garten miteinander und alle Leute die vorbeigingen die lachten – da kam auf einmal so ein Foxterrier-er gehörte einem Nachbar in der Großen Allee-hast du nicht gesehn in den Garten reingeschossen packte die Katze die dachte er wollte mit ihr spielen beim Schlafittchen und schüttelte sie hin und her bis sie keinen Laut mehr von sich gab.
Da half weder Heulen noch Schreien der Kopf der Mietze hing nur noch wie an einem Bindfaden und das Bein auch aber sie haben alle beide -der Dackel auch mit - so lange an den Wunden geleckt bis der Kopf wieder fest saß.
Seitdem hatte aber mein Hund so einen Hass auf die Leute dahinten dass er sofort bellte wenn der Terrier oder sein Herr oder die Frau und die Kinder am Gartenzaun vorbei kamen.
Sogar die Pferde und die Knechte von dem Mann hat er angebellt und als der Mann schließlich gestorben war da hat er dem Leichenwagen noch hinterhergeschimpft.
In der Laufzeit ist mein Hund manchmal mit rumgeprescht wenn so eine Karawane vom größten
Fleischerhund bis zum kleinsten Zwergdackel einer Herzallerliebsten durch alle Gassen nachrannte und vor jedem Laden die Auslagen markierten aber Ernst war ihm dabei nicht.
Nur einmal hat er in der Borngasse eine Liebschaft mit einer Dogge angefangen und da ging er immer schon früh um sechse hin und ich musste nachher in einer Tour Strafmandate bezahlen weil er keinen Maulkorb mit auf seine Freierstour genommen hatte! Das würde einem Menschen wohl auch nicht passen und weil ihm die Polizei immer so auf die Finger sah da hat er schließlich gedacht: „Ihr könnt mich mal“ und ist Mönch geworden.
Seine scheckige Farbe hat immer viel Aufsehen erregt und damit haben wir einmal einen richtigen Spaß gehabt.
Da war so ein neumodischer Literat der alles besser wissen wollte und unter anderem auch behauptet hatte Goethe und Schiller wären eigentlich gar keine Dichter gewesen - die richtige deutsche Dichterei die fing eigentlich erst mit Holzen und Schlafen an - der spielte sich einmal abends auf dem Bahnhof als Hundekenner auf und fragte als er Schnips sah was das eigentlich für eine Rasse sein sollte das wäre ja gar keine Rasse!
Und weil mir nichts anderes wussten da sagte ich und mein Freund Eduard ganz ernsthaft das wäre ein echter „schottischer Nobeldachs“.
Die Rasse gibt’s nun freilich gar nicht denn wir haben sie selber erfunden aber weil der penetrant wurde und immer sagte das stimmt nicht das wär kein reinrassiger Nobeldachs da haben wir noch fix einen Stammbaum zu dem Hund dazu erfunden und ließen uns anschließend von ihm auseinandersetzen was die Merkmale von einem echten schottischen Nobeldachs wären und da log der nun das Blaue vom Himmel herunter und gab die Größe und den Bau zentimetergenau an und als er fertig war da haben wir ihn aufgeklärt und haben ihn ganz gehörig ausgelacht mit seinem Hundeverstand und seinem großen Maul!
Guckt jetzt ist mein Schnips alt und pummelig geworden und liegt manchmal den ganzen Tag lang wie erschöpft in seinem Korb aber draußen im Wald und auf der Wiese da ist er noch mordslebendig.
Die Hasen reißen freilich nicht mehr vor ihm aus wenn er so angetappelt kommt aber auf die Maulwürfe ist er noch mordsscharf und neulich hat er in meinem Berg ein Karnickel gefangen und hat es mit Haut und Harren gefressen und wie er zuletzt noch den Kopf reinwürgte da habe ich gedacht der Hals müsste ihm platzen.
Nur die Gänse kann er nicht leiden vor denen fürchtet er sich und geht ihnen im großen Bogen aus dem Weg seit ihn mal eine angefaucht und in die Kehle gekniffen hat dass er fürchterlich schrie und wenn er aus dem Wald kommt hat er immer so viel Holzböcke am Leib wie Liszt Warzen im Gesicht.
Er ist jetzt musikalisch geworden wegen seiner Nerven wenn jemand singt oder spielt da hebt er den Kopf hoch und heult so gottjämmerlich mit dass es einen Stern erbarmen kann und da hat mein Großer auf der Gitarre eine Begleitung dazu gemacht das ist zum Totlachen wenn die zwei loslegen.
Meine Jungen haben für ihn einen Zylinder mit einer blauweißen Konkarde gemacht den kriegt er manchmal auf wenn wir spazieren gehen und da ist er ganz stolz drauf und macht ein Gesicht als wenn er eine große diplomatische Mission erfüllen sollte oder als wenn er zur Platzmusik befohlen wäre und die Leute bleiben alle stehen und lachen!
Und wenn man zu ihm sagt: “Wie spricht der Hund, da bellt er ganz laut und sagt man: „Wie spricht das Hündchen, da bellt er ganz leise nun kurzum wir haben ihn alle gerne und wenn er einmal sterben sollte da werde ich mich wohl nicht auf sein Grab legen und er auch nicht auf meins wenn ich eher sterben sollte denn Dackel haben nichts Sentimentales an sich und man könnte ihn höchstens dazu kriegen wenn man eine Knackwurst drauf legte aber vermissen würden wir ihn doch und wenn ich einen Nachfolger kaufte da wäre es kein Spitz und kein Mops und kein Foxterrier und kein Collie und kein Pudel und kein Pinscher und keine Dogge nicht sondern immer und immer wieder ein Dackel!
Denn die Luder hören nicht und leben nach ihrem eigenen Kopf aber solch die keine eigene Meinung haben und sich immer nur nach anderen richten die Sorte gibt’s unter Menschen schon genug und auf die – da pfeif ich.
Denn man lebt nur einmal und will doch was erleben und wenn du das willst dann kauf dir nur einen Dackel der sorgt dann schon dafür aber es muss ein echter schottischer Nobeldachs sein und Schnips muss er heißen!
7
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2 Kommentare
32.415
Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 18.03.2017 | 08:38  
7.827
Franz Firla aus Mülheim an der Ruhr | 18.03.2017 | 10:10  
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