Zu wenig Ausbildungsplätze

Anzeige
Melina Kalveram hat bei Dr. Christiane Schneider ihren Ausbildungsplatz gefunden. (Foto: PR-Foto Köhring/TR)

Pünktlich zur bundesweiten Bilanz zum Ausbildungsjahr kamen alle Mülheimer Ausbildungsmarktpartner zusammen, um ein Resümee zu ziehen. Die Agentur für Arbeit Mülheim, die Sozialagentur Mülheim, die IHK zu Essen, der Deutsche Gewerkschaftsbund DGB und die ver.di Bezirksvertretung Mülheim-Oberhausen trafen sich dazu gemeinsam mit Doktor Christiane Schneider in ihrer Praxis für Kieferorthopädie. Die Bilanz zeigt: Mülheim hat zu wenig Ausbildungsplätze.

In diesem Jahr kommt ein Bewerber auf 0,79 Stellen. Damit liegt Mülheim knapp unter dem Landesschnitt von 0,81. In den letzten Jahren hat sich das Verhältnis von Bewerbern und Ausbildungsstellen kontinuierlich verschlechtert. Eine grosse Herausforderung ist es, die Bewerber und die Betriebe zusammen zu bringen.

Bei der Berufsberatung der Agentur für Arbeit haben sich 1.304 Jugendliche und junge Erwachsene gemeldet, um bei der Suche nach dem passenden Ausbildungsplatz unterstützt zu werden. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Bewerber somit um 185 angestiegen. Gleichzeitig ist die Zahl der bei der Agentur für Arbeit gemeldeten Ausbildungsstellen zurückgegangen. Mit 1.026 gemeldeten Ausbildungsstellen ist die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um 76 Stellen gesunken.

Kritische Entwicklung

Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Oberhausen Jürgen Koch sieht die Entwicklung am Ausbildungsmarkt kritisch. „Während die Zahl der Bewerber um eine Ausbildungsstelle, nicht zuletzt durch geflüchtete Menschen, steigt, nimmt das Angebot an Ausbildungsstellen ab. Wir haben also nicht mehr die komfortable Situation, dass auf eine Ausbildungsstelle ein Bewerber kommt“.

Für die Zukunft sei es wichtig eine Balance zwischen der Hochschule Ruhr-West und der Wichtigkeit einer dualen Ausbildung nach vorne zu tragen. Da eine duale Ausbildung laut Jürgen Koch das Sprungbrett für eine vernünftige Ausbildungsbiografie sein kann, appelliert der Vorsitzende alle Betriebe wieder mehr auszubilden.

Beschreiten neuer Wege

Dass die Suche nach geeigneten Kandidaten auch aus Arbeitgeber-Sicht zunehmend schwieriger wird, weiss Doktor Christiane Schneider: „Ich habe meine Praxis an diesem Standort jetzt seit 10 Jahren und es war nie einfach passende Kandidaten zu finden. Jedoch wird es zunehmend schwieriger“. Während sich früher Kandidaten noch bei ihr beworben haben, ist das heute kaum noch der Fall. Daher musste sie neue Wege beschreiten. „Ich fand die Idee der Agentur für Arbeit ein Azubi-Speed-Dating zu veranstalten spannend“, erinnert sich Doktor Christiane Schneider. Dabei lernen die Schüler Innungsbetriebe aus sechs Berufsfeldern des Handwerks kennen und führen Bewerbungsgespräche für duale Ausbildungen, Einstiegsqualifizierungen und Praktika.

Für den Leiter der Sozialagentur Klaus Konietzka ist eine Ausbildung ein Erfolgsfaktor für Unternehmen und ein Erfolgsfaktor dafür, jungen Menschen eine eigenständige Lebensführung und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Demnach sei die Ausbildung heute auch ein Erfolgsfaktor für morgen. „Allerdings gestaltet sich der Übergang von Schule in Ausbildung für viele Jugendliche zunehmend schwieriger. Daher stehen wir im U25-Haus Jugendlichen sowie älteren beratend und begleitend zur Seite“, erklärt Klaus Konietzka.

Mit Übergangsbegleitern an neun Schulstandorten begleitet die Sozialagentur jährlich fast 500 Schüler. Desweiteren ist die Ausbildungsmesse „Berufsstart“ eine Plattform für den unmittelbaren Kontakt und Austausch von mehr als 1300 Schülern mit 61 regionalen Unternehmen. „Dieses Jahr fand die zehnte Messe statt und sie ist für uns zu einem wichtigen Instrument geworden“, so Klaus Konietzka.

Aktionsplan Ausbildung

Auch für Franz Roggemann, Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung der IHK, fällt die Bilanz negativ aus. „Wir haben leider einen erheblichen Rückgang im gewerblichen sowie kaufmännischen Bereich und dieser zieht sich durch alle Branchen. Mit einem Rückgang von 54 Verträgen ist der erfreuliche Zuwachs aus dem Vorjahr leider wieder kompensiert“. Laut Franz Roggemann nimmt auch die Qualität der Abschlüsse in Nordrhein-Westfalen ab. „Im Vergleich zu den anderen Bundesländern, sind wir derzeit Vorletzter“. Daher startete die IHK im Frühjahr den Aktionsplan „Ausbildung 2017“. „Dabei haben wir unter anderem 1500 Unternehmen direkt persönlich oder telefonisch angesprochen und für die betriebliche Ausbildung geworben“. Laut Franz Roggemann war die direkte Akquise ein Erfolg: „300 Betriebe wollten in diesem Jahr eine Ausbildung anbieten“.

Jugendbildungsreferent Jan Mrosek des Deutschen Gewerkschaftsbundes appelliert ebenfalls die Betriebe mehr in Ausbildung zu investieren. „Die Ausbildung im Dualen System ist immer noch der Garant für fachlich hochqualifizierte Arbeitskräfte. Darüber hinaus ist die Ausbildung der erste Schritt in ein selbstbestimmtes Leben“. Um die Mobilität der Auszubildenden zu erhöhen, wünscht sich der DGB ein Azubi-Ticket mit dem die Auszubildenden vergünstigt pendeln können. Zudem begrüsse Jan Mrosek Azubi-Speed-Datings und Ausbildungsmessen. „Die zukünftigen Auszubildenden zeigen ein tolles Engagement und gerade vor dem Hintergrund der Digitalisierung und der immer höheren Anforderung an die Arbeit, ist es umso wichtiger geworden gut qualifizierte Fachkräfte zu haben“.

Kompetenzen vereinen

Um die Zusammenarbeit der Akteure noch zielgerichteter zu gestalten, fordert Jürgen Koch eine Verbesserung der Abstimmungen der Einrichtungen. „Wir müssen die Aufgaben der Stadt und der Agenturen viel besser bündeln und uns besser abstimmen. Dann muss nicht jede Einrichtung einzeln die Betriebe nach möglichen Ausbildungsstellen fragen und wir können den zukünftigen Azubis den Einstieg erleichtern“.

Freie Ausbildungsstellen für das kommende Jahr können jetzt schon bei der Arbeitsagentur und dem Jobcenter gemeldet werden. Jugendliche die Kontakt zur Berufsberatung oder eine Ausbildungsstelle suchen, können sich kostenlos unter der Telefonnummer 0800 4 5555 00 an die Agentur für Arbeit wenden und einen Beratungstermin vereinbaren. Informationen gibt es im Internet auf www.arbeitsagentur.de. Unternehmen, die Unterstützung bei der Suche nach Auszubildenden wünschen, erreichen den gemeinsamen Arbeitgeber-Service der Arbeitsagentur unter der kostenlosen Telefonnummer 0800 4 5555 20.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.