Vom Hartmann-Kotten zum Baumeister-Hof

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Oberhausen-Osterfeld. Der ehemalige „Hartmann-Kotten“, das wahrscheinlich älteste Gebäude auf der Klosterhardt, steht nicht unter Denkmalschutz. Eine Aufnahme aus dem Jahr 1999
 
Oberhausen-Osterfeld-Klosterhardt, Drosselstraße 10a, der ehemalige Hof Baumeister, eine Aufnahme aus dem Jahr 1988
 
Klosterhardt-Nord, Luftaufnahme von 1957. Der Hof Baumeister, inmitten heranrückender Bebauung. Die allgemeine Wohnungsnot nach dem Krieg und der Bedarf an Arbeitskräften für die Grundstoff-Industrie ließen in verhältnismäßig kurzer Zeit umfangreiche neue Wohnsiedlungen entstehen.
 
Topographische Karte Osterfeld 1842-43
 
Topographische Karte Osterfeld 1892
Vom Hartmann-Kotten zum Baumeister-Hof

Ursprung und Geschichte einer Hofstelle auf der Klosterhardt

Oberhausen-Osterfeld, Drosselstraße 10a: Unter alten Eichen, neben einem aus Stein erbauten Wohnhaus, steht ein Fachwerkhaus von geringer Höhe: Der ehemalige „Hartmann-Kotten“. Er beherbergt eine alte Korn- und Schrotmühle, die seit Jahrzehnten außer Betrieb ist. Einst stand er allein auf weiter Heide, heute liegt er versteckt inmitten nahe herangerückter Bebauung.

Es heißt, der Kotten sei um das Jahr 1790 erbaut worden. Er kann deshalb als das älteste erhaltene Gebäude auf der Klosterhardt gelten, da das im Jahr 1758 erbaut gewesene Kontor- und Wohngebäude des ersten Leiters der „Eisenhütte St. Antony“, Gottlob Jacobi, im Jahr 1835 abbrannte und neu errichtet werden mußte.

Auf Urkatasterkarten der Gemeinde Osterfeld aus der Zeit von 1825 bis 1867 ist die Hofstelle noch mit „Hartmann“ eingetragen; die „Topographische Karte Osterfeld 1892“ zeigt an selber Stelle bereits die Eintragung „Baumeister“.

Zur ökonomischen Situation schrieb der Osterfelder Pfarrer Johann Terlunen (1785-1869) damals folgendes: „Grundlage der Wirtschaft des Raums Osterfeld war vom Mittelalter bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Landwirtschaft, insbesondere der Getreideanbau. Aber auch Fischerei in der Emscher und den Fischteichen am Elpenbach sowie die Viehwirtschaft waren bedeutend. Dabei waren die Böden des Kirchspiels von überwiegend geringer Güte, was u. a. an 3 Faktoren lag: 1. wurde der Wert der Böden an manchen Stellen stark durch den vorhandenen Raseneisenstein gemindert. 2. eigneten sich die sumpfigen Bruchlandschaften nur selten und nachrangig für den Getreideanbau, und 3. waren die Höhenlagen des Kirchspiels durch eine ebenfalls wenig fruchtbare Heidelandschaft geprägt. In den Heidebereichen wurde somit, wenn überhaupt eine Nutzung möglich war, Wiesenwirtschaft betrieben, während der Anbau von Klee und Raps nur auf den wenigen besseren Böden gelang. Getreide, hier vor allem Roggen und Weizen, weniger Gerste, wurden vornehmlich in den wenigen fruchtbaren Bereichen der Heide angebaut, dort wo Mergelschichten Ackerwirtschaft begünstigten.“

Die familiäre Überlieferung zu den Ursprüngen des Hofes Baumeister besagt:
„Der ursprüngliche Besitzer des Hofes sei der „Graf von Westerholt“ gewesen, der den Hof als Pferdestation für seine Gespanne genutzt habe, die entlang seiner Besitzungen zwischen Westerholt und Oberhausen unterwegs gewesen seien. Später habe der „Graf von Westerholt“ den Hof an die Familie Hartmann verpachtet. Nach Streitigkeiten innerhalb der Familie Hartmann sei das alte Wohnhaus (Steinhaus) des Hofes abgebrannt. Im Jahr 1882 habe Heinrich Baumeister, den Hof gekauft. Das Steinhaus sei unter teilweiser Verwendung der Backsteine des abgebrannten Hauses von Heinrich Baumeister neu aufgebaut worden, allerdings in seiner Lage um 90 Grad gedreht. In der Erbfolge sei der Hof auf Heinrich Baumeisters Sohn, Hermann Baumeister, und später auf dessen Sohn, Friedrich Baumeister, übergegangen.

