Handicap, na und?

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Gesprächsrunde: Mutter Christiane, Wohnverbundsleiterin Andrea Frank, Tochter Jennifer, Melanie, Heilerziehungspfleger Tobias sowie Jennifers Bruder Kevin mit Freundin Michelle standen dem Stadtspiegel Rede und Antwort.
 
Gute Stimmung im Wohnverbund: Melanie und Heilerziehungspfleger Tobias verstehen sich.

Am Anfang steht eine ganz essentielle Frage: Welchen Ausdruck soll ich verwenden? Behinderung, Handicap oder ganz was anderes? Was ist politisch korrekt, was möchten Betroffene selbst hören?

„Handicap!“, kommt die klare Antwort von Melanie. Die 20-Jährige lebt im Wohnverbund des Evangelischen Johanneswerks in Recklinghausen. Hier erhält sie die nötige Unterstützung, um ein weitgehend selbstständiges Leben zu führen.
Zu ihren Handicaps gehört vor allem eine Lernschwäche. „Das Lesen fällt mir doch recht schwer“, so Melanie. Auch körperlich ist die junge Frau eingeschränkt, die Hüfte nicht so beweglich wie bei anderen Menschen ihres Alters. „ADHS habe ich auch“, lacht sie fröhlich. Vielleicht ist sie deshalb so quirlig, aber das macht Melanie sehr offen und sympathisch. Das Gespräch nimmt an Fahrt auf.

Melanie lebt gemeinsam in einer Wohnung mit der 22-jährigen Jennifer. Bald zieht noch eine dritte Mitbewohnerin ein. Jede hat ihr eigenes Zimmer, Küche und Bad werden geteilt. „Wir haben hier rund um die Uhr einen Ansprechpartner, wenn was ist. Wir bekommen Hilfe bei Behördengängen und Einkäufen. Das ist sehr beruhigend. Ich bin nicht gerne alleine“, erzählt die 20-Jährige. Dass im Notfall immer jemand da ist, hat Melanie den Schritt in die neue Selbstständigkeit erleichtert. Vorher war sie in einer 24- Stunden Betreuung. „Da musste ich mich jedesmal ab- und anmelden. Hier hat man doch mehr Freiheiten.“

Wesentlich selbstbewusster ging Mitbewohnerin Jennifer an die Sache heran: „Ich habe Mama gesagt, ich will ausziehen.“ Das musste Mutter Christiane erst einmal verdauen. „Sie war schon immer sehr eigenständig, steigt auch mal alleine in den Zug und ruft von unterwegs an, aber damit hatte ich nicht gerechnet.“
22 Jahre war sie immer für ihre Tochter da. Bei der Betreuung wurde sie von der Familie unterstützt. „Jetzt ist es richtig ruhig und langweilig zuhause“, lacht sie. Aber es kommt auch Stolz auf, dass ihre Tochter ihr Leben selbst in die Hand nimmt. „Ich werde ja auch nicht jünger, werde nicht immer so für sie da sein können.“

Und schließlich gibt es ja noch Handys. „Ich kann zwar nicht gut schreiben, aber dann schicke ich einfach meine Nummer mit einem Symbol für Anrufen“, weiß sich Jennifer zu helfen. Überhaupt ist die 22-Jährige trotz Handicaps sehr zielstrebig. „Ich lese gerne. Das kann ich zwar noch nicht so gut, aber ich übe weiter.“
Auch Melanie hat sich noch ein Ziel gesteckt: „Ich bin sehr tierlieb und würde gerne im Tierheim helfen. Da werde ich mich vorstellen, wenn ich meine Ausbildung fertig habe.“ Sowohl Melanie als auch Jennifer arbeiten beide ganztags in den Recklinghäuser Werkstätten.

Zwei beeindruckende Beispiele, wie Menschen mit Handicap ihr Leben selbstständiger meistern können. Möglich macht dies hier die Betreuung durch das Evangelische Johanneswerk. „Das fängt auf der niederschwelligen Ebene mit unserem familienunterstützenden Dienst an“, erklärt Wohnverbundsleiterin Andrea Frank. Hier wird die Familie bereits entlastet. „In Absprache mit der jeweiligen Familie können wir dann weitergucken, was noch möglich oder sinnvoll ist, ob eine Wohngruppe das richtige wäre oder gar eine eigene Wohnung mit etwas Unterstützung“, so die Diplom-Sozialpädagogin. Die Kosten werden dabei vom Landschaftsverband getragen.

Niemand sollte sich also scheuen, Hilfe anzunehmen. Mit der richtigen Unterstützung lässt sich viel erreichen. Menschen mit Handicap oder Angehörige können sich unverbindlich mit dem Johanneswerk Wohnverbund in Verbindung setzen. Kontakt unter Tel. 02361/60810 oder per E-Mail an: wv-recklinghausen@johanneswerk.de.
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