Vor 70 Jahren: Am 8. Mai 1945 sind wir durch die Elbe geschwommen...

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Als Soldat im Herbst 1944
„Vorwärts, Kameraden, es geht zurück!“

Am späten Nachmittag des 7. Mai 1945 erreichten wir, Wilfried und ich, von Osten herkommend, das Ufer der Elbe fast an derselben Stelle, an der wir ostwärts gefahren waren. Wir waren im März von einem Brückenkopf nördlich des Waal zwischen Arnheim und Nimwegen vertrieben worden, hatten unsere Kompanie verloren und uns einer FLAK-Einheit angeschlossen. Sie war nun nicht mehr gegen Flugzeuge, sondern gegen Panzer eingesetzt. Diese Einheit wurde mit ihren 8,8 cm- und 3,7 cm-Kanonen von der nicht mehr bestehenden Westfront an die nicht mehr bestehende Ostfront verlegt, überquerte bei Hitzacker die Elbe und sollte den Schutzring um Berlin verstärken. Wilfried und ich, frisch gebackene Fahnenjunker-Unteroffiziere, Jahrgang 26, fuhren mit einem requirierten Motorrad der FLAK-Batterie voraus und sondierten die Lage. Wir versuchten den jeweiligen Verlauf der „Front“ zu erkunden und gerieten dabei immer wieder zwischen Kampfverbände der Alliierten.

Auf der Brücke bei Hitzacker, eine der letzten Elbbrücken, die noch
nicht ganz zerbombt waren, bewegten sich schnell zusammengetrommelte
Reste deutscher Truppen im Schneckentempo nach Osten,
während sich nach Westen ein Strom ziviler Flüchtlinge ergoss. Die
Brücke war immer wieder verstopft. Dann wurden die Flüchtlinge,
teils zu Fuß, teils mit Pferd und Wagen, gewaltsam zurückgedrängt.
Was das für die unbewaffneten Menschen, meist Frauen, Kinder und
Alte, denen die Angst vor der Sowjetarmee im Nacken saß, bedeutete,
ist mir erst viel später bewusst geworden, als das Nachdenken begann.
Solch ein Elend hatten wir an der Westfront ja nicht erlebt.

Bevor wir, Wilfried und ich, auf der Brücke waren, fielen mir
Bombentrichter auf, neben der Straße. Bald sahen wir die Elbe und
auf ihr lauter Boote, die, voller Menschen, vom Ostufer zum Westufer
wechselten und fast leer wieder zurückkamen. Wilfried hatte wohl
denselben Gedanken wie ich, denn wir nickten einander zu, fuhren
hinunter zum Ufer des Flusses und ließen uns mit einem kleinen Boot
übersetzen. Das Motorrad hatten wir zurück lassen müssen. Als wir
mitten auf der Elbe waren, kamen sie dann auch: Jabos, Jagdbomber.
Im Tiefflug schossen sie über die Brücke hinweg, warfen Bomben und
feuerten mit ihren Bordkanonen. Die Brücke wurde getroffen. Durch
unseren Feldstecher sahen wir, was die Jabos angerichtet hatten. Bei
einem zweiten Anflug schlugen die Geschosse zwanzig Meter neben
uns ins Wasser. Am anderen Ufer warteten wir auf unsere FLAK-Kolonne
und fuhren auf einem erbeuteten Jeep ostwärts der Roten
Armee entgegen. Der Flüchtlingsstrom riss nicht ab. So kamen wir
zu einem verlassenen Haus, einem Fährhaus oder dergleichen. Hier
wollten wir, ehe uns alles abgeschnitten würde, die letzte Nacht in
Freiheit verbringen, um am nächsten Morgen hinüberzuschwimmen.

Wir hatten in einer kleinen Mulde unter Reisigbüscheln ein Schlauchboot
entdeckt und im Keller des Hauses große Vorräte an Konserven
und mehrere Flaschen Wein und Schnaps. Satt und besoffen (wie man
das wohl nennen darf) schliefen wir dem 8. Mai entgegen.

Nach einem Tiefstschlaf von mehreren Stunden meldete sich bei mir
die Blase. Ich ging vors Haus und hörte Schüsse in der Ferne. Aus dem
Osten fliehende Soldaten hatten uns schon gesagt, die Russen seien
ihnen auf den Fersen. Aus dem Osten erschallten auch die Schüsse.
Ich stürzte ins Haus, nahm das Fernglas und kletterte aufs Dach. Der
Morgen hatte begonnen, aus den Wiesen stiegen Nebelfelder hoch,
und ich wollte schon wieder hinunterklettern, da sah ich, nicht weit
von uns entfernt, Staubwolken am Waldrand. Ich erkannte einen kleinen
Reitertrupp, der auf uns zukam. Der Rest ist so schnell erzählt, wie
das, was dann folgte, passiert ist.

Ich riss Wilfried aus dem Schlaf, wir packten ein paar Habseligkeiten
zusammen, trugen das, wie sich herausstellte, halbaufgeblasene
Schlauchboot ans Wasser, legten unsere Sachen darauf und schwammen,
das Gummiboot quer zur Strömung vor uns herschiebend, zum
anderen Ufer. Dort trat ein Soldat aus dem Gebüsch heraus und rief:
„Come here, boys!“

[Aus: Dietrich Stahlbaum: Der kleine Mann. Geschichten, Satiren, Reportagen aus sechs Jahrzehnten, Recklinghausen 2005]

Dass der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung war, habe ich erst später begriffen, als ich über die Nazi-Gräuel aufgeklärt wurde und feststellen musste, dass wir in einem kulturellen Getto eingesperrt waren, als Künstler/innen, Philosophen/innen und Wissenschaftler/innen daran gingen, Grenzen zu öffnen, dieses Getto aufzubrechen und die Kultur von ihrem völkischen Korsett zu befreien.
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