Senioren mit Behinderung fassen auf dem Bauernhof mit an

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Christiane Bludszat traut sich zum ersten Mal, die Meerschweinchen mit der Hand zu füttern. (Foto: Ulla Emig)
 
Heilerziehungspflegerin Deborah Walter hat das Angebot vor drei Jahren initiiert. (Foto: Ulla Emig)

Vorsichtig nähert sich Christiane Bludszats Hand den weichen Nüstern von Oskar. Schüchtern und noch etwas skeptisch beginnt die 54-Jährige das kleine Shetland-Pony zu streicheln. Doch binnen weniger Sekunden geht ein Lächeln über ihr Gesicht. Man könnte meinen, auch das Pony grinst. Entspannung pur. Und ein inniger Moment zwischen Mensch und Tier, wie es so viele gibt an diesem sonnigen Vormittag auf Hof Böckmann in Witten-Heven.

Jeden Donnerstag ist der Bauernhof das Ausflugsziel von sechs Seniorinnen und Senioren aus dem Johanneswerk Wohnverbund Recklinghausen. Unter der Begleitung von Heilerziehungspflegerin Deborah Walter erleben die Frauen und Männer mit Behinderung im Alter von 48 bis 72 Jahren den Umgang mit Tier und Natur, erfahren die sogenannte "Selbstwirksamkeit". „Das bedeutet, sie erleben sich selbst in ihren Handlungen und ihre Wirkung auf andere“, erklärt Deborah Walter. So erfahren sie, dass sie etwas ausrichten können - etwa Aufgaben übernehmen.

Kleine Aufgaben übernehmen


Davon gibt es einige: Schließlich leben auf Hof Böckmann etliche Meerschweinchen, zwei Ponys, zwei Pferde, zwei Minischweine, Schafe und Ziegen. Da ist Arbeitsteilung notwendig. Während die 72-jährige Eveline Helmis und Christiane Bludszat emsig Gemüse und Obst für die Meerschweinchen-Fütterung schnippeln, packt Paul-Dieter Rehberg bei der Ausmistung des Nager-Stalles mit an. Schubkarre für Schubkarre fährt der 48-Jährige den Mist weg, holt frisches Wasser und bringt neues Stroh aus dem Stall herbei. Das mache nicht nur Spaß, sondern diene auch der Erhaltung der Mobilität der Senioren, so Deborah Walter.
Währenddessen tummeln sich Ronny Kubek (64) und Thomas Senkbeil (52) auf einem nahen Feld und sammeln Löwenzahn, Gras und Spitzwegerich. Ronny ist der Botaniker unter ihnen, kennt die Pflanzen ziemlich gut, weiß mittlerweile sogar Haselnuss und Buche zu unterscheiden. Das ist ein weiterer Effekt der Hofbesuche: Die Merkfähigkeit im Alter wird trainiert.
Ist die erste Arbeit vollbracht, treffen sich alle zu einem schönen Päuschen im "Meerschweinchen-Kino". So nennen sie das Außengehege, vor dem sich die ganze Truppe nach getaner Arbeit niederlässt und den possierlichen Tierchen beim Frühstück zuschaut. Auch hier gibt es ganz nebenbei ein schönes Spiel für die geistige Fitness: „Ich frage die Teilnehmer immer mal wieder nach den Tiernamen“, erklärt Deborah Walter - keine einfache Aufgabe bei 24 Nagern.
Als nächstes sind die Shetland-Ponys Oskar und Snoopy an der Reihe: Sie müssen gestriegelt werden. Das übernimmt Paul-Dieter Rehberg. „Hier lernen die Teilnehmer, nonverbal Kontakt aufzunehmen, beispielsweise angelegte Pferdeohren als Missfallen zu deuten und zu respektieren.“ Das Schöne an der Arbeit mit den Tieren sei, so Deborah Walter, dass diese immer neutral und ohne Vorurteile auf ihr jeweiliges Gegenüber reagierten. Hinzu komme ihr Aufforderungscharakter: Der menschliche Partner muss etwas tun - sei es nun säubern, füttern oder einfach nur streicheln.

Bei Wind und Wetter


Seit zwei Jahren gibt es dieses besondere Angebot im Wohnverbund Recklinghausen. Die Teilnehmer lieben es und kommen bei Wind und Wetter. „Ich fahre hier so gerne hin“, sagt Eveline Helmis mit Blick auf Pony Snoopy. Und ihre Augen strahlen.
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