Wo individuelle Förderung Wirklichkeit wird: Ein Projektbeispiel aus der Schule 2.0

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Hier haben Lehrende und Lernende gemeinsam Freude an Physik und Sprache (Foto: DPG Schulz)

„Physik für Flüchtlinge!“ Das hört sich erst mal seltsam an. Brauchen Kinder aus Flüchtlingsfamilien nicht zuerst Deutsch-Unterricht, um bei uns anzukommen? Wie man den Spracherwerb und das kleine Einmaleins der Physik pädagogisch miteinander verbinden kann, zeigt ein Projekt der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, das inzwischen auch an der Schule 2.0 Früchte trägt.

In der ehemaligen Max-Kölges-Schule an der Bruchstraße, die heute als Teilstandort zur Realschule Mellinghofer Straße gehört, werden derzeit 50 junge Flüchtlinge im Alter von 12 bis 16 Jahren auf den Besuch des Regelunterrichtes vorbereitet. Zweimal pro Woche bekommen 14 Schüler von ihnen eine Physikstunde, die Lehrerin Schene Salih „als puren Luxus“ bezeichnet.

Denn in dieser Physikstunde steht sie nicht allein vor ihren Schülern, die vor allem aus Syrien und Afghanistan kommen. Maschinenbaustudent Max Schmitz und die pensionierten Ingenieure Hans Gerhard Rumpf, Heinz-Günther Schulze und Norbert Tischmeyer unterstützen sie ehrenamtlich. Fünf Lehrende für 14 Schüler. Da wird der pädagogische Anspruch der individuellen Förderung Wirklichkeit. Niemand bleibt zurück. Alle werden einbezogen und persönlich angeleitet. Die Kinder und Jugendlichen lohnen es ihren haupt- und ehrenamtlichen Lehrern mit gespannter Aufmerksamkeit und freudvollem Lernen. Von einer solch fruchtbaren Lernatmosphäre können viele Lehrer nur träumen.

Spielerisch lernen

Grundlage des einfach genialen Unterrichtskonzeptes sind zwei Themenkisten. Ihr Inhalt, Batterien, Elektrokabel, Plastikschläuche, Metallstäbe, Bleistifte mit Grafitmine, Plastikschläuche, Holzstäbe, Spiegel, Lupen, Glühlampen und Farben, sorgt nicht nur dafür, dass die Flüchtlingskinder, unter der professionellen Anleitung spielerisch die Grundgesetze des Stromkreislaufes und der Optik begreifen, sondern Schritt für Schritt ihren deutschen Wortschatz erweitern. Denn alles, was aus den von der 62.000 Mitglieder starken Deutschen Physikalischen Gesellschaft zusammengestellten und bezahlten Themenkisten auf die Schülertische des Klassenraums kommt, wird in die Hand genommen und immer wieder ausgesprochen und auf der Tafel für alle sichtbar aufgeschrieben. So werden auch vergleichsweise schwierige Begriffe, wie etwa Plastikschlauch oder Stromkreislauf, relativ schnell von den Schülern in ihren Wortschatz aufgenommen. Und plötzlich sind Physik- und Deutschunterricht zwei Seiten derselben Medaille.

Nicht nur der 16-jährige Murteza aus Afghanistan, der später gerne, „wie Herr Schulz Elektroingenieur“ werden will und die 12-jährige Yara aus Syrien, die später „als Polizistin den Menschen helfen will“, überraschen nach wenigen Monaten in Deutschland mit erstaunlich guten deutschen Sprachkenntnissen. Beide haben jüngere Geschwister, mit denen sie die Experimente aus der Schule nachstellen und ihre neuen deutschen Wörter an sie weitergeben.

„Wir glauben, dass auch die Physik Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander verbinden und spielerisch den Spracherwerb unterstützen kann“, erklärt Projektleiterin Sarah Schulz von der Deutschen-Physikalischen Gesellschaft die Idee hinter dem Unterrichtsprojekt, das im November 2015 startete und inzwischen an bundesweit 57 Schul- und Flüchtlingsunterkunftsstandorten praktiziert wird.

Ein gutes Netzwerk

Der ehrenamtliche Physiklehrer Hans Gerhard Rumpf und die hauptamtliche Projektleiterin Sarah Schulz sind sich einig, „dass dieses Projekt hier auch deshalb so gut funktioniert und für alle Beteiligten ein Gewinn ist, weil es hier in ein gut funktionierendes Netzwerk eingebunden ist.“ Und zu diesem Netzwerk gehört auch das Centrum für bürgerschaftliches Engagement (CBE), das in Person von Marlies Rustemeyer die zahlreichen Bildungs-Ziel-Projekte des CBEs begleitet und koordiniert.

„Wir sind ein menschlich tolles Team und die Begeisterung der Kinder hat mich positiv überrascht“, erklärt Student Max Schmitz, warum er sich neben seiner eigenen Ausbildung immer wieder gerne die Zeit nimmt, als ehrenamtlicher Physiklehrer in die Schule zu gehen. Und sein ehrenamtlicher Kollege Hans Günter Schulz sieht seinen Einsatz „als einen Teil unserer gesellschaftlichen Verantwortung für diese Kinder.“ Wie Hans Gerhard Rumpf nehmen auch Max Schmitz, Norbert Tischmeyer und Hans Günter Schulz „persönliche Bestätigung, Respekt und Anerkennung“ als Lohn für ihre unentgeltliche und unbezahlbare Arbeit mit nach Hause.

Wer will sich engagieren?

Wer sich ehrenamtlich für ein Bildungsförderprojekt des Centrums für bürgerschaftliches Engagement (CBE) engagieren möchte, sollte sich per E-Mail an: marlies.rustemeyer@cbe-mh.de oder unter der Rufnummer 0208-970680 mit Marlies Rustemeyer in Verbindung setzen. Thomas Emons
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Claudia Jacobs aus Mülheim an der Ruhr | 02.06.2017 | 15:26  
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