Der letzte Postillion am Niederrhein

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Bestallungsurkunde zum Landbriefträger von Karl Naß aus dem Jahre 1906
 
Verleihungsurkunde für 40 Jahre treue Dienste als Postillion und Oberpostschaffner im Jahr 1939.
Schon seit 1646 gab es durch die Einführung der fahrenden Post die Berufsbezeichnung "Postillion!" Der aus Moers stammende Carl Naß trat 1898 seinen Dienst bei der Kaiserlichen Post in Moers an und versah mit seinen beiden Pferden Max und Lies die rollende Post von Moers nach Aldekerk und auch von Moers nach Rheinberg. Wenn Carl Naß auf seinem Kutschbock saß konnte man fürwahr die Uhr danach stellen, wenn er am Abend gegen 18 Uhr sein Gespann von Moers nach Vluyn lenkte, wussten die Mütter und die Kinder genau Bescheid, dass es Zeit war die Kinder unter die buntkarierten Oberbetten zu stecken. Und abends, so gegen 22 Uhr (das war die Zeit, als die übrige Bevölkerung dann zu Bett ging) als Carl Naß dann mit seiner Postkutsche von Aldekerk Richtung Vluyn fuhr, hörte man seinen Ruf: "Ich wünsche Euch eine gute Ruh, macht beide Augenlider zu. Bewahrt das Feuer und das Licht, daß Euch kein Unheil zu gebricht!" Über Liebespärchen, die er gern kutschierte, berichtete er von seinem Märchenwagen, in dem er die Liebe über Wolken und Welten hinwegtrug und den süß-selig-lyrischen Insassen beim Mondenschein seine lustigen Weisen auf sein Posthorn blies. Denn das Posthorn war ja wohl das Zeichen seiner großen Würde und Verantwortlichkeit, und die Lieder blies er so hübsch, weil er Humor hatte und ein lustiges Herz. Jedoch über die Liebespärchen äußerte sich Naß nur allgemein und blieb hier ritterlich Freund seiner Passagiere und verschwieg was er im einzelnen sah und erlebte. Einmal gab es eine hübsche Geschichte in der Postagentur in Vluyn, als er seinen Postillionzylinder zückte und ihn just auf die Tastatur des Morseapparates ablegte, der gerade nach "Vluyn" gerufen hatte. Hier unterbrach er ungewollt den Kontakt und trennte die Agentur in Vluyn von der gesamten Außenwelt. In der Zentrale, dem Haupttelegraphenamt, ging der zuständige Beamte die Wände hoch und konnte sich dieses technische Kuriosum nicht erklären. Erst als das Abfahrtsignal der Kaiserlichen Post ertönte und Carl Naß sich anschickte, seine Postkutsche zu besteigen, da sah man, was er mit seinem Zylinder angerichtet hatte. Als sich dann aber der große Tag des Abschieds mit der letzten Fahrt von Rheinberg nach Moers näherte, wurde Carl Naß in Rheinberg besondere Ehre zuteil, indem er in Rheinberg mit reichlich Schnaps gefeiert und verabschiedet wurde. So war es auch nicht zu verdenken, dass die letzte Fahrt der Postkutsche etwas Verspätung hatte und der letzte Postillion vom Niederrhein schlafend auf seinem Kutschbock hockend durch die Tore von Moers fuhr und seine beiden Kutschpferde den Weg ganz von allein dort hin fanden.
Nach der Stilllegung der Postkutschenlinie im Jahr 1904 wurde Carl Naß als Postbote am 16. Mai 1905 mit einem jährl. Gehalt von 800,- Mark zuzüglich 72,- Mark Wohngeldzuschuss beim Moerser Postamt angestellt.
Als Oberpostschaffner erhielt er 1939 für 40-jährige treue Dienste das Goldene Treuedienst-Ehrenzeichen überreicht.
Am 31. Dezember 1941 schied Carl Naß aus dem Dienst mit einem Jahresruhegeld von 2.367,- Reichsmark aus.
Entnommen aus 150 Jahre Postgeschichte in Neukirchen und Vluyn
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Paul Scharrenbroich aus Monheim am Rhein | 14.01.2015 | 16:33  
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