„Kein Abraham, kein Moses, keine Zehn Gebote“. Replik auf einen Kommentar

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Zitat: „Daß die biblischen Geschichten historisch nicht beweisbar sind, das ist ein alter Hut. Das wußte man schon vor über hundert Jahren. Aber schon im Mittelalter wußte man dank der Lehre vom vierfachen Schriftsinn, daß es nicht auf die historische Richtigkeit ankommt, sondern auf das, was die Bibel uns an allegorischen, anagogischen und moralischen Lehren vermittelt. Ein Theologieprofessor sollte davon immerhin gehört haben.“

Ja, für halbwegs aufgeklärte Menschen ist das ein „alter Hut“, spätestens seit (Rudolf) Bultmann (1884–1976). Die Frage der Historizität und die Frage der intellektuellen Redlichkeit wird dabei einfach beiseite geschoben und als irrelevant abgetan. So hat es die Kirche stets verstanden, sich, ihre Doktrin und ihre Inszenierungen so weit wie nötig und möglich den jeweiligen Zeitströmungen und den verschiedensten Mentalitäten anzupassen, um ihre Herrschaft und ihren Besitz abzusichern, indem sie „Heidnisches“ übernommen und umgedeutet, sich auf ältere Kultstätten draufgesetzt und Philosophien für sich nutzbar gemacht hat.

Der Sophismus eines ihrer Vertreter, Pfarrer der Glaubensbewegung „Deutsche Christen“ (DC), ging so weit, dass er 1939 beim Konfirmandenunterricht zu mir sagte, Jesus sei kein Jude gewesen, „er war blond wie du“. In den 50er Jahren habe ich auf Kruzifixen in Vietnam schlitzäugige Gekreuzigte gesehen und auf Fotos aus Afrika einen schwarzen Jesus.

Schon im Mittelalter gab es von Anfang an so viel Kritik am christlichen Glauben, an den Dogmen und sogar Unglauben, Agnostizismus und Atheismus, dass das Etikett „Zeitalter des Glaubens“, mit dem diese Epoche noch heute ausgezeichnet wird, sich als falsch erweist. (Hierzu: (Peter Dinzelbacher: Unglaube im Zeitalter des Glaubens. Atheismus und Skeptizismus im Mittelalter. Badenweiler 2009.)

Solch eine offensichtlich gewollte Täuschung war möglich, weil die Kirche Zeugnisse und Dokumente, die meisten Schriften ihrer Kritiker einfach verschwinden ließ. Erhalten geblieben sind jedoch Protokolle und Gegenschriften der Kirche bzw. von Kirchenvätern, aus denen sich die Kritiken anhand von Zitaten teilweise rekonstruieren lassen. So zum Beispiel die älteste bekannte Streitschrift gegen das Christentum des platonischen Philosophen Celsus (griech. Kelsos), verfasst um 178 n. u. Z. Es war Origenes (um185 –254), der gegen Celsus anschrieb.

Er war auch einer der Kirchenväter, die das Dogma vom Vierfachen Schriftsinn entwickelt haben, um, vermute ich, Zweifel an der christlichen Bibel-Interpretation (Exegese) vom Tisch zu wischen und Kritikern des Christentums den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Das Dogma vom Vierfachen Schriftsinn ist hier nicht das Thema Lüdemanns, sondern die Frage der Wissenschaftlichkeit der Theologie und der Relevanz historischer Kritik:

„Ich möchte demgegenüber dafür plädieren, dass der Wert der Theologie als Wissenschaft davon abhängt, inwieweit sie der Wahrheit verpflichtet ist. Wissenschaft strebt Objektivität an und kann schon deswegen niemals vorweg den Wahrheitsanspruch der Kirchen voraussetzen. Theologie kann überhaupt keine kirchliche Wissenschaft sein. Entweder ist sie freie Wissenschaft oder sie ist gar keine. Die Wissenschaft vom christlichen Glauben ist so wenig christlich, wie die Wissenschaft vom Verbrechen verbrecherisch.“

„Theologie kann nur dann den Anspruch erheben, eine wissenschaftliche Disziplin zu sein, wenn sie sich dem Kanon und den Regeln der modernen europäischen Universität einordnet und von Erkenntnisprivilegien jeglicher Art - auch von dem Privileg der Erkenntnis Gottes - Abschied nimmt. Theologie ist insofern eine geschichtliche Disziplin, als sie das Christentum mit Hilfe der historisch-kritischen Methode untersucht. Für die historische Methode sind drei Voraussetzungen grundlegend: die Kausalität, die Berücksichtigung von Analogien und die Erkenntnis von der Wechselbeziehung der historischen Phänomene zueinander, Ihre Arbeitsweise folgt dem methodischen Atheismus der Neuzeit (`als ob es Gott nicht gäbe"), der freilich von einem dogmatischen Atheismus zu unterscheiden ist. Befreit von den übernatürlichen Voraussetzungen und ausgerüstet mit einem Instrumentarium historischer Kritik hat die so verstandene Theologie als wissenschaftliche Disziplin geradezu eine kopernikanische Wende für alle Kirchen- und Religionsgemeinschaften zur Folge. Ihr Siegeszug durch die Universitäten in den letzten drei Jahrhunderten ist eindrücklich. Sie hat sich in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen behauptet und völlig neue Einsichten geliefert.“

[Quelle: Aus einer Aufzeichnung eines Vortrags von Prof. Gerd Lüdemann → http://www.kreudenstein-online.de/Bibelkritik/Kirc...
(Neutestamentler in Göttingen) veranstaltet vom Bund für Geistesfreiheit in Bayern]

Die Erforschung unserer kulturellen Ursprünge, unserer Herkunft, unserer Geschichte ist nötig, um unser gegenwärtiges Denken, unser Tun und Lassen und damit uns selber besser verstehen zu können. Es bedarf also der Wissenschaften. Affirmative Theologie ist keine Wissenschaft.

„Kein Abraham, kein Moses, keine Zehn Gebote“: Das ist auch das Resümee der beiden jüdischen Wissenschaftler Israel Finkelstein, Neil Asher Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel. (Taschenbuch, 384 Seiten, Deutscher Taschenbuch Verlag 2004, hier als eBook abrufbar → http://archive.org/stream/IsraelFinkelsteinUndNeil... )
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Dietrich Stahlbaum aus Recklinghausen | 19.05.2015 | 11:47  
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