Ehrenamtliche geben Sprachkurse: „Ich will bei einem guten Start helfen“

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Alicja Szkatula gab während ihres Studiums Flüchtlingen Sprachtraining. (Foto: Caritas)
 

Tör, Tür oder Tär – kreuzen Sie an! Abdulhalim Fares (52) greift zum Stift, strahlt übers ganze Gesicht und entscheidet sich souverän für Nummer zwei: Tür. Dabei hat er in seiner Heimat nie lesen und schreiben gelernt.

Das holt der Kurde, der aus Syrien geflohen ist, jetzt in Bottrop nach. Er kommt jeden Dienstag zum Sprachtraining für Flüchtlinge in die Geschäftsstelle der Caritas an der Pfarrstraße. Dort geben Ehrenamtliche Deutschunterricht.

Alicja Szkatula hat während ihres Studiums selbst Deutschunterricht für Flüchtlinge gegeben. Auch wenn sie das Unterrichten nie gelernt hat, wollte sie den Neuankömmlingen im Ruhrgebiet unbedingt beim Sprach-Start helfen. Jetzt ist sie als Fachberaterin für Integration und Migration die erste Anlaufstelle für Menschen, die sich wie sie bei der Caritas engagieren wollen.

Sprache ist Schlüssel zur Integration

Die Caritas bietet im Ruhrgebiet mehr als 100 Sprachkurse an. Zum Beispiel für Anfänger, junge Leute oder Schnell-Lerner. Allein in Bottrop gibt es derzeit zwei Trainings – 90 Minuten, einmal in der Woche. Dabei können Flüchtlinge die ersten Wörter lernen, bevor später der offizielle Integrationskurs anfängt. „Auf diese Kurse müssen Asylbewerber oft monatelang warten. Wir wollen die Zeit nutzen. Denn die meisten möchten lernen und nicht nur untätig herumsitzen. Sie wissen, dass Integration nur funktioniert, wenn sie auch die Sprache des Landes sprechen“, sagt Bettina Beusing, Fachberaterin für Integration und Migration bei der Caritas Bottrop.

20 Ehrenamtliche engagieren sich für diese Kurse allein in Bottrop; darunter sind pensionierte Lehrer, junge Leute oder Migranten, die schon länger in Deutschland leben. So hat auch Alicja Szkatula angefangen, die selbst einen Migrationshintergrund hat und mittlerweile fest zum Team der Caritas zählt. Ihr Vater ist aus Polen geflüchtet, hat oft von der ersten Zeit in Deutschland erzählt, als er in einer Notunterkunft lebte, die Sprache nicht beherrschte. „Er hat immer sehr positiv davon gesprochen. Auch wenn anfangs nicht alles so war, wie er es sich erträumte.“

Schön, Fortschritte zu sehen

Tochter Alicja ist in Bottrop geboren, in Boy, einem Stadtteil mit hohem Ausländeranteil, aufgewachsen. Die junge Frau, die perfekt Deutsch und Polnisch spricht, hat gerade ihr Studium beendet. Auch während des Prüfungsstresses hat sie sich immer die Zeit genommen Deutschunterricht zu geben. „Es macht total viel Spaß. Und es einfach schön, zu sehen, wie die Leute Fortschritte machen“, sagt sie.

So wie Abdulhalim Fares, der zwar nie das arabische Alphabet gelernt hat, aber mittlerweile das lateinische Alphabet kennt. Sorgfältig schreibt er Buchstabe für Buchstabe in ein Heft mit einer dreiteiligen Lineatur, wie es Grundschüler benutzen. Gerade geht es um das Wort Ampel. „Wo wohnt das P?“, fragt die Sprachtrainerin mit Blick auf sein Heft. „Ach ja, im Keller“, sagt Herr Fares beinahe entschuldigend und zieht den Buchstaben noch ein Stück weiter nach unten. Man spricht sich im Kurs übrigens mit Sie und Nachnamen an. „Damit die Teilnehmer wissen, dass man in Deutschland nicht gleich jeden duzt“, sagt Alicja Szkatula.

Vor allem Männer nehmen am Sprachtraining teil

Die Schüler erfahren vom Sprachtraining meist bei der Beratung, die die Caritas und andere Sozialverbände Asylbewerbern anbieten. Sie kommen aus Syrien, dem Irak, aus Eritrea und aus den Balkanstaaten; überwiegend sind es Männer. „Viele Frauen haben kleine Kinder, um die sie sich kümmern müssen“, weiß Bettina Beusing. Außerdem entspreche es ihrem traditionellen Rollenverständnis, den Männern den Vortritt zu lassen.

Man ist inzwischen beim C angekommen. „C wie Clown“, versucht Alexander Triffterer (25) zu erklären. Achselzucken. Er versucht es mit C wie Computer. Alles klar, das kommt an. Der junge Bottroper ist Goldschmied. Er hat mit seinem Chef ausgehandelt, seine Arbeitszeit dienstags nach hinten zu verschieben, damit er zum Sprachkurs gehen kann. „Ich will ein kleines Stück dazu beitragen, dass die Leute einen guten Start in Deutschland haben“, sagt Alexander Triffterer. Im Alltag hat er keinen Kontakt zu Flüchtlingen, das Sprachtraining sei eine gute Gelegenheit für ihn, sich mit der Situation der Zuwanderung auseinanderzusetzen und Menschen aus einem fremden Kulturkreis kennenzulernen.

D wie Dach. „Satteldach“, ergänzt Abdulhalim Fares und verblüfft die Sprachtrainer mit seinen Detailkenntnissen – was den Mann, der in Syrien Herrenkleidung verkauft hat, sichtlich mit Stolz erfüllt.

Einkaufen und Mülltrennung

Die Teilnehmer lernen nach dem Heft „Deutschkurs für Asylbewerber“. Da geht es um elementare Dinge wie Begrüßung, Wochentage, Einkaufen. Aber auch in die Details der deutschen Mülltrennung – Gelbe Tonne, Papiermüll, Restmüll – werden die Flüchtlinge eingeweiht. Die Bundeskanzlerin tritt übrigens ebenfalls in Erscheinung, im Kapitel Kopf: Haare, Augen, Mund, Nase. „Wer ist das?“, fragt die Lehrerin und deutet lachend auf das Foto. „Angela Merkel“, sagt Alhusain Majd, ohne eine Sekunde zu zögern. Diese Frau kenne in Syrien jeder.

Für Alicja Szkatula hat sich ihr ehrenamtliches Engagement auch persönlich gelohnt. Nach Abschluss ihres Studiums hat sie als Fachberaterin für Integration und Migration bei der Caritas in Bottrop begonnen. Zu ihrem Aufgabengebiet gehört auch die Koordination ehrenamtlicher Arbeit – da kennt sie sich ja bereits bestens aus. „Das ist ein Glücksfall für uns. Wir sind froh, dass wir jemanden gefunden haben, der die Praxis kennt und von dem wir wissen, dass er engagiert ist“, freut sich ihre Chefin Bettina Beusing.

Info:
Als gesellschaftlicher Träger in NRW profitiert die Caritas vom Lotto-Prinzip. Rund 40 Prozent der Spieleinsätze der Tipper bei WestLotto gehen an das Land, das daraus wiederum das Gemeinwohl fördert. Mehr als 26 Milliarden Euro Unterstützung sind auf diesem Weg bereits für die Gesellschaft zusammengekommen.
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