Asylbewerber in Mülheim: Ein Blick hinter die Kulissen im Standort Gustavstraße

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Glücklich endlich in Mülheim angekommen zu sein und wieder ohne Angst einschlafen zu können - Familie Salimovic. (Foto: Köhring)
 
Lachend mit der ganzen Familie in der Sonne sitzen und wissen, dass man ohne Angst einschlafen kann. Das kann Luxus sein. (Foto: Köhring)
Mülheim an der Ruhr: Asylbewerberunterkunft Gustavstra |

Ihre Wurzeln liegen in Serbien, Somalia, dem Irak, Syrien und all‘ den anderen Krisenherden dieser Welt, die wir meistens nur während des 30 Sekunden-Spots in der Tagesschau wahrnehmen.




Schwer liegt der Nebel auf der Rasenfläche, die von drei Seiten von den trüb und wenig einladend wirkenden Gebäuden eingerahmt wird. Dort leben in diesem Moment rund 200 Menschen aus genau diesen Ländern, die hier essen, schlafen, spielen und vor allem träumen. Träumen davon, dass ihrem Asylantrag statt gegeben wird. Zum Träumen haben die zwei Mädchen im Teenageralter und ihr nur wenig älterer Bruder gerade aber keine Zeit. Weit müssen sie nicht laufen aus dem Büro der zuständigen Sozialarbeiterin hinüber in ihre Wohnung. Doch selbst diese 30 Meter werden gefühlt dreimal so lang, wenn man statt fester Schuhe nur leichte Kunstoff-Clogs an den Füßen hat und statt warmer Winterkleidung lediglich sommerliche Leggins und dünne Pullis den Körper vor vier Grad Außentemperatur schützen. Luxus ist definitiv anders. Wie weit die Lebensbedingungen der Menschen an der Gustavstraße von den realitätsfernen Vorstellungen mancher Anwoher in Styrum entfernt sind, macht spätestens der Besuch bei Familie Salimovic deutlich.

„Dass meine Frau wieder gesund wird und wir ohne Angst schlafen können.“
Herr Salimovic, Asylbewerber


Wenn sich die Tür im ersten Stock des mittleren der drei Gebäude an der Kopfseite des Geländes öffnet, dann betritt der Besucher eine 55 Quadratmeter große Drei-Raum-Wohnung, die sich Herr und Frau Salimovic (die vollständigen Namen und das Herkunftsland sind der Redaktion bekannt, dürfen aber aus Rücksicht auf das laufende Asylverfahren nicht veröffentlicht werden) noch mit einer drei köpfigen Familie teilen. Im Gemeinschaftswohnzimmer mit integrierter Kochzeile verlieren sich eine gespendete Couch, mehrere Stühle und zwei runde Esstische. Alles sauber, ordentlich und dank der Gastfreundlichkeit von Familie Salimovic wirkt der Raum gleich viel wohnlicher als es sein karges gespendetes Mobiliar hergeben würde. „Setzen, setzen Sie sich, wollen Sie trinken. Bitte, bitte. schnell Platz nehmen.“

Mobilar verliert sich im Gemeinschaftswohnzimmer, doch die Gastfreundschaft füllt es dafür auf einer anderen Ebene.

Gebrochen nur sind die Deutschkenntnisse des Ehepaares. Was ihnen auf der Seele liegt, das vermitteln die Halbsätze von Herrn Salihovic eindrucksvoll. Es geht dem Gesprächspartner unter die Haut, wenn er erzählt, dass es für sie ein Luxus ist, einzuschlafen und zu wissen, dass man am Morgen ohne Angst aufwachen kann. „Ich will nur, dass es meiner Frau wieder gut geht, dass wir ein normales Leben führen können.“ Gut gehen, ein normales Leben führen, wieder schnell gesund werden - drei Wünsche, die für die meisten selbstverständlich sind. Doch angesichts der Traumata, die Frau Salimovic in ihrer Heimat erleben und erleiden musste, sind diese für sie alles andere als das.

"Ich will doch nur, dass es meiner Frau wieder gut geht." Herr Salimovic, Asylbewerber


Es sind Geschichten wie die dieser Familie, die dafür sorgen, dass das Verständnis für die Situation der Menschen an der Gustavstraße im Umfeld immer größer wird. So erzählt ein ehrenamtlicher Helfer, der gerne ungenannt bleiben möchte (Name liegt der Redaktion vor), „dass die Spendenbereitschaft hier im direkten Umfeld immer größer wird. Die Menschen, die hier ankommen, brauchen alles. Vom Glas und Kochtopf bis hin zum Wintermantel. Sie haben ihre Heimat nicht aus Lust und Laune verlassen, sondern weil sie Angst um Leib und Leben hatten.“ Sätze, die wie in Stein gemeißelt scheinen und die einen erschauern lassen, auch wenn draußen wieder die Sonne scheint.

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