Eine Pforte der Barmherzigkeit

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Pfarrer Ludger Ernsting (links) und Schwester Judith Kohorst (rechts) begrüßen viele Gäste, die durch die „Tür der Barmherzigkeit“ in das Gasthaus kommen (Foto: privat)

In Rom ist die Heilige Pforte am Petersdom von Papst Franziskus zum Start des außerordentlichen Heiligen Jahres der Barmherzigkeit geöffnet worden. Auch in Recklinghausen gibt es nun eine „Pforte der Barmherzigkeit“.

Es ist eine unscheinbare braune Holztür, durch die täglich viele Menschen ein- und ausgehen. Wer sie öffnet, weiß was auf ihn zukommt, weiß um die Hilfe, die er erhält, weiß um das Gespräch, das er führen kann.

In der Innenstadt, direkt gegenüber der Polizeiwache, stehen Gastkirche und Gasthaus. Beide sind untrennbar miteinander verbunden. „Liturgie und Diakonie. Glauben und Leben miteinander zu teilen, gehört zum gemeindlichen Grundverständnis. Und dadurch erhält sicherlich auch manches Essen, das wir ausgeben, eucharistischen Charakter“, erklärt Pfarrer Ludger Ernsting. Der 58-Jährige lebt mit Ordenschristen in einer Gemeinschaft im Gasthaus. Ihr tägliches Brot sind Menschen, die Hilfe benötigen – nicht nur in materieller Hinsicht.

„Wir haben uns sehr gefreut, als Papst Franziskus das außerordentliche ‚Jahr der Barmherzigkeit‘ verkündet hat. Die Eingangstür des Gasthauses will daran erinnern“, sagt Ernsting, für den durch das heilige Jahr die Worte des Evangeliums wieder Leben bekommen. „Jesus hat eine Botschaft für das Heil der Welt gehabt. Wir haben uns mit unseren Gästen, Gruppen, Kreisen und der Gottesdienstgemeinde auf den Weg gemacht und uns gefragt, was das Jahr der Barmherzigkeit für uns bedeutet“, erklärt der Seelsorger. Erkennbar wird die Tür durch einen zweiteiligen roten, angedeuteten Rahmen. Rot als Farbe des Herzens und des heiligen Geistes. „Den fehlenden Teil werden wir am Heiligabend an der Kirchentür anbringen. Denn dann erwarten wir jemanden anderen“, sagt Ernsting.

Für die Aktiven im Gasthaus ist Barmherzigkeit eng mit dem Begriff der Gerechtigkeit gekoppelt. „Es geht nicht nur darum, leere Teller zu füllen, sondern auch zu fragen, warum für manche Menschen der Teller leer ist. Das ist eine unserer Aufgaben in der Gesellschaft“, sagt Ernsting, der aber auch darum weiß, dass im Gasthaus nur ein Bruchteil der Menschen erreicht wird. „Wir sehen uns als Stellvertreter für die vielen Türen in Recklinghausen, in den Orten des Bistums und Ruhrgebiets, wo Menschen Hilfe erhalten.“ Er hofft, dass mit den Menschen, die durch diese Tür ins Gasthaus kommen, anders umgegangen wird als beispielsweise in mancher Behörde. „Es geht um eine Begegnung auf Augenhöhe. Davon zeugt auch die Tradition des Hauses. Die Stifter haben vor mehr als 600 Jahren die Gastkirche und das Gasthaus für Arme und Pilger an privilegierter Stelle errichtet, an der damaligen Hauptgeschäftsstraße“, informiert Ernsting. Bis heute geht es um gegenseitige Wertschätzung und Respekt im Gasthaus.

Und wer sich mit den Werken der Barmherzigkeit beschäftigt, findet sie alle in den Angeboten des Gasthauses und der Gastkirche. Nur einige Beispiele: Hungrige werden gespeist und Durstige getränkt, wenn sie zum Frühstück oder zum Mittagessen kommen. Fremde finden in einem der Gästezimmer eine Herberge, sind sie krank, werden sie gepflegt, ein Arzt kommt regelmäßig ins Haus zur kostenfreien Untersuchung. In der Kleiderkammer erhalten sie eine passende Garderobe.

Die „Knastgruppe“ macht sich regelmäßig auf den Weg, um Menschen im Gefängnis zu besuchen, und die Angebote in der Trauerpastoral sind ebenso vielfältig. Zudem kümmern sich die Aktiven des Gasthauses um die Bestattung von Menschen, die sonst niemanden haben, und pflegen deren Gräber. „Diese Werke gehen auf die Bibel zurück und machen deutlich, wie sehr Jesus in der Wirklichkeit verankert war. Das ist Gottesbegegnung“, hält der Pfarrer fest. Denn es ginge nicht nur um eine soziale Frage, sondern auch um eine Gottesfrage.

„Für uns als Christen ist es ein bewusster Akzent: Gottesbegegnung in Menschenbegegnung. Den Menschen wahrzunehmen mit seinen Ängsten, Freuden und seiner Trauer. Wir haben die ‚Barmherzigkeit‘ für unseren Ort durchbuchstabiert und uns gefragt, wie wir sie füllen wollen“, erläutert Ernsting. Entstanden sind konkrete Forderungen zu Themen wie Arbeitslosigkeit, Kinderarmut, wohnungslose Menschen, Glücksspiel. „Das sind die gesellschaftlichen Akzente, auf die wir unseren Fokus setzen. In seinem persönlichen Bereich muss jeder für sich selbst schauen, wie er mit dem Thema umgeht. Als Gastkirche wollen wir die ökumenische Weite zulassen, wir sagen nein zu einer reichen Kirche, zum Ausschluss von Gläubigen aufgrund ihrer Lebensweise und zu einer Hierarchie, die nicht dient“, hält Ernsting fest. Ihm ist es ein Anliegen, die biblische Botschaft in den Blick zu nehmen und ihr einen Platz im Heute zu geben – und das möglichst konkret „an dem Ort, an dem wir leben und stehen“.

Hintergrund:

Drei weitere „Pforten der Barmherzigkeit“ gibt es im Bistum Münster - in der Forumskirche in Oldenburg, der Marienbasilika Kevelaer sowie am St.-Paulus-Dom in Münster.

Weitere Informationen zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit finden sich unter www.bistum-muenster.de.

Das Programm der Gastkirche gibt es unter www.gastkirche.de.
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