Die Sprache der Praxis

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Meine Besuche verschiedener Praxen geben mir neben der Hoffnung auf schnelle Heilung vor allem immer wieder neue Einblicke in eine Terminologie, die dem gesunden Menschen verschlossen bleibt. Ich meine da nicht so sehr das Medizinerlatein, mit der Ärzte immer noch bedeutungsvoll herumfuchteln, damit sie- wenn schon nicht die Ursache der Krankheit - dem Patienten überhaupt etwas zu erklären haben.

Nein, es ist die Sprache der netten Arzthelferinnen, mit der sie routiniert die Patienten dort hinein und da heraus komplimentieren. Da gibt es zuweilen auffällige, praxenübergreifende Übereinstimmungen in der Sprachregelung. Sie werden entgegen ihren Erwartungen, überall gebeten, nur allerhöchstens „einen Augenblick“ im Wartezimmer Platz zu nehmen. Aber wehe Sie erheben sich erwartungsvoll und sprachbewusst bereits nach wenigen Minuten. Das kostet sie garantiert den Sitzplatz, denn so "ein „Augenblick“ ist ärztlicherseits potentiell unendlich.

Wenn sie es dann nach Millionen Augenblicken endlich geschafft haben, in die geheiligten Räume vorzudringen, lauert die nächste Verbalfalle auf Sie: „Der Doktor kommt sofort!“ Das bedeutet übersetzt: Es kann noch dauern. Er hat gerade erst begonnen, sich mit dem Patienten vor Ihnen zu befassen. Aber nur, wenn Sie Glück haben.

Im Laufe der Behandlung erwartet Sie weiteres Verharmlosungsvokabular. Auffällig in letzter Zeit ist der inflationäre Gebrauch des Wortes „einmal“. Wenn Sie zum Röntgen müssen, werden Sie, nachdem Sie ja schon einen Augenblick dort saßen, aufgefordert: „Bitte einmal im Wartezimmer Platz nehmen!“ bis sie nach weiteren endlosen „Augenblicken“ aus dem Lautsprecher aufgefordert werden: „Herr Meier, einmal in Kabine 1“.

Dort ruft dann irgendwann die Durchleuchtungsfee hinein: „Einmal den Oberkörper frei machen“. Wobei mir persönlich „freimachen“ nach Versenden eines Poststückgutes mit entsprechendem Wertzeichen klingt. Einen „Augenblick“ später dürfen Sie „einmal tief einatmen“! „Würde zweimal tief Einatmen da überhaupt einen Sinn machen?“ frage ich mich. Aber es ist nun einmal Verharmlosungsvokabular. Einmal ist doch keinmal. Das wäre ja gelacht, wenn wir uns da über die zwei Stunden aufregen, die wir bisher schon in der Praxis verbracht haben.

Nein, wir lassen uns von den Märchenerzählern in weißen Kitteln immer wieder sprachlos einlullen. Erinnern wir uns doch, dass auch jedes Märchen mit „Es war einmal“ anhebt und im Grunde genommen zeitlich unbegrenzt fortdauert. Denn entweder sind sie gestorben oder leben heute noch.
Und so findet man sich auch nach jeder Erzählung in eben jenem Wartezimmer wieder, in dem man „einmal“ für „einen Augenblick“ Platz genommen hat.

P.S. Der „Praxistest“ meines Beitrags fiel gestern Morgen blamabel aus, bedeutete die Maid mir doch ganz neutral: „Sie dürfen Platz nehmen!“
Sicher, ich hatte das hier schon mal veröffentlicht. Sie wird wohl auf einer Schulung gewesen sein. Aber was heißt denn hier „dürfen“? Durchlauchtigster Doktor, darf ich Sie einmal einen Augenblick sprechen?
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6 Kommentare
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Renate Croissier aus Lünen | 29.06.2017 | 07:59  
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Peter van Rens aus Oberhausen | 29.06.2017 | 09:25  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 29.06.2017 | 11:14  
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 29.06.2017 | 15:06  
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Franz Firla aus Mülheim an der Ruhr | 29.06.2017 | 16:25  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 29.06.2017 | 17:50  
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