Linie 105: Kosten und Visionen

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Zu einer Bürgerdiskussion über die geplante Fortführung der Straßenbahnlinie 105 konnten am Montagabend interessierte Bürger ihre Fragen an ein Podium aus Fachleuten und Politikern richten. Schnell wurde dabei klar, dass es vielen Kritikern des Projektes durchaus um mehr geht als nur um das Straßenbahnprojekt.
Bevor es zur Diskussion kam, stellte STOAG-Vorstand Peter Klunk das Projekt nochmals vor, Oberhausens „Wahlvorstand“ Jürgen Ludwiczak erläuterte anschließend den Ablauf des Bürgerentscheides am 8. März.

Während die Anwesenden im gut besuchten Saal London der Luise-Albertz-Halle bereits Fragekärtchen ausfüllen konnten, stellten sich die Podiumsteilnehmer mit kurzen Statements zum Projekt vor. Für Unmut bei den Gegnern des Straßenbahnbaus sorgte die Besetzung des Podiums, dass deutlich mehr Befürworter als Gegner zählte. Vertreten waren alle fünf Ratsfraktionen sowie die FDP-Gruppe und der Fahrgastverband „Pro Bahn“.
Numerisch waren an diesem Abend Befürworter und Kritiker annähernd gleichauf, dazu kamen die noch Unentschlossenen. Beide Hauptgruppen lieferten sich in der Folge einen heftigen Schlagabtausch, wenn es um den stärksten Applaus ging.
Mehr als 80 Millionen Euro soll das Projekt kosten, die Befürworter sprechen gebetsmühlenartig von der regionalen Bedeutung und rechnen vor, dass es 8.400 zusätzlich Fahrgäste am Tag geben soll.
Doch gerade dem Zahlenwerk wird bei den Kritikern arg misstraut. „Ein interessantes Projekt, ja, wenn man Geld übrig hat. Aber nicht für eine hochverschuldete Stadt wie Oberhausen“, so Denis Osmann für die CDU.
Auf die Stadt wartet ein Eigenanteil von 13 Millionen Euro, dazu kommen kalkulierte jährliche Kosten von 300.000 Euro. Noch gar nicht eingepreist sind die Kosten für die notwendigen drei zusätzlichen Straßenbahnen. Neu wäre dies im hohen einstelligen Millionenbereich anzusiedeln. Auch gibt es keine Kalkulation, falls die 8.400 zusätzlichen Fahrgäste nicht erreicht werden.
Kostenrisiken bei der Trassenführung gebe es nicht, man kenne das Gelände sehr gut, so Peter Klunk auf Bürgernachfrage.
Klunks Aussage, eventuelle Mehrkosten würden im Rahmen des Controllings rechtzeitig auffallen, wurde allerdings mit einem schallenden Gelächter durch Teile des Publikums quittiert.

Zweifel an 8.400 Fahrgästen zusätzlich


Bei den Nachfragen, wie man auf täglich 8.400 zusätzlich Fahrgäste käme, verwies Klunk auf ein Computermodell, welches dies errechne. Die Zahl beträfe das gesamte Netz in Oberhausen, nicht nur die Linie 105. Bei aktuell rund 50.000 Fahrgästen am Tag im gesamten Netz würde dies fast 17 Prozent mehr Fahrgäste täglich bedeuten. Eine Zahl, die die Kritiker als utopisch bezeichneten.
Die Kritik, das Stahlwerksgelände werde durch die Hochtrasse zerschnitten und in Zukunft noch schwieriger zu vermarkten, wurde angesichts von Durchfahrtmöglichkeiten zurückgewiesen.
Bei den Wortmeldungen der Anwohner nahe der Essener Straße wurden Emotionen freigelegt. Renate Lütte beklagte, die OGM habe bereits für klare Verhältnisse gesorgt und den Grünstreifen abgeholzt, der ihren Garten optisch vor der Straße schützte. Demnächst würde die Bahn dann quasi offen durch ihren Vorgarten fahren. Gleichzeitig echauffierte sie sich darüber, dass Gegner der Bahn von der SPD-Spitze als „Miesmacher“ abgestempelt werden.
Ein Anwohner schilderte, wie er tagelang die Fahrgäste der Linie gezählt habe, rund 260 seien dies den ganzen Tag über. Und mit dem Bus sei man nach dem Umstieg auch mit roten Ampeln in sechseinhalb Minuten mitten im Centro. Befürworter verwiesen wiederum auf die Wartezeiten, die beim Umstieg in den Bus Richtung Neue Mitte bei Verspätungen leicht entstehen können.
Bei den meisten kritischen Wortbeiträgen klang indes eines durch: Eine allgemeine Unzufriedenheit. Immer wieder kam es zu Querverweisen: Die viel zu hohen Müllgebühren, die hohe Gewerbesteuer, die hohe Grundsteuer, die Lage an vielen Schulen und Kindergärten, die Ausdünnung des ÖPNV-Netzes in den letzten Jahren und nun habe man das Geld für eine „Luxus-Straßenbahn“ bei einem hohen Kostenrisiko.

Investition in die Zukunft


Die Befürworter auf dem Podium hielten dagegen, dieser Bahnausbau sei eine Investition in die Zukunft, von der speziell die heutigen Kinder später einmal profitieren würden. Ein leistungsstarker ÖPNV - auch städteübergreifend - sei unbedingt erforderlich. Hier bestünde nun die einmalige Chance zu einer strukturellen Verbesserung, auch ökologisch.
Insgesamt hielten sich im Laufe des Abends die politischen Scharmützel auf dem Podium in Grenzen, auch war das Bemühen zu sehen, auf die teils sehr emotionalen Fragen besonnen zu antworten. Für Verärgerung sorgte nur der Umstand, dass der Grüne Armin Röpell am Ende der Veranstaltung zu einem rund zehnminütigen Pro-Vortrag ansetzen durfte, ohne unterbrochen zu werden.
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