Die Luise hörte zu: Zeitgeschichte aus erster Hand berührte Schüler

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"Ihr Besuch ist für uns sehr wertvoll und deshalb sind wir Ihnen dafür dankbar!" würdigte Luisenschullehrerin Dr. Beate Schulte die beiden Zeitzeugen Evan Timm und Horst Heckmann. (Foto Emons)
 
v.l. Eva Timm, Horst Heckmann, Tristan Haarmann, Tessa Wittenberg, Chiara Roovers (Foto: PR-Fotografie Köhring/SM)

Geschichte kann spannend und berührend sein. Diese Erfahrung machten jetzt 30 Jungen und Mädchen aus der Klasse 9c der Luisenschule. Mit ihrer Klassenlehrer Dr. Beate Schulte hörten sie den beiden Zeitzeugen Eva Timm und Horst Heckmann zu. Drei Stunden einer Zeitreise in die NS- und Kriegszeit vergingen, wie im Flug.

Horst Heckmann, 1928 in Mülheim geboren und Eva Timm, 1926 in Berlin geboren, berichteten aus ihrer Kindheit und Jugend unter dem Hakenkreuz. Es waren zum Teil beklemmende Erinnerungen aus der Zeit des Dritten Reiches, die Timm und Heckmann wach riefen und die niemanden im Klassenraum kalt ließen.

Heckmann erinnerte sich zum Beispiel daran, dass er zusammen mit seinen Klassenkameraden nach dem Luftangriff in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1943 mit seinen Klassenkameraden verwundete Patienten aus dem von Bomben getroffenen St. Marien-Hospital auf den Wiesen des Alten Friedhofes an der Dimbeck lagern oder Brandbombenreste mit einer Schippe aus getroffenen Häusern auf die Straße werfen mussten. Er berichtete von einem Fackelzug, mit dem Hitlers Anhänger auch in Mülheim 1933 den neuen Reichskanzler feierten und von seinem täglichen geistigen Spagat zwischen Jungvolk, Hitler-Jugend und der Jungschar des christlichen Vereins junger Menschen (CVJM).

Wie Heckmanns Eltern, die einen christlichen und gewerkschaftlichen Hintergrund hatten, standen auch Timms bürgerlich-liberale Eltern, der Vater war Architekt, den Nazis ablehnend gegenüber. "Meine Mutter hat sich an den im April 1933 verordneten Boykott jüdischer Geschäfte nie gehalten", erinnerte sie sich ebenso, wie an eine denkwürdige Begebenheit am 20. Juli 1944: "Im Hausflur erzählte mir eine Freundin vom Attentat auf Hitler. Ich fragte: 'Hat er überlebt?' Als sie bejahte, antwortete ich ihr: 'Schade!' Daraufhin zog mich meine Mutter, die mitgehört hatte, sofort in unsere Wohnung und gab mir die einzige Ohrfeige meines Lebens. Noch heute höre ich ihren Satz: 'Bist du verrückt geworden? Das kann dich den Kopf kosten!'"

Beide Zeitzeugen erinnerten sich an jüdische Nachbarn, die plötzlich nicht mehr da waren oder deren Wohnungen in der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 geplündert und zerstört wurden. Der damals zehnjährige Horst konnte nicht verstehen, "warum die Feuerwehr vor der schönen jüdischen Kirche am Viktoriaplatz stand und deren Brand nicht löschte." Schon zwei Jahre zuvor hatte die damals zehnjährige Eva 1936 im Berliner Olympiastadion nicht begreifen können, warum Adolf Hitler dem afroamerikanischen Olympiasieger Jesse Owens den eigentlich obligatorischen Handschlag des gastgebenden Staatsoberhauptes verweigerte.

Beide Zeitzeugen lobten die Luisenschüler am Ende ihrer Zeitreise und bekamen von diesen viel Lob zurück: "Heute habe ich Geschichte nicht nur gelernt, sondern auch gespürt." - "Heute habe ich begriffen, dass man sich für Politik interessieren und sich engagieren muss!" "Ich habe begriffen, dass man den Mut zur eigenen Meinung haben und Dinge kritisch hinterfragen muss", bilanzierten die Schüler die Konsequenzen aus ihrer bewegenden Zeitreise. Thomas Emons 
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