Doris und ihre "Schwimm-Babys"

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Vierfache Oma und Schwimmlehrerin: Doris Ferlemann. Foto: privat

„Ja, ich war ein Schwimm-Baby von Doris. Aber erfahren hab ich das erst im Dienst beim ,Alsbachtal´.“ Nur aus Erzählungen erinnert sich Alexandra Niehls (30), pädagogische Leitung von „Alsbachtal e. V.“, Verein für körper- und mehrfachbehinderte Menschen, an ihre Zeit im Schwimmkurs mit der heute 79-Jährigen Doris Ferlemann.

Die ist seit genau 40 Jahren in Oberhausen als Schwimmmeisterin für Babys, Kinder und Jugendliche sowie für den Verein Alsbachtal aktiv. Doch nicht nur das „Dienstjubiläum“ erstaunt, für das Alsbachtal e.V., seine Mitglieder und 180 Mitarbeiterinnen die freiberufliche Schwimmlehrerin jetzt auszeichneten. Auch das Alter der schlanken vierfachen Oma im Jeansrock…
Dem Gespräch und der Veröffentlichung über Sport und Erlebnisse mit ihren Schwimm-Kindern hat die menschennahe, temperamentvolle Oberhausenerin erst nach kurzem Zögern zugestimmt. Der folgende Besuch im Schwimmbad und in ihrer Wohnung lohnt nicht nur wegen des Kaffees. Nebenbei berichtet Doris Ferlemann, dass sie „privat mit etwas Power im Becken der Christoph-Schlingensief-Schule“ immer mittwochs zwischen drei Kinder-Schwimmkursen ihre Bahnen zieht. „Zusammen bin ich ab ein Uhr rund sieben Stunden im Wasser.“
Neben den drei je zweistündigen Mittwochs-Kursen für KiTa-Kinder, Alsbachtal-Mitglieder und erwachsen gewordene Menschen mit Behinderung gehört für sie anderer Sport zum Wochen-Alltag. Dienstags ist die Mutter heute 53 und 48 Jahre alter Töchter auf dem Tennisplatz, montags in der Sauna. „Der Montag ist mein Urlaubstag“, sagt sie lachend. Bekannte allerdings fragten schon mit 65, ob für Ferlemann beim Schwimmen nicht irgendwann einmal der Ruhestand anstehe. 14 Jahre später ist ihr bei anhaltendem Einsatz wichtig, dass sie privat für ihren Mann, Lokführer im Ruhestand, bei häufigeren gesundheitlichen Problemen gerade steht.
Aufgrund seines Schichtdienstes und der heranwachsenden Töchter war trotz der Schwimmmeister-Ausbildung und Qualifikation für therapeutisches Schwimmen klar, dass sie nur nebenberuflich ins Wasser sprang.

Massierende Wellen


„Kerstin und Astrid gingen bis ins Jugendalter häufig mit, wenn ich da mit Kindern ohne Handicaps, verhaltensauffälligen oder körperbehinderten Kindern unterwegs war. Welche Hilfsmittel braucht man für unbehinderte, aber auch cerebral-, hirn oder schwerstgeschädigte Kids im Wasser? „Der gut ausgestattete Materialraum im Schulbad an der von Trotha-Straße habe vieles vom Ponton über Tauch- und Spielartikel bis zu Halskrausen für die Wirbelsäule.“ Die stützten Kindererklärt Doris Ferlemann, aber hielten körperlich eigentlich auch zu viel Abstand. „Wo immer das geht, sollen Kindern mit Handicaps Nähe spüren lassen und ihnen auch im Wasser in die Augen sehen“, ergänzt sie. „Ich kann sie dann schwenken, ihnen zeigen, wie Wasser sich anfühlt und dafür sorgen, dass spritzendes Nass ebenso Freude vermittelt wie massierende Wellen.“
Leiser und mit glänzenden Augen berichtet die 79-Jährige, wie sehr das Kinder verändere. „Wenn eine Acht- oder ein Zwölfjähriger für Außenstehende am Beckenrand verbissen daherkommt, ohne Ausstrahlung ist oder mit ihrem Gesichtsausdruck von Gesundheits-Stress erzählt, dann sehe ich im Wasser strahlende Augen. „Da arbeitet die Seele“, bringt sie rüber, was beide Partner im Becken so fasziniert. Eltern von Kindern mit Behinderungen berichten, dass Tage, an denen außer der Reihe kein Schwimmen ist, dem Nachwuchs, der keine Zeiten und Wochentage kennt, deutlich auf die Stimmung schlagen.
Das Besondere für Doris Ferlemann an allen drei Mittwochkursen ist, dass Kinder ohne Handicaps und die mit Einschränkungen gemeinsam Spaß im Wasser haben. Zunehmend hat die Mehrheit im Kurs keine körperlichen Defizite. Die Schwimmmeisterin: „So tauche ich mit dem ,Alsbachtal´-Nachwuchs und mit anderen öfter als noch vor 15 Jahren einmal ab.“ Förderbedarf haben Kids andererseits, weil manche zu unbeweglich, zu dünn oder zu dick sind. Inklusion, das Zusammensein von Schwimmern ohne und mit Behinderung ist für die Schwimmmeisterin immens wichtig und sinnvoll, „wenn Förderung wirklich bei den Kids ankommt". Da müssten bauliche und andere Voraussetzungen stimmen. „Alsbachtal und das Bad ermöglichen mir da ideale Bedingungen.“ Der Verein stelle Begleiter zum Schwimmkurs, auch Eltern engagierten sich. „Mit dem Duschen, Ab- und Ankleiden gehandicapter Teilnehmer habe ich zwischen allen Kursen nichts zu tun.“ So denkt die „Schwimm-Doris“ eigentlich noch nicht ans Aufhören. „Bis 80 will ich mit den vielen Kids ohne Handicaps und mit schwerbehinderten weitermachen“. Vielleicht ja auch länger. Im Spätsommer erwartet Alsbachtal-Pädagogin Alexandra Niehls ihr zweites Kind. Ganz vielleicht könnte das dann - so wie die Mutter - noch ein Baby im Kurs von Doris Ferlemann werden…
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