Hier ist die Welt zu Hause

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Die Teilnehmerinnen des Sprachkurses (Foto: Grätz)

Das Sozialzentrum St. Peter ist ein Ort der Begegnung für die Einwohner von Duisburg-Hochfeld, wo Menschen aus 91 Nationen leben.

Sie treffen sich einmal in der Woche zum Sprachkurs im Sozialzentrum St. Peter in Duisburg-Hochfeld. Ihre ehrenamtliche „Lehrerin“ Lili Ismailova stammt aus Kasachstan, hat dort schon Deutsch gelehrt und unterrichtet jetzt die anderen Frauen im Sozialzentrum. Petija aus Bulgarien ist heute das erste Mal hier. „Sie ist noch etwas schüchtern, aber das wird sich legen, wenn wir erst mal ins Gespräch kommen“, sagt Ismailova. Am Nebentisch sitzt der Sohn von Petija und macht Hausaufgaben.

Gleich nebenan in den neuen Räumen sitzen sechs Frauen, stricken, trinken Kaffee und erzählen. Hier trifft sich das internationale Erzählcafé für Frauen in deutscher Sprache. Heute sind sie wegen des muslimischen Fastenmonats nur in kleiner Besetzung da. „Normalerweise sind wir mindestens 14. Wenn wirklich alle kommen, sogar 20“, sagt Carina. Frauen aus elf Nationen treffen sich hier jede Woche. Heute sind es Irene aus Griechenland, Natalia aus der Ukraine, Simone, Carina und zwei deutsche Frauen. Auch das Erzählcafé ist ein Angebot der Begegnung in St. Peter.

Obwohl Männer hier nicht ausgeschlossen sind, hat sich das Zentrum auf die Arbeit mit Frauen und Kindern spezialisiert. Auf dem Gelände befindet sich auch die Beratungsstelle des Vereins Solwodi, der sich um Frauen in Not kümmert. Um diese Arbeit zu stützen, gründeten die Hiltruper Missionsschwestern im Jahre 2001 hier einen kleinen Konvent, und St. Peter ist zu einem Knotenpunkt der Hilfen und der Begegnung im Stadtteil geworden. Es gibt eine Kochgruppe, die sich einmal in der Woche trifft, und den Secondhandladen im Untergeschoss. Es gibt den Kindertreff, ein offenes Angebot für Kinder im Grundschulalter, und die Schulmaterialausgabe, die Schulutensilien zu Beginn jedes Schuljahres ausgibt. Die hier geleistete Arbeit der Caritas wird unter anderem durch die Erträge der Lotteriegesellschaft Westlotto finanziert. Untermieter des ehemaligen Pfarrzentrums der Kirche St. Peter ist heute die Duisburger Tafel. Jeden Tag kommen 80 bis 100 Menschen hierher, dann ist der Bereich vor der Essensausgabe gut gefüllt.

Seele und Hand des Zentrums aber sind die Herz-Jesu-Schwestern, die hier mit einem kleinen Dreierkonvent Sozialarbeit und Seelsorge leisten. Schwester Martina Paul ist die Praktikerin im Team. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt aller Hilfen und Begegnungsmöglichkeiten in St. Peter. Bevor sie 2001 als Gemeindereferentin begann, hatte sie sich ein halbes Jahr in Namibia auf diese Arbeit vorbereitet. „Ich wollte die Erfahrung der Fremdheit machen, um die Menschen in Hochfeld besser zu verstehen. Was ich gelernt habe, ist: dass Arme viel eher bereit sind zu teilen und dass zur Familie ‚alle, die mir gut sind‘, gehören können.“

Sr. Martina Paul übernahm 2006 die Leitung des Sozialzentrums St. Peter. 2013 konnte das Sozialzentrum schließlich in die umgebaute Kirche einziehen. Sr. Martina Paul versteht sich als Brückenbauerin. Und wo wäre – schon vom Namen her – ein besserer Ort dafür als auf der Brückenstraße in Duisburg-Hochfeld. „Ich freue mich, wenn Menschen zu mir kommen, um etwas für ihren Stadtteil oder für andere Menschen zu tun. Ich lade sie dann ein, es hier in St. Peter zu tun.“ So entstanden zum Beispiel Sprachkurse für Migrantenkinder, eine Theatergruppe und eine Yogagruppe.

