"Denn Liebe ist stärker als der Tod" Gedenkfeier für Opfer der Loveparade in der Duisburger Salvatorkirche

Es waren in erster Linie Journalisten, die am Samstag das Gelände um Salvatorkirche und Rathaus bevölkerten. Foto: Kirchner
 
Duisburgs Alt-OB und Ehrenbürger Josef Krings und Bürgermeister Manfred Osenger (v.l.). Foto: Kirchner
10.000 bis 100.000 Besucher wurden in Duisburg zur Trauerfeier für die Opfer der Loveparade erwartet. Doch es war nur ein Bruchteil, der schließlich erneut in die Stadt zurückkehrte, in der das noch immer Unfassbare seinen Lauf genommen hatte. Offensichtlich scheuten viele eine neuerliche Massenveranstaltung auf Duisburger Boden.

Duisburg am Samstag. Genau eine Woche, nachdem die größte Techno-Party der Welt hier zur Katastrophe ausartete, stehen bereits am frühen Morgen Sicherheitskräfte auf ihrem Posten, um die erwarteten bis zu 100.000 Besucher des Gedenkgottesdienstes in die Shuttle-Busse Richtung MSV-Arena zu lotsen, in der die Veranstaltung in der Salvatorkirche – hier finden nur 600 Menschen Platz – live auf Großleinwand übertragen werden soll. Auch die umliegenden 14 Kirchen übertragen den ökumenischen Gottesdienst für all jene, die nicht in die Salvatorkirche passen. Im Gegensatz zur Vorwoche gilt: Man ist gerüstet. Überall riegeln Mannschaftswagen das Gelände rund um das Rathaus weiträumig ab.
Doch außer Übertragungswagen, Journalisten und Organisatoren kaum ein Mensch, wohin man blickt. Eine der wenigen ist die 15-jährige Verena. Sie war auf der Loveparade und hat das Desaster vom Festivalgelände aus erlebt. „Das war der schlimmste Tag meines Lebens. Es ist mir heute wichtig, das hier zu verarbeiten.“ Reiffen David lehnt mit einem Blumenstrauß an einer Absperrung nahe der Kirche. Ihr Sohn war zum Zeitpunkt des Unglücks ebenfalls im Tunnel: „Ihm und seiner Freundin ist nichts Schlimmes passiert. Aber für mich waren die Stunden des Wartens fürchterlich. Gleich werde ich noch zum Tunnel laufen und diese Blumen niederlegen.“ Auch die am Burgplatz bereitstehenden Pendelbusse bleiben weitestgehend leer. Später wird bekanntgegeben werden, dass sich nur rund 2.000 Trauernde in der MSV-Arena eingefunden haben. Unter ihnen Melissa Y.: „Meine Wut richtet sich gegen OB Sauerland und Veranstalter Schaller. Das durch sie verursachte Leid können sie nie wieder gut machen.“
Derweil trifft in der Innenstadt die Politprominenz ein. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundespräsident Christian Wulff nebst Gattin Bettina, Außenminister Guido Westerwelle, NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, Innenminister Ralf Jäger, Sigmar Gabriel (SPD) und Jürgen Trittin (Bündnis 90/Grüne) – sie alle sind da und nehmen mit versteinerten Mienen im Mittelschiff Platz. Wer fehlt, ist Oberbürgermeister Adolf Sauerland, der entgegen aller Gerüchte noch immer nicht von seinem Amt zurückgetreten ist. Die Angehörigen der Opfer und ihre Seelsorger werden gemeinsam in die Kirche geleitet. Nicht alle Bänke sind gefüllt, auch mancher Stuhl bleibt leer.
Um 10.45 Uhr schließlich läuten alle Kirchenglocken der Stadt. Dann beginnt die bewegende Trauerfeier. „Die Loveparade wurde zum Totentanz“, eröffnet Präses Nikolaus Schneider seine Predigt und erinnert nicht nur an deren Opfer sondern auch an jene „... Erwachsene, die wie versteinert Verantwortung von sich wegschieben.“ Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck versucht Mut zu machen: „Die Loveparade ist an ein schreckliches Ende gekommen. Es bleibt schwer, mit dem zu leben, was geschehen ist. Und doch bleibt etwas und geht weiter: die Liebe. Denn die Liebe ist stärker als der Tod.“
Ein besonders emotionaler Moment beginnt, als von Vertretern der Kirchen und den Einsatzkräften für jedes der 21 Todesopfer eine Kerze entzündet wird. Gleiches geschieht in der MSV-Arena. Schließlich ergreift Ministerpräsidentin Hannelore Kraft das Wort, die sagt, dass jede Katastrophe die Frage nach dem „Warum“ stelle, dies aber für die Loveparade in ganz besonderer Weise gelte. Und sie erinnert daran, dass neben den unzähligen Verletzten eine weitere Gruppe großen körperlichen und seelischen Belastungen ausgesetzt gewesen sei: die Ordnungskräfte und die vielen Helferinnen und Helfer. „Vieles davon geschah ungesehen. Als stille Hilfe. Aber diese Hilfe ist in der Welt. Und wir sind dankbar dafür“, so Kraft. Und sie erzählt von der Begegnung mit dem Vater eines Opfers. Der sagte, der grausame Tod seiner Tochter könne im Nachhinein noch einen Sinn bekommen, wenn er uns mahne, unser aller Wertesystem zu überdenken. Der Mensch, sein Wohlergehen und seine Sicherheit müssten wieder wichtigste Leitlinie unseres Handelns sein.
Ein eindringlicher Appell, den sich besonders die Verantwortlichen der Katas­trophe auf die Fahne schreiben sollten. Leider konnten sie ihn nicht hören. Zumindest nicht vor Ort. Sie waren nicht in der Kirche.

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