100 Meilen und ein Ritterschlag

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161 Kilometer und ein Ritterschlag – der Oberhausener Hardy Lech lief am letzten Wochenende den „Taubertal100“ in Rothenburg ob der Tauber. „Da er den Weg von Rothenburg nach Gemünden zurückgelegt habe, schlage ich Euch zum Ritter von Rothenburg.“ Damit wird Hardy Lech (63) von Ritter Alfred von Kusel (Alfred Saat) auf dem Marktplatz in Gemünden als „Finisher“ nach exact 161 Kilometern und 23:43 Stunden symbolisch zum Ritter geschlagen.

„Taubertal100“: Für rund 230 Läuferinnen und Läufer war der Ultra-Marathon zum einen eine exzellente ultimative Herausforderung, zum anderen auch ein Erlebnis für die Sinne. Tempo, Härte, Genuss und mentale Stärke – alles hatte seine Zeit in diesem Extremlauf.

Der Start in Rothenburg: „Wer fleißig ist und gute Füße hat“ – kommt bis nach Gemünden. Das sagte „Ritter Kai von Coburg“ beim Start des Ultra-Marathons am Samstag, 8. Oktober. Rund 230 Läuferinnen und Läufer wurden damit „beauftragt“ Strecken über die Distanzen 50, 71, 100 und eben 161 Kilometer (100 Meilen) zu bewältigten.
Während nahezu alle Läuferinnen und Läufer der kürzeren Distanzen ihr Ziel erreichten, sah es erwartungsgemäß bei den Läuferinnen und Läufer, die sich für die maximale Distanz von 100 Meilen entschieden hatten, doch deutlich anders aus: Von den 45 Startern erreichten nur 24 den Marktplatz von Gemünden und kamen in den Genuss des Ritterschlages.
„Ich habe gute Hoffnung, dass es gut geht“, sagte Hardy Lech kurz vor 5.00 Uhr, als er am Hotel „Rappen“ in Rothenburg mit einer brennenden Fackel in der Hand mit den anderen Läufern im Morgengrauen durch das mittelalterliche Rothenburg ob der Tauber die ca. 2 Kilometer zum eigentlichen Startpunkt des Laufspektakels den Burggarten am Taubertalweg/ der Laufstrecke zurücklegte.

„Booaaahh“ Der Ausruf war häufig zu hören, als die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Ultra-Marathons am Weikersheimer Schloss durch ein Tor in den prächtigen Garten liefen. Exklusiv war es den 50-, 71-, 100- und 161-Kilometerläufern gestattet worden, ihn zu durchqueren, auch wenn es nur für eine kurze Momentaufnahme der barocken Pracht reichte. Dennoch: Es war für uns Teilnehmer sicher einer der optischen Höhepunkte auf der anspruchsvollen Strecke.

Optische Höhepunkte

Ein weiteres Spektakel erfolgte beim Einlauf in das pittoreske Tauberbischofsheim bei Kilometer 70. Ein Fanfarenbläser, der auf einem hohen mittelalterlichen Befestigungsturm postiert war, hieß jeden Läufer mit einem kräftigen Fanfarensignal seiner Trompete Willkommen in der Stadt.

Nachdem bis dahin das Wetter gut mitspielte und es trocken blieb, veränderte sich langsam sowohl das Wetter wie auch die Anforderungen der Strecke, die nun spürbarer wurden. Irgendwie waren dann keine Burgen und Schlösser mehr zu sehen, der Taubertalweg ist ein durchgehend aspalthierter Radweg und dieser führte nun mehr und mehr durch Industriegebiete, an Schnellstraßen entlang. Was es heißt, 161 Kilometern auf Asphalt zu laufen, wurde mit jeden weiterem Kilometer spürbarer. Die Füße von Hardy Lech erinnerten daran, dass sie zwar ähnliche Strecken vom Umfang bereits einige Male gelaufen waren, aber vorrangig im Gebirge und auf unbefestigten Wegen, sogenannten „trails“.

161 Kilometer auf Asphalt - Füße und Skelett der Läufer werden auf das Extremste strapaziert.

Zu der einsetzenden Dunkelheit gesellte sich ein Dauerregen. Nach all den schönen Sinneserfahrungen vorher, wurde von Hardy Lech von „jetzt auf gleich“ ein enormer Durchhaltewille und die antrainierte Leidensfähigkeit gefordert: „Die letzten 5 – 6 Stunden bin ich alleine gelaufen. Es waren ja eh nur noch wenige Läufer auf der Strecke. Wie sich im Ziel herausstellte nämlich nur noch ca. 25 Läufer. Die anderen sind ausgestiegen. Mir war eiskalt, es peitschte der Regen, ich musste mich disziplinieren, weiter zu laufen. Das erfolgte im Wechsel von Laufen – Schnelles Gehen – Laufen.

„Völlig kaputt“ dann der Zieleinlauf nach 23:43 Stunden in Gemünden am Main. Beim symbolischen Ritterschlag konnte ich zwar kurz lächeln und war schon beeindruckt von diesem Ritual. Ich habe mir aber erlaubt, bei der Aufforderung mich nun nieder zu knien, mich dem zu verweigern: „Wenn ich jetzt nieder knie, dann komme ich garantiert nicht wieder hoch und kippe um.“ Mein Anblick nach den Strapazen muss „Ritter Alfred“ überzeugt haben. Ich habe den Ritterschlag – ausnahmsweise - im Stehen erhalten.

Nach einer heißen Dusche gab es ein opulenten „Ritteressen“ stilecht in einem Kellergewölbe eines nahegelegenen Restaurants mit den anderen Zieleinläufern. Gestärkt, höchst zufrieden, setzte sich Hardy Lech anschließend direkt in den Zug nach Oberhausen, in der Vorfreude auf ein großes Glas Wein mit Ehefrau Doris.
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