Mölmsch Platt im Rollstuhl

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„Wir haben hier einige, die reden immer begeistert davon, wie sie früher zu Hause Mölmsch Platt gesprochen haben, und ich komme von Bremen und unser Platt ist ja nun ganz anders. Ja, und da habe ich mir mal Ihre Nummer bei der Stadt geben lassen, Sie sind ja hier in Mülheim der Spezialist“, sprach eine Betreuerin vom „Evangelischen Wohnstift im Dichterviertel“ durchs Telefon in mein Ohr.

Wie sie sich meine Mitwirkung vorstelle, wollte ich wissen. Ja, man könne das ja auf einem Zimmer machen, wo dann drei, vier von den Plattsehnsüchtigen sich versammelten, und ich könnte mich ja dann mit denen unterhalten. Ach, du…
Ich sah mich schon auf einem muffigen Altersheimzimmer mit drei in Bademäntel gehüllten abgehärmten Gestalten in Rollstühlen, die mich totmölmschten, da sie ja in Zeiten großgeworden waren, wo im Alltag fast nur Platt gesprochen wurde.

Der Bremer Pflegekraft deutete ich am Telefon zwar an, dass ich in Mölmsch-Platt-Vorträgen im Hausbesuche-Modus noch sehr unerfahren bin, meine dialektale Neugierde verhinderte allerdings meine Absage.

Gestern war es soweit. Kein Vortrag, nur Quatschen, hatte ich mir in den Kalender notiert. Aber ich steckte mal vorsichtshalber das Buch von Chird Hardering und die bunte Plümeskappe ein. Das ist sozusagen die mölmsche Mindestausstattung für Plattrezitatoren.

Forsch betrat ich die Eingangshalle, ein großzügiges Foyer, ließ eine Rollstuhl-Gruppe links liegen, wollte zu den Zimmern, kam aber nicht weiter und kehrte zurück. Sie waren es, es sollte im gutbelüfteten Foyer stattfinden, mit hellen gelben Sesseln, und es würden noch mehr kommen und man trinke erstmal, passend zu den Sesseln, Eierlikör, ob ich auch einen wollte. Ich wollte keinen, aber bitte Wasser.

Die Altenpflegerin, während wirklich immer mehr Rollatorinnen eintrudelten, steckte eine Eierlikörflasche nach mit dem Hals in den schönen Blumenkübel, sodass man denken konnte, sie wolle auch die Blumen auf das Kommende vorbereiten. Es diente aber wohl nur dazu, den zähflüssigen Likör näher zum Flaschenausgang zu befördern. Schenken Sie mal über ein dutzendmal Eierlikör aus! Soviel waren es jetzt geworden, und die einsame Nummer auf dem Zimmer war damit endgültig vom Tisch.

Nun wurde ich angekündigt, dass ich etwas vortragen wolle, womit auch die zweite Prämisse, dass man sich auf Platt unterhalten wolle, ins Wanken kam. Das aber wollte ich nicht so hinnehmen und lud die Betagtenrunde ein, einfach von früher zu erzählen. Ich würde dann das ein oder andere Gedicht von Hardering einstreuen. Es war dann wie immer: Niemand brachte auch nur einen kompletten Satz in freier Plattrede zustande. Das Highlight war eine Dame, die ein bekanntes Plattschild rezitierte: „Dou kass im Bosch spaziere choon, merr lot de Böim un Strüker stoon. Söös kömp en Kääl un schriew’sche op, dann steihste do mi’m dicke Kopp!“ Sie wurde dabei stellenweise lautstark von einigen unterstützt. Nein, es ist leider so, die meisten Alten heute reden kein fließend Plattmehr , sie reden über Platt.
Es war trotzdem schön. Das Gefühl, alten Menschen die Einförmigkeit ihres Heimalltags aufgelockert zu haben, Erinnerungen geweckt und durch Witz Freude geschenkt zu haben, tut einfach gut.

Und dann ließ ich sie zum Schluss „Ssinter Mätes Vögelsche“ singen, die mölmsche Platthymne, die wirklich jeder noch etwas kann; und mit dem Gefühl, eine dreiviertel Stunde lang „Platt chekallt“ zu haben, wurden sie zum Abendessen geschoben.
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Claudia Jacobs aus Mülheim an der Ruhr | 05.03.2017 | 13:11  
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