Kommen wir auf den Hund…zu sprechen

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Lesedauer: Kommt drauf an, an welcher Stelle man wann aufgibt

Das geistige Wesen des Haushundes

- Von Dr. Ludwig Brehm.

„Es ist lange meine Absicht gewesen, einige Erfahrungen über das geistige Wesen des Haushundes zu veröffentlichen, welche ich selbst machte oder durch glaubwürdige Freunde erfuhr. Wenn ich die hier mitzutheilenden Thatsachen auch nicht gerade als durchaus neue oder wenigstens unbekannte Geschichten ansehen darf, kann ich doch ihre Wahrheit verbürgen, und somit glaube ich immerhin, nichts Unwillkommenes zu bieten. Möglich, daß ich durch sie auch andere Beobachter aufmuntere, ihre Erfahrungen an diesem Orte zu veröffentlichen, und hierdurch die so anziehende Thierseelenkunde wenigstens mittelbar bereichere. Und dann ist meine Arbeit mir überreich belohnt worden.

Wenn wir über den Charakter des Hundes berichten: des Hundes, unseres Neuesten, wahrsten, edelsten Freundes, des so oft verkannten, selbst unwissentlich oder unwillentlich geschmähten Thieres, so müssen wir nothwendig auch hervorheben, wie das Thier sich im innigen Umgange mit dem Menschen veredelt. Der Hund opfert sein ursprüngliches Wesen, seine Selbstständigkeit, kurz sich selbst dem Menschen auf und gibt im Umgange mit ihm Hunderte von Beweisen für seine Biederkeit, Klugheit und Gemüthlichkeit, während man bei den verwilderten Thieren derselben Art alle guten Eigenschaften des Hundes, etwa mit Ausnahme seiner Klugheit, kaum noch bemerkt.

Im gezähmten Zustande ist der Hund das treue Abbild seines Herrn, im Guten wie im Bösen; und nur selten kommt es vor, daß ein Hund, welcher von edlen Menschen gut behandelt wird, einen schlechten Charakter besitzt. Ich kann aus eigener Erfahrung auch hierfür ein Beispiel erzählen.

Mein seliger Vater besaß einst solch einen Hund; er war wachsam bei Tage und bei Nacht, zeigte sich aber im hohen Grade menschenfeindlich. Jeder Fremde wurde angemeldet und jeder Bettler mit solchem Zähnefletschen angebellt, daß man immer besorgt sein mußte, er werde den armen Menschen gefährliche Wunden beibringen. Wachsamkeit war die einzige Tugend dieses Hundes; im Uebrigen war er eins der häßlichsten Thiere, welche ich je gesehen habe. Sein grämliches Wesen hatte gar keine Grenzen. Wenn ihn ein Fremder ansah oder eines der Hausgenossen auf ihn zuging, knurrte er, und wenn ein Kind mit ihm spielen wollte, fuhr er nach ihm und biß es nicht selten so sehr, daß es laut aufschrie.

Das Merkwürdigste bei ihm war aber der Umstand, daß seine Folgsamkeit gegen seinen Herrn und seine Furcht vor ihm nur kurze Zeit nachhielt. Der Zorn überwältigte ihn zuweilen derart, daß er nach meinem Vater biß. Geschah dies, dann war es höchste Zeit, ihn abzustrafen. Er wurde mit einem Ringe seinen Halsbandes an einem an der Wand befindlichen Haken ausgehängt und tüchtig durchgeprügelt. Eine solche Züchtigung wirkte sehr wohlthätig auf ihn, die Furcht vor seinem Herrn kehrte wieder und machte ihn gehorsam: er schien wie umgewandelt. Allein dies dauerte nicht lange, nach vierzehn Tagen zeigte er schon wieder sein grämliches Wesen, und da dieses nicht zu bewältigen war, wurde er bald weggegeben.

Einen merkwürdigen Beweis von Gemüthlichkeit gab ein Hund, welchen der Pfarrer Oertel zu Trebnitz bei Roda besaß, vor einigen Jahren. Er lebte seit langer Zeit mit der Hauskatze in schönster Eintracht und widerlegte dadurch das Sprichwort: „Sie leben wie Hund und Katze.“ In hohem Alter wurde die Katze ganz schwach und kränklich, und suchte die Wärme des Sonnenscheins zu genießen. Sobald sie den Glanz der Sonne bemerkte, verließ sie ihren gewöhnlichen Aufenthaltsort, den Platz unter dem Ofen und ging, wenn sich die Thüre öffnete, hinaus auf den Hof, um sich im Sonnenschein zu wärmen.
Allein ehe Jahr und Tag verging, wurde sie so elend, daß sie nicht mehr in den Hof kriechen konnte. Was that der Hund, ihr treuer Freund? Er lag nicht nur nach wie vor die längste Zeit ganz nahe neben der armen Katze, offenbar in der Absicht, sie mit seinem Körper zu wärmen, sondern er gab auch genau Achtung auf die Witterung. Sobald die Sonne schien, nahm der zärtliche Hund die Katze in die Schnauze, wartete, bis die Thüre aufging, und trug sie auf dieselben Stellen, welche sie früher aufgesucht hatte, um sie den Sonnenschein genießen zu lassen. Sobald jene Plätze in Schatten kamen, holte er sie wieder ab und trug sie an ihren gewöhnlichen Aufenthaltsort, unter den Ofen. Sie ließ sich dieses liebevolle Betragen gern gefallen und bezeigte ihm ihre Dankbarkeit durch zärtliche, dankbare Blicke; und der Hund setzte diese Pflege der altersschwachen Katze bis zu ihrem Tode unermüdet und unausgesetzt fort.“
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