Mein Senf dazu (2): Von Ai-Weiwei bis Michelangelo. Darf Kunst das? Ja! Kunst darf alles

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Als der David im Kantpark Duisburg aufgestellt wurde, war der Aufschrei der Empörung groß, später wurde die Skulptur sogar beschädigt. Foto: Jürgen Daum / Lokalkompass
 
Christoph Schlingensief wurde vom damaligen Düsseldorfer Oberbürgermeister Dirk Elbers mit dem Helmut-Käutner-Preis ausgezeichnet. Archiv-Foto: Benedikt Jerusalem, Landeshauptstadt Düsseldorf

Künstler Ai Weiwei posierte und provozierte als toter Flüchtlingsjunge am Strand. Eine Aktion, bei deren Planung der berühmte chinesische Dissident den Aufschrei der Empörung wohl bereits einkalkuliert hatte. Schmäh-Reaktionen aus den Reihen der Kritiker und Kollegen, entsetzte Kommentare in den sozialen Netzwerken, wie "pietätslose Inszenierung", stellten noch gemäßigte Stimmen dar. Kunst auf Kosten eines kleinen ertrunkenen Jungen. Darf Kunst das? Ja, denn Kunst darf alles. Ein Plädoyer für die Freiheit von Kunst und Kultur.

von Peter Dettmer

Auf den Spuren provokativer Kunst bedarf es gar nicht in die Ferne zu schweifen, bis auf die griechische Insel Lesbos, wo das Foto des ertrunkenen Flüchtlingsjungen Ailan Kurdi nachgestellt wurde.

Duisburg: Ein nackter David und der Aufschrei der Moralapostel

Als im April 2010 der Düsseldorfer Künstler Hans-Peter Feldmann seine schrille Version von Michelangelos David im Duisburger Kantpark installierte, hallte ein Aufschrei der Empörung durch die Stadt: Er ist bunt, er ist rosarot und - oh mein Gott - er ist NACKT! Wie soll man das den Schulkindern erklären, deren Weg an dem Koloss vorbeiführt?, lauteten noch die milderen Stimmen. Der nackte Riese blickte derweil ebenso gelassen hinunter auf die Hinterlassenschaften der Drogis im Park, wie auf die osteuropäischen Nutten vor dem Pornokino gegenüber. Doch David wurde zum Symbol für den wahren Skandal und erklärtem Feindbild der Moralapostel und Ewiggestrigen: Im Schutz der Dunkelheit wurde der Riese zuerst mit einer Windel umhüllt, dann mit Farbe besprüht und schließlich auch noch von Vandalen entmannt.

Oberhausen: Christoph Schlingensief empört die Massen

Er war das Enfant terrible unter den Kulturschaffenden: Christoph Schlingensief reihte in seiner Laufbahn geschickt die Inszenierung seiner Skandale dicht aneinander. In seiner Inszenierung über das Leben von Lady Di kotzte Darstellerin Jenny Elvers in Toiletten und verpasste sich Elektroschocks. Doch das war noch gar nichts gegen seinen Skandalstreifen Das deutsche Kettensägenmassaker. Da zeigte der Oberhausener in feinster Pasolini-Manier die Wiedervereinigung als Schlachtfest samt westdeutscher Metzgerfamilie im Blutrausch. Unvergessen auch, als er während der documenta in Kassel festgenommen wurde, weil er im Rahmen seiner spektakulären Aktion Mein Filz, mein Fett, mein Hase ein Schild mit der Aufschrift 'Tötet Helmut Kohl' präsentierte.

Düsseldorf: Mit Filzhut und Fettecke - Joseph Beuys

Anglerweste und Filzhut waren seine Markenzeichen. Seine Kritiker hatten nette Bezeichnungen wie "Scharlatan" für den Herrn Professor. Für seine Jünger galt er dagegen als der da Vinci seiner Zeit: Er brachte im Hauptgebäude der Düsseldorfer Kunstakademie unter der Decke fünf Kilo Butter als Kunstwerk an (Die Fettecke), erklärte in Blattgold gehüllt einem toten Hasen die Kunst, oder rockte mit einer Band gegen den US-Präsidenten (Sonne statt Reagen). Als Joseph Beuys mit abgewiesenen Studenten 1972 (seine Klasse war auf 30 Plätze begrenzt, 268 Bewerber wurden abgelehnt) das Sekretariat der Kunstakademie besetzte, entließ ihn der damalige Ministerpräsident Johannes Rau fristlos. Die FAZ beschrieb die Ikone in einem Feuilleton: "Beuys selbst ist das größte Kunstwerk."