Sr. Martina: „Über die Schulgottesdienste und Feste in den Grundschulen komme ich ständig in Kontakt mit den Menschen und weiß, was sie bewegt. Ich weiß von vielen, welchen Aufenthaltsstatus sie haben, wer krank ist oder in finanziellen Schwierigkeiten.“ Neben den Pfarrgremien ist sie in drei Arbeitskreisen des Stadtteils, dem AK EU-Neubürger, dem AK Kinder- und Jugendarbeit und dem Runden Tisch Hochfeld, dabei. „Diese Vernetzung ist wichtig. Wir sind da, hören zu und kennen die Menschen. Viele in Hochfeld haben Probleme mit Armut, Sucht, Fremdheit und Einsamkeit. Um hier zu helfen, braucht es viele. Wir sind ein Akteur, und wir sind lebendige Kirche.“

Hochfeld ist ein Stadtteil mit jahrzehntelanger Zuwanderungsgeschichte. Hier leben heute viele Menschen, die in den 60ern und 70ern als Gastarbeiter aus der Türkei, aus Italien, Griechenland und Jugoslawien eingewandert sind. Zu den klassischen Gastarbeitern sind Asylsuchende und Flüchtlinge aus Afrika, Sri Lanka, aus dem arabischen Raum und aus Ost- und Südosteuropa hinzugekommen, in der letzten Zeit vermehrt Roma aus Rumänien und Bulgarien.

„Hochfeld ist bunt. Hier ist die Welt zu Hause“, sagt Klaus Peter Bongardt von der Caritas Duisburg, der die Arbeit der Caritas in St. Peter koordiniert. Auch er ist ein Brückenbauer, der die Chancen dieses bunten Stadtteils ebenso sieht wie die Probleme. „Natürlich läuft hier in Hochfeld nicht alles rund. Wenn das so wäre, bräuchten die Menschen uns hier nicht.“ So berichtet er, dass heute die etablierten türkischen Bewohner von Hochfeld sich über die Roma vom Balkan wegen Lärm- und Müllbelästigung beschweren. „Wir fangen heute da an, wo wir vor 30 Jahren schon mal waren. So ist das in einem vielfältigen Stadtteil.“ Vielfalt hat Hochfeld zu bieten, auf knapp vier Quadratkilometern wohnen ca. 17 000 Menschen, 64,5 Prozent der Einwohner des Stadtteils haben eine Zuwanderungsgeschichte. Menschen aus 91 Nationen und etlichen Religionen leben hier zusammen, was zu Spannungen führt, aber auch eine Chance ist.

„Die Menschen hier haben Toleranz gelernt“, sagt Bernhard Lücking, der so etwas wie der geistige Vater des Sozialzentrums ist und heute Stadtdechant von Duisburg. „Das ist auch für die katholische Kirche eine Riesenchance.“ Als durch die Umstrukturierungen im Ruhrbistum Kirchen geschlossen und Gemeinden zusammengelegt wurden, sollte auch St. Peter geschlossen werden. Der Verkauf einer Kirche in Kasslerfeld und der Einzug der Duisburger Tafel im Jahr 2007 ermöglichten dann den Umbau des Kirchengebäudes zum Sozialzentrum. Die Mieteinnahmen über die Tafel sichern wenigstens den Bestand der Gebäude. Lücking: „Für die Gemeinde war es ein schmerzhafter Prozess, als 2006 die letzte Messe in St. Peter gelesen wurde. Aber schließlich waren sogar die Skeptiker unter den ‚Petrianern‘ überzeugt, dass hier ein Ort für die Menschen entstehen würde"

Lücking steht wie kaum ein anderer für die spirituelle Begegnung in Duisburg. „St. Peter ist ein Ort, offen für alle Nationen und Religionen“, so hat es Ruhrbischof Dr. Franz Josef Overbeck bei der Einweihung von St.Peter 2013 gesagt. Der „Raum der Stille“, die ehemalige Kapelle von St. Peter, steht heute allen Menschen des Stadtteils offen. Lücking: „Hier darf jeder beten.“

Autor: Christoph Grätz
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1 Kommentar
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Yvonne Beate Küffner aus Bottrop | 20.02.2015 | 18:54  
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