Pöbeleien und Hetze in kirchlichen Grabenkämpfen

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(V.l.n.r) Dr. Andreas Püttmann, Reinhild Rössler, Makus Potthoff und Jens Oboth diskutierten über eine Verrohung der Debattenkultur in der Kirche. (Foto: Foto: Achim Pohl)

In der „Wolfsburg“ diskutierten der Journalist Andreas Püttmann, die Studentin Reinhild Rössler und der Theologe Markus Potthoff, warum es auch in der Kirche eine Verrohung der Debattenkultur gibt.

Pöbeleien, Hetze und Beleidigungen sind nicht nur ein Merkmal aktueller politischer Auseinandersetzungen, etwa um die Flüchtlingsfrage – sie kennzeichnen auch den Umgang in manchen Kirchen-Kreisen. Das wurde am Donnerstag, 17. März, bei einer Podiumsdiskusion in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim deutlich.
Unter der Überschrift „Atmosphärische Störungen“ diskutierten der Journalist Andreas Püttmann, die Vorsitzende des Mediennetzwerks Pontifex, Reinhild Rössler, und Markus Potthoff, Leiter der Hauptabteilung Pastoral und Bildung im Bischöflichen Generalvikariat des Bistums Essen, mit Moderator Jens Oboth über das aktuelle „Binnenklima in der Kirche“.


Streit braucht einen respektvollen Ton


Flügelkämpfe zwischen konservativen und liberalen Gruppen in der Kirche seien nicht neu und könnten auf der Suche nach Wahrheiten durchaus produktiv sein, waren sich Püttmann und Potthoff einig. Wichtig sei ein respektvoller Ton – doch an dem mangele es heute oft. Die Zeiten, als man mit der Bezeichnung „Panzerkardinal“ für den späteren Papst Benedikt XVI. in konservativen katholischen Kreisen noch für Aufruhr sorgen konnte, erscheinen vergleichsweise kuschelig, schaut man etwa auf die Reaktionen, mit denen Püttmann konfrontiert ist. Seit der einst streitbare Konservative in der deutschen katholischen Medienszene nicht mehr nach der Fasson seiner Leser schreibt, hagelte es nach seiner Aussage erst Ermahnungen, dann Diffamierungen und schließlich Schikanen und Beleidigungen, „immer gern unter die Gürtellinie“, beschrieb Püttmann. Analog berichtete Potthoff von Reaktionen, denen Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck ausgesetzt ist. Püttmann betonte: „Ich habe meine katholischen Positionen nicht geändert“, vielmehr habe sich das kirchliche und politische „Koordinatensystem“ verschoben: „Es hat einen deutlichen Rechtsruck gegeben“.

Kirche und Politik


Immer wieder streifte an diesem Abend das Gespräch über die Kirche die Politik. In der Kirche beobachte man „ähnliche Phänomene wie in der deutschen Gesellschaft“, beschrieb es Oboth mit Blick auf die politische Auseinandersetzung mit der AfD. Hier wie dort gebe es „eine Verrohung der Debattenkultur“ bestätigte das Podium. Als einen Grund dafür nannte Püttmann die Internet-Kommunikation. „Da findet jeder für seine Idee ein paar Hundert Leute, die das gleiche denken.“ Doch diese „Selbstbestätigungszirkel“ seien „verderblich für Toleranz und Dialogfähigkeit“. Auch Rösler, die mit dem aus der „Generation Benedikt“ entstandenen Netzwerk Pontifex viel im Internet und in Sozialen Netzwerken unterwegs ist, sieht in der Online-Kommunikation Probleme. Stattdessen sollten die Menschen mehr miteinander reden, „im persönlichen Gespräch redet man nicht so, wie es im Internet steht“. Sie warb zudem dafür, „politische Einstellungen aus dem eigenen Glauben und der eigenen Spiritualität heraus zu entwickeln, und nicht umgekehrt“. Dafür brauche es mehr Gebete als Diskussionen.

„Politischer Bazillus“ in kirchlichen Flügelkämpfen


Püttmann sprach vom „politischen Bazillus“ der heute in den kirchlichen Flügelkämpfen rumore. Hätten konservative und liberale Katholiken früher über die Sakramente, die Liturgie und den Zölibat gestritten, gehe es heute mit Debatten um das Familienbild, um Formen des menschlichen Zusammenlebens, den Islam oder die Meinungsfreiheit um die gleichen Themen wie in rechtskonservativen gesellschaftlichen Kreisen. „Christen wählen unterdurchschnittlich stark Rechtsaußen-Parteien“, betonte der Journalist. Dennoch gebe es in beiden Konfessionen christliche Gruppen, die sich diesen Parteien näherten. Zudem wären Christen für Parteien wie der AfD eine willkommen Legitimation als angebliche „Verteidiger des christlichen Abendlandes“. „Das Christentum wird als Dekor genutzt“, beschrieb es Potthoff. Püttmann sieht in diesen Gruppen zudem „eine Art Katholisch-sein ohne Christsein“ – Menschen, die die äußere Form liebten, aber kaum zentrale christliche Inhalte wie Empathie und Barmherzigkeit verträten.
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