Die Reste der ehemaligen Landwehr zwischen Goch und Uedem-Keppeln

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Reststück der Landwehr bei Keppeln. Fotos: Helmut Heckmann
 
Gut erhaltener Landwehrrest in der Nähe der Reuterstraße zwischen Kalbeck und Keppeln.
Uedem: Aus der Geschichte | Zwischen Goch und Uedem-Keppeln sind die Reste einer teilweise dreizügigen, wohl mittelalterlichen Landwehr erhalten. Sie ist Teil einer ehemaligen Schutzzone, die sich weit durch das Klever Land zog und zudem mehrere Funktionen hatte. Dazu nachfolgend ein erklärender Aufsatz.

Von Helmut Heckmann

Eine Landwehr bestand aus Gräben und aufgeworfenen Wällen. Je nach Lage und Bedeutung gab es ein, zwei oder sogar drei aufgeworfene Erdwälle, durch Gräben getrennt, hintereinander angeordnet. Auf den bis zu vier Meter hohen Wallkronen pflanzte man schnell wachsende Hölzer wie Hainbuche und hiesige Dornenbüsche. Damit alles noch undurchdringlicher wurde, „knickte” man die Triebe der Pflanzen, steckte die Enden in die Erde damit sie neue Wurzeln schlugen und verwob das Ganze so zu einer dichten, undurchdringlichen großen Hecke. Das neue Bewurzeln der Hecken, durch herunter gebogene und in der Erde befestigte Triebe, nennt man noch heute lemmen. Bei Hofnamen, entlang vieler Landwehren, taucht oft der Familienname Lemmen auf. Er erinnert, ebenso wie der Name Heckmann, an die Pflicht des Hofbewohners, die Hecken in ordentlichem Zustand zu halten.

Ein so umfriedetes Hoheitsgebiet jeweiliger territorialer