Entgegen dieser Legende ist zurzeit urkundlich nicht nachweisbar, daß der Kotten Hartmann sich ursprünglich im Besitz des „Grafen von Westerholt“ befand. Nachweisbar ist, daß der Kotten Hartmann anno 1804 zum Besitz der Sterkrader Zisterzienserinnen-Abtei gehörte. (Quelle: Urkundensammlung des verstorbenen Oberstudienrats Hans Robertz).

Bei der Bestandsaufnahme zur Säkularisation (Aufhebung) der Abtei Sterkrade wurden die zahlreichen Klosterhöfe in Sterkrade und Umgebung aufgelistet. Für das „Kirchspiel Osterfeld“ findet sich der Eintrag: „2. Hartmann – Gewinngut – liefert 16 Rthl, 1 Pfd Kaffee und 1½ Spint Wacholderbeeren. Dieses Gut ist ein Teil der sogenannten Haardt, die der Abtei eigentümlich zusteht, ein sonst mit hohem Holz bewachsenes, jetzt aber zur Heide liegen gebliebenes Terrain, welches bloß zur Schafstrift und zum Plaggenstich von der Abtei selbst benutzt wird.“

Dietrich Hartmann zählte als Förster zum Klosterpersonal und war zum Aufseher über die “Hardt“ bestellt, erhielt dafür zum Lohn einen „Kotten umsonst“ und „noch 5 Reichstaler“ dazu, mußte aber „von dem Land bei seinem Kotten“ (das er bewirtschaftete) „17 Taler Pacht geben“. Die Differenz bei der Pachthöhe klärt eine Nachricht aus selber Quelle: „Das von dem Kötter Hartmann jährlich zu liefernde Pfund Kaffee ist in Geld abgelöst mit 1 Reichstaler.“

Wann der Kotten Hartmann in den Besitz des Klosters gelangte, ist nicht zu ermitteln. Der Gewinnbrief konnte bei der Bestandsaufnahme nicht aufgefunden werden. Der benachbarte Hof Musfeld (zum Beispiel) war bereits im Jahr 1633 Klosterbesitz.

Ein Bezug des Kötters Hartmann zur Grafschaft Westerholt ist insoweit nachweisbar, als daß der „Graf von Westerholt“ – Freiherr von Boenen zu Berge (Schloß Berge in Buer) – damals die angrenzenden Gebiete Rothebusch und Biefang besaß.

Im Stadtarchiv Oberhausen liegt die Abschrift einer Urkunde aus dem Jahr 1740, der zu entnehmen ist, daß Theodor Hartmann auf der Klosterhardt dem Freiherrn von Boenen eine jährliche Abgabe zu leisten hat, um sein Vieh auf dessen Grund (Rothebusch und Biefang) weiden lassen zu dürfen.

Weitere Nachrichten über diese Hofstelle sind selten: In der „Designation deren im Kirchspiel Bottrop und Osterfeld liegenden Wohnbehausungen von 1780“ wird für das „Kirchspiel Osterfeld“ unter „Freie Kötter“ der Name „Hartman“ aufgeführt. Die „Populationsliste von 1783“, die eine Einwohnerliste nach den Hausnummern bietet, verzeichnet u. a.: „Haus 3. Dier. Hartmann, Bauer“.

Zu „Martini 1802“ war Hartmann hinsichtlich seiner Abgabeverpflichtungen gegenüber der Abtei mit 50 Reichstalern „in Rest“. Den Holzschlag im „Achterwald“ (Waldungen der Abtei Sterkrade) erledigte Diedrich Hartmann in Osterfeld „für Storp“. (Urkundensammlung Hans Robertz)

Die „Chronick über Osterfeld“ (1842) des Pfarres Johann Terlunen (1785-1869) liefert ein Verzeichnis der Wohnhäuser der Bauernschaft Osterfeld nach den neuen Nummern von 1839: ... Nr. 35 Hartmann. Unter der Rubrik „Naturereignisse, bald Unglücksfälle“ berichtet dieselbe Quelle: „1839 wurde bei Hartmann auf Egelbusch ein Pferd vor dem Pfluche von einem Bienschwarm todtgestochen, der neben den Acker in den Buchweizen gesetzt war.“ Zum Etat der Küsterei in Osterfeld von 1841 steht dort unter Tit. III „Namen derer, die Eier nur allein geben.“ geschrieben: No.17 Hartmann (Anzahl: 8)…

