Lebenshilfe: Wohnheim wird Wohngemeinschaft

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Ein Prost auf die neuen Räume: in der Mitte Geschäftsführer Rainer Bücher, links Hausleiterin Heike Nöcker-Bolle, Bewohner und Freunde. Foto: Pielorz
Sprockhövel: Lebenshilfe |

Endlich ist es soweit. Nach Monaten des Umbaus können die Bewohner der Lebenshilfe wieder in die Heidestraße 15 in Haßlinghausen einziehen. Das Haus wird seit 1988 von der Lebenshilfe genutzt. Nun wurde aus einem Wohnheim für 15 Menschen ein intensiv ambulantes Wohnen für acht Personen. Der Umbau und das Entkernen des Hauses kostet rund 800.000 Euro und wurde von der „Aktion Mensch“ unterstützt.

Katharina, Gisela, Martina, Stefan – sie alle können es kaum erwarten und stürmen schon vor dem offiziellen Besichtigungstermin durch die Baustellen-Räume. Endlich wieder zurück nach Haßlinghausen in die Heidestraße. Hier haben sie nämlich mal gewohnt, bevor sie im Herbst 2015 aufgrund der Umbaumaßnahmen vorübergehend eine andere Bleibe fanden. Doch nun ist bald der große Tag gekommen und es geht wieder in die Heimat zurück. Und das Beste: Es wird noch toller, denn aus dem Wohnheim wurde nun ein intensiv ambulantes Wohnen. „Wir nutzen das Haus seit 1988 als Wohnheim. Durch den Umbau haben wir nun vier Appartements für vier Bewohner im Obergeschoss und im Untergeschoss sowie in der ersten Etage vier Zimmer mit eigenem Bad, einer Gemeinschaftsküche und einem Gemeinschaftsraum für ebenfalls vier Bewohner“, erklärt Rainer Bücher, Geschäftsführer der Lebenshilfe EN/Hagen. „Bisher gab es das Wohnen für Menschen mit sehr hohem Hilfebedarf, bei dem rund um die Uhr Betreuung vorhanden ist. Und es gab das betreute Wohnen mit einer nur stundenweise stattfindenden Betreuung. Diese neue Form des intensiv ambulanten Wohnens ist eine Mischung aus diesen beiden Formen. Sie ist noch relativ neu. Für den EN-Kreis ist dies das erste Projekt dieser Art. Ziel ist es, den Bewohnern nach Möglichkeit eine normale Alltagsstruktur zu bieten, die jeder Bürger hat“, so Bücher.

Kosten von 800.000 Euro

Dazu waren umfangreiche Umbauten notwendig. Architektin Stefanie Finke fasst die wichtigsten Neuerungen zusammen: „Sehr aufwendig war der Brandschutz. Es gibt einen zweiten Fluchtweg und neu, einen Aufzug. Das Haus wurde komplett barrierefrei und behindertengerecht umgebaut. Die vier Appartements haben eine Größe zwischen 38 und 42 Quadratmetern, die Wohngemeinschaft im Untergeschoss verfügt mit vier Zimmern und vier Bädern sowie Gemeinschaftsräumen über eine Größe von 200 Quadratmetern. Außerdem gibt es ein Gäste-WC und im Spitzboden einen Hobbyraum. Im Keller gibt es Möglichkeiten für die Waschmaschine.“ Den größten Geldbatzen musste die Lebenshilfe mittels eines Darlehens aufbringen, Unterstützung gab es aber auch von Aktion Mensch und der Lions-Club Sprockhövel-Herbede hat ein Fahrzeug gestiftet, welches Ende August übergeben wird. Die Bewohner sind nämlich ziemlich mobil und alle berufstätig.
„Alle werden morgens um 7.30 Uhr abgeholt. Dann geht es zur Arbeit in die Awo-Werkstätten. Nachmittags gegen 15.30 Uhr werden sie zurückgebracht. Sowohl morgens als auch ab dem Nachmittag ist eine Betreuung vor Ort und hilft, das Leben zu strukturieren“, erklärt Hausleiterin Heike Nöcker-Bolle. Vier der Bewohner haben hier vorher auch im Wohnheim gelebt, vier kommen neu in die Heidestraße. „Vier Personen sind ab Mitte vierzig Jahre alt, drei von ihnen sind um die 30 Jahre alt und der Jüngste ist 21 Jahre alt und für ihn ist es das erste eigene Appartement. Er lebt nämlich bisher noch zuhause“, berichtet die Hausleitung.
Die früheren Bewohner der Heidestraße sind besonders aufgeregt. Ihre Möbel sind seit Monaten eingelagert und kommen nun in den nächsten Tagen zurück. Noch sieht es etwas wild aus auf der Baustelle, aber jeden Tag geht es näher dem Ende entgegen. „Ich freue mich auf den Einzug. Hier bin ich zuhause“, erklärt Katharina. Gisela bekommt ein eigenes Appartement und sie weiß auch genau, wo im Haus es liegt. „Wer einzieht und wo er einzieht, das haben alle gemeinsam diskutiert und wir haben es alle zusammen entschieden“, so Heike Nöcker-Bolle. Vor vielen Jahren hat sie selbst in der Heidestraße gearbeitet, kommt jetzt als Hausleiterin zurück. „Damals war Inklusion noch nicht so in aller Munde und man musste die Akzeptanz zu den Nachbarn erst herstellen. Das ist heute einfacher. Wir haben aber immer eine tolle Nachbarschaft hier gehabt“, erzählt sie. Schirmherr des neuen Wohnprojektes ist Willibald Limberg. Der frühere Ratsherr ist mit einigen Bewohnern fast schon befreundet. „Wir kennen sogar seinen Geburtstag“, erzählen diese stolz.
Vieles hat sich im Laufe der Jahre in den Formen von Wohnen und Betreuung geändert. Auch schon deshalb, weil die behinderten Menschen immer älter werden und manche von ihnen ins Rentnerleben kommen. Da gilt es, tagesstrukturierende Maßnahmen für Rentner zu entwickeln. „Das hat schon Auswirkungen auf die Betreuung. Tagsüber, wenn alle arbeiten, braucht es keine Betreuung. Wenn nur einer zuhause ist, müssen neue Konzepte erdacht werden“. In der Heidestraße ist das aber noch Zukunftsmusik. Jetzt geht es erstmal um den bevorstehenden Einzug und natürlich wird der auch gefeiert.
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