Eine ganz normale Familie

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Benazir Alisoda mit einer Auswahl ihrer Bilder
Recklinghausen-Hochlarmark. Ein Vater ist stolz auf seine künstlerisch talentierte Tochter. Er möchte, dass ihr Talent bekannt und anerkannt wird. Auch auf seine anderen Kinder ist er stolz. Er möchte ihnen ein gutes Leben ermöglichen. So weit, so unspektakulär. Aber wie soll das gehen, nach nur fünf Monaten in Deutschland?
Wie soll das gehen, wenn die fünfköpfige Familie sich ihr Zimmer in der Notunterkunft für Flüchtlinge mit acht anderen Menschen teilen muss? Wenn die Möblierung aus Etagenbetten und schmalen Schränken besteht und Privatsphäre mit Bettlaken und –bezügen nur simuliert werden kann?
Saidmirzo Aliev, 44, aber klagt nicht über die Lage seiner Familie. Im Gegenteil: „Deutschland ist gut, alles ist schön hier“, findet er. „Und die Menschen sind freundlich.“ Auch seine drei Kinder, 13 bis 17 Jahre alt, und seine Frau beklagen sich nicht.
Nur einen Wunsch hat er, der in Tadschikistan, von wo die Familie geflohen ist, Journalist war: „Ich möchte, dass in der Zeitung steht, wie schön meine Tochter Benazir malen kann. Sie ist sehr talentiert.“
Bereitwillig zeigt die 17jährige ihre Bilder. „Ich nehme Bilder aus dem Internet und male sie ab“, erklärt sie in erstaunlich gutem Deutsch. „Angefangen habe ich damit vor ungefähr zwei Jahren. Es macht sehr viel Spaß, ich würde gerne Künstlerin werden. Oder Ärztin.“
Ihr Lieblingsmotiv sind Menschen, Porträtmalerei liegt ihr. Natürlich malt sie auch ihre Familie, Bekannte und Freunde. Ansonsten jedoch kann sie schon eine ganze Sammlung aktueller Prominenter und historischer Figuren vorlegen, die verblüffend schnell und deutlich zu erkennen sind. Von Martin Luther bis Michael Jackson, und auch Angela Merkel fehlt nicht in der Reihe.
Jeden Tag malt Benazir Alisoda; Buntstifte, Wasserfarben und Papier stammen zum Teil aus den zahlreichen Spenden, die in der Kleiderkammer der vom Malteserhilfsdienst betriebenen Notunterkunft gelagert werden. Sogar auf die dünne Sperrholz-Trennwand des Zimmers hat sie ein paar Blumen gezaubert. „Meine Familie findet das auch schön“, lacht sie, „außerdem ist es manchmal ein bisschen langweilig hier. Ich gehe in den Deutschunterricht der Volkshochschule, ich gehe in den Park, ich rede mit meiner Familie – aber trotzdem…“
Die Schule in Tadschikistan hatte sie so gut wie beendet, hier jedoch geht sie noch nicht zur Schule. Der Asylantrag der Familie wird noch bearbeitet, demnächst solle wieder ein „Interview“ stattfinden, berichtet Vater Saidmirzo, der sich mit der deutschen Sprache noch etwas schwer tut. Auch er kämpft gegen die Langeweile an: „Ein bisschen helfe ich in der Wäscherei und der Küche“, sagt er achselzuckend. „Und ich schreibe Gedichte in meiner Sprache.“
„Unser Vater ist ein Poet“, erklärt Tochter Benazir. Auch dabei klingt Stolz mit, Stolz auf ihren Vater.
Eine ganz normale Familie.
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