Der Lehrer Heidbrinck schreibt im Jahr 1890 über den Schulbezirk Klosterhardt: "Bis zum Jahre 1840 war Klosterhardt nur von wenigen Familien bewohnt, es waren folgende: Haus Nr. 31 Wischermann gt. Bockemöller, Nr.32 Beamtenwohnung der Antoniehütte, Nr. 33 Mußfeld, Nr. 34 Vogelpoth, Nr. 35 Hartmann, jetzt Baumeister... Die Bewohner der Klosterhardt sind fast sämtlich Fabrikarbeiter oder Bergleute... Lehmberg, Mussfeld und Baumeister betreiben vorzugsweise Ackerbau." (Bernhard Grünewald)

Das Adressbuch der Gemeinde Osterfeld von 1913 nennt:
Baumeister, Hermann, Landwirt,
Theilungsstraße 10a
Baumeister, Bernhard, Anstreicher,
Theilungsstraße 10a

1758 ging die St. Antoni-Eisenhütte in Betrieb. Bernhard Grünewald schrieb in der „Festschrift zur Erinnerung an die Verleihung der Stadtrechte an die Gemeinde Osterfeld i.W. am 27. Juni 1921“: „Zum Bau und Betrieb der Hütte mußten auswärtige Kräfte herangezogen werden, was den größten Unwillen der benachbarten Bauern erregte. Niemand wollte die Hüttenleute in Kost nehmen, niemand Fuhren übernehmen.“

Zitate aus Gesprächen mit Hildegard Thieven, geb. Baumeister: Bis ins Jahr 1955 habe der Hof Baumeister Landwirtschaft betrieben - der Vater, Friedrich Baumeister, starb im Jahr 1955. Bis dahin habe man stets 6 bis 8 Kühe gehabt, die auf Weiden und in der früheren Sandkuhle am Hof grasten. Die hofeigenen Ackerflächen reichten bis an die heutige Schwarzwaldstraße. Nördlich der heutigen Dorstener Straße habe man Flächen zur landwirtschaftlichen Nutzung von der GHH angepachtet.

Nach dem Tod des Vaters sei die Landwirtschaft nur noch kurze Zeit fortgesetzt worden. Man habe noch Kühe und ein Roggenfeld dort, wo heute die Theodor-Heuss-Realschule steht, gehabt.

Nur über die Landwirtschaft und ohne Nebenerwerb durch, z.B., Kies- oder Sandabbau seien die meisten Osterfelder Höfe schon vor dem 2. Weltkrieg kaum lebensfähig gewesen. Zudem habe man den Osterfelder Bauern Ersatzland am Niederrhein angeboten, damit sie ihr Acker- und Weideland an die Hütten- und Zechengesellschaft (GHH) verkauften. Viele Bauern hätten so ihre Ländereien eingetauscht. Auch der Vater Hildegard Baumeisters habe ein solches Angebot bekommen, sich aber entschlossen in Osterfeld zu bleiben.

Die Familie Baumeister habe bis in die 1930er Jahre hinein in ihren Gruben Kies und Sand abgebaut. Als besonderen Artikel habe man Schweißsand (grobkörniger Sand) an die Thyssenhütte nach Duisburg geliefert. Dazu habe man den Kies/Sand per Pferdefuhrwerk den Tackenberg hinunter bis zum Sterkrader Bahnhof befördern müssen. In der Sandkuhle am Hof habe der Vater einen Schützenstand/Schießplatz (50 und 100 Meter) für den Schützenverein auf der Klosterhardt gehabt. In der Chronik dieses Schützenvereins würde Friedrich Baumeister als einer ihrer Schützenkönige geführt.

Das Gelände unter dem heutigen Fußballplatz (Ascheplatz/Kunstrasenplatz) der Spvgg. Sterkrade 06/07 habe die Hütte (GHH) aussanden lassen. Am Hang der ehemaligen Sandkuhle am Hof habe sich im 2.Weltkrieg ein Bunker befunden, in den sich auch die Familie Baumeister vor den Flächenbombardements der alliierten Luftwaffe flüchtete.

Noch heute leben auf Klosterhardt ältere Mitbürger, die um Erschießungen von Menschen in hiesigen Sandkuhlen während des 2.Weltkrieges wissen oder gar Augenzeugen (Maria Timpenfeld und Maria Thomaser) einer solchen Erschießung wurden.