Meinung: Freiheit - über alle Moralvorstellungen hinweg

'Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei', mit diesen Worten schützt unser Grundgesetz diese Freiheiten. Mit Blick auf unsere verhängnisvolle Geschichte, in deren Verlauf der perverse Begriff Entartete Kunst geprägt wurde, gilt es diese Werte mit aller Kraft zu verteidigen. Kunst darf sich überkommenen Moralvorstellungen weder beugen, noch lässt diese sich jemals mit diesen unter einen Hut bringen. Kunst darf und muss immer wieder hart an die Grenzen des guten Geschmacks, ja des Erträglichen stoßen und diese sogar übertreten. Sie darf und muss alles sein: Emotion, Faszination, Provokation, Diskussion - alles, nur nicht brav, offensichtlich oder geschweige denn langweilig. Fazit: Kunst, die keine Reaktionen provoziert, ist keine Kunst.

Was wäre denn ein Kunstwerk, über das man nicht trefflich streiten und diskutieren könnte? Wir freuen uns über die Kommentare unserer Leser.

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42 Kommentare
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 13.02.2016 | 10:46  
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Bernhard Braun aus Essen-West | 13.02.2016 | 10:47  
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 13.02.2016 | 10:55  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 13.02.2016 | 10:59  
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Volker Dau aus Bochum | 13.02.2016 | 11:09  
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Monika Wübbe aus Marl | 13.02.2016 | 11:31  
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Elisabeth Jagusch aus Schermbeck | 13.02.2016 | 11:49  
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 13.02.2016 | 12:24  
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Jürgen Daum aus Duisburg | 13.02.2016 | 12:32  
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Wolfgang Schulte aus Hagen | 13.02.2016 | 12:43  
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Melanie Schmitz aus Duisburg | 13.02.2016 | 13:09  
Peter Dettmer aus Essen-Borbeck | 13.02.2016 | 13:15  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 13.02.2016 | 14:18  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 13.02.2016 | 16:19  
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Jörg Manthey aus Witten | 13.02.2016 | 16:49  
Peter Dettmer aus Essen-Borbeck | 13.02.2016 | 17:23  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 13.02.2016 | 18:21  
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Martina Janßen aus Hattingen | 13.02.2016 | 19:09  
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Wolfgang Schulte aus Hagen | 13.02.2016 | 23:51  
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Roland Nelke aus Castrop-Rauxel | 14.02.2016 | 00:21  
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Rolf Tschochohei aus Wesel | 14.02.2016 | 07:56  
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Wolfgang Koch aus Dorsten | 14.02.2016 | 10:40  
Peter Dettmer aus Essen-Borbeck | 14.02.2016 | 11:14  
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Hildegard Grygierek aus Bochum | 14.02.2016 | 18:48  
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Volker Dau aus Bochum | 14.02.2016 | 19:17  
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Hildegard Grygierek aus Bochum | 14.02.2016 | 20:02  
Peter Dettmer aus Essen-Borbeck | 15.02.2016 | 08:39  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 15.02.2016 | 09:11  
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Hildegard Grygierek aus Bochum | 15.02.2016 | 09:15  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 15.02.2016 | 09:21  
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Hildegard Grygierek aus Bochum | 15.02.2016 | 09:34  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 15.02.2016 | 10:44  
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Hildegard Grygierek aus Bochum | 15.02.2016 | 11:27  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 15.02.2016 | 13:42  
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Hildegard Grygierek aus Bochum | 15.02.2016 | 13:44  
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Hildegard Grygierek aus Bochum | 15.02.2016 | 14:17  
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 15.02.2016 | 17:45  
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 15.02.2016 | 17:48  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 15.02.2016 | 20:21  
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 17.02.2016 | 23:50  
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Bruni Rentzing aus Düsseldorf | 18.02.2016 | 06:53  
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