Zufluchtsort Luftschutzraum

Sukran Jansen vor dem Eingang zum privaten Luftschutzraum. (Foto: Nicole Trucksess)
 
Im hinteren Teil des Gartens befindet sich der Luftschutzraum. (Foto: Nicole Trucksess)
Als mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in den Westteil Polens am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, änderte sich das Leben auch in Deutschland von Grund auf.
Zwar hatte der Kriegsbeginn anfangs keine direkten Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung, spätestens aber mit den Luftangriffen der Alliierten bekamen die Deutschen die Konsequenzen der Diktatur Adolf Hitlers zu spüren. Zuflucht in Zeiten der Luftangriffe fanden die Einwohner vor allem in so genannten bombensicheren Luftschutzräumen (BOS. L.S.R.), deren (Aus-)Bau Hitler am 10. Oktober 1940 in einem geheimen Schreiben anordnete.
Heute, gut 65 Jahre nach Kriegsende, haben sich die Mitglieder des Vereins Bunkerwelten e.V. Mülheim die Erforschung, Dokumentation und dauerhafte Erhaltung zumindest einiger lokaler Luftschutzräume zur Aufgabe gemacht. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit soll dabei auf der Gründung eines Bunkermuseums liegen.
Wenn Sukran Jansen, Pressewartin des Mülheimer Vereins, durch eine kleine Tür im hinteren Teil ihres Gartens an der Albertstraße 28 verschwindet, um den privaten Luftschutzkeller auf ihrem Grundstück zu betreten, kann sie sich ungefähr vorstellen, was vor mehr als einem halben Jahrhundert passiert sein muss, als ohrenbetäubende Sirenen vor weiteren Luftangriffen der alliierten Streitkräfte warnten.
„Die Menschen strömten von überall her in die Luftschutzräume, ich hörte sie weinen, habe selbst auch geweint; der Kalk rieselte von den Wänden. Und nebenan schlugen die Bomben ein“, erinnert sich der Zeitzeuge und Vorsitzende des Vereins Bunkerwelten, Hans-Georg Hötger, an die Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs.
Zusammengepfercht wie Vieh saß der pensionierte Geschichtslehrer selbst mit verängstigten Nachbarn in einem Luftschutzraum, anfangs zwei bis drei Stunden, später bis zu zehn Stunden. „Fast doppelt so viele Menschen wie geplant zwängten sich in die Räume und warteten auf den nächsten Knall. Beschäftigung war aufgrund der Enge nur in Grenzen möglich, gesundheitliche Probleme wie Läuse und Wanzen waren die Folge, ebenso Epidemien wie Fleckfieber“, erzählt der 79-Jährige.
Nur 13 Prozent der damals rund 140.000 Mülheimer fanden in Luftschutzräumen (L.S.R.) Platz - und das, obwohl das Luftschutzbauwesen bis heute als das größte zweckgebundene Bauprogramm der Menschheitsgeschichte gilt. Die Kosten für das Programm sollen sich auf zirka 120 Milliarden Reichsmark belaufen haben und sowohl den Bau der öffentlichen Bunker als auch die Bereitstellung des Materials für die privaten Luftschutzkeller abgedeckt haben.
Mülheim gehörte genau wie Essen, Duisburg und Oberhausen zu der ersten Welle der Städte, in denen bis August 1941 Luftschutzräume gebaut beziehungsweise ausgebaut wurden. Der Grund: Mit der Firma Thyssen & Co. und der Friedrich-Wilhelms-Hütte fanden sich zwei Rüstungsbetriebe in der Stadt, die Ziel der Luftangriffe hätten sein können. Allerdings trafen die Bomben nicht die Anlagen, sondern hauptsächlich Dichterviertel und Kirchenhügel. Der schwerste der gut 160 dokumentierten Fliegerangriffe zerstörte 1943 die gesamte Mülheimer Innenstadt.
Ursprünglich gehörten die Luftschutzräume nach Kriegsende dem Bundesvermögensamt, bis viele nach und nach abgerissen wurden. In Mülheim obliegt die Verwaltung der Bauwerke dem Immobilienservice der Stadt, sie werden teils für Polizeiübungen und als Lagerfläche genutzt.
„Gern würde sich die Stadt von den L.S.R. trennen“, weiß Hötger. „Von den 17 öffentlichen Bunkern sind nur noch drei gut erhalten, der Rest ist in einem schlechten Zustand. Die Hochbunker sind zwar trocken, aber nicht richtig entkernt.“ Und weil die Luftschutzräume alle zwei Jahre begangen werden müssten, jedoch nicht wirklich nutzbar seien, seien sie einfach nicht wirtschaftlich. Zudem müsste die Stadt dafür Sorge tragen, dass die ehemaligen Zufluchtsräume sicher verschlossen seien. Und die privaten Bunker? „Sind in Teilen total zugemüllt“, bedauert der Vorsitzende. „Ein Grund mehr, die Arbeit des Vereins voranzutreiben und die Bauwerke für die Nachwelt zu erhalten.“

Der Verein Bunkerwelten e.V. Mülheim wurde am 30. Oktober 2009 offiziell gegründet und als gemeinnütziger Verein deutscher Denkmalpflege anerkannt. Die Mitglieder, darunter Akademiker, Beamte, Lehrer und Pensionäre, haben sich in erster Linie zum Ziel gesetzt, ein interaktives Bunkermuseum im authentischen und gut erhaltenen Hochbunker an der Meißelstraße 12 zu gründen. Um dieses Vorhaben realisieren zu können, ist die Hilfe von
Mülheimer Mitbürgern gefragt. Zum einen werden Relikte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, vor allem Feuerklatschen und -eimer sowie (englische und amerikanische) Flugblätter und Lebensmittelkarten gesucht, die dem Museum als dauerhafte Leihgabe zur Verfügung gestellt werden können; zum anderen Zeitzeugen, die kuriose und interessante Geschichten aus dieser Zeit zu erzählen haben, um sie in Form von Dokumentationen allen Bürgern, besonders der jungen Nachwelt, zu erhalten. Sammler können sich an Hans-Georg Hötger unter Tel. 758597 wenden, Zeitzeugen melden sich bei Sukran Jansen unter Tel. 0177-7755526. Wer Interesse an einer Führung hat, kann sich ebenfalls mit Hans-Georg Hötger in Verbindung setzen.
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