Hildegard Baumeister bestätigte einen konkreten Fall der Erschießung eines Mannes, durchgeführt von zwei uniformierten Männern, kurz vor Kriegsende 1945, in der ehemaligen Sandkuhle am Baumeister-Hof. Bei dem Opfer habe es sich um einen Polizisten der Polizeiwache an der Klosterhardter Straße gehandelt. Ihr Vater habe den Namen des Erschossenen noch gekannt, da er diesen von seinem Vetter, dem Osterfelder Kommissar Rudolf Müller (Sohn des Klosterhardter Försters Friedrich Müller und der Wilhelmine Baumeister), in Erfahrung gebracht hätte. Der Vater habe die Kinder vom Ort der Erschießung weggeschickt.

Der am 24.01.2007 verstorbene Osterfelder Heimatforscher Dieter Kusenberg hatte Kenntnis von Erschießungen in den Klosterhardter Sandgruben und berichtete von einer in seinem Besitz befindlichen Kopie einer Sterbemeldung, welche auf die Erschießung eines deutschen Offiziers zum Kriegsende 1945 hinweist.

Im Jahr 1948 sei die Scheune des Hofs abgebrannt, wurde jedoch später wieder aufgebaut.

In einem Raum, abgeteilt von dieser Scheune, befand sich für einige Jahre eine Schusterwerkstatt.

Auf einer Luftaufnahme ist in der ehemaligen Sandkuhle am Hof Baumeister ein Barackenlager zu sehen. Es wurde von der Firma Theodor Küppers Baugesellschaft, Oberhausen-Osterfeld, Hasenstraße 15, für ihre Bauarbeiter errichtet, die nach dem 2. Weltkrieg den Großteil der Siedlung Klosterhardt-Nord aufbaute.

Die ehemalige Sandkuhle am Hof Baumeister wurde nach und nach mit Hausmüll (oftmals wild verkippt) und Bauschutt verfüllt (mittels der blauen Lastkraftwagen der Oberhausener Firma Janzen). Das Verfüllen der Sandgrube begann in den 1950er Jahren und endete erst um das Jahr 1975.

Die Ausdehnung der Besiedlung der Klosterhardt nahm auch dem Hof Baumeister mehr und mehr die Flächen für Ackerbau und Viehzucht. Das war die Folge einer großstädtischen Entwicklung, die absehbar war.

Bernhard Grünewald schrieb bereits vor 90 Jahren: „Im Laufe des letzen Jahrzehnts verschob sich der industrielle Schwerpunkt der Gemeinde mehr und mehr nach Norden. Dem Abteufen der Jacobi-Schächte an der Straße Bottrop-Sterkrade und dem Niedertreiben des Luftschachtes "Osterfeld 4" auf der Klosterhardt, folgte in den letzten Jahren der Plan zur Anlage der Hanielschächte an der Straße Sterkrade-Dorsten, zwar schon jenseits der äußersten Nordspitze unseres Gemeinwesens, aber doch so nahe, daß auch hier die ländliche Stille bald der industriellen Unruhe und Hast weichen wird. In den nördlichen Bezirken Klosterhardt und Rothebusch setze die Entwicklung ein. Die weiten Kieferwaldungen der Grafen von Westerholt gingen teils in den Besitz der Gutehoffnungshütte, teils in Gemeindebesitz über. Während so jene sich Gelände für industrielle Anlagen und Kolonien sicherte, gewann diese ausschlaggebenden Einfluß auf Erschließung und Besiedlung dieser Ortsteile. Rasch stieg die Einwohnerzahl.“

Zum Schluß warf Frau Thieven (Baumeister) noch einen Blick zurück in die alte Zeit: Auch Angehörige der Familie Nottenkämper, die früher auf der Klosterhardt neben einer Fuhrdienstunternehmung zu Pferde etwas Landwirtschaft und eine kleine Kuhhaltung betrieb, haben Getreide bei Baumeisters mahlen lassen.

Um das Jahr 1935 habe ein Herr "Czybula" im Bereich der heutigen Taunusstraße eine Landwirtschaft im Nebenerwerb gehabt, auf dem sich eine "Plaggenhütte" befand, in der er zeitweise gewohnt habe. Nachts habe er auch sein Pferd mit in dieser Hütte schlafen lassen. Auf dem Rothebusch habe er aber auch noch eine richtige Wohnung gehabt, in der seine Familie (Frau und 10 Kinder) lebte.

Reinhard Gebauer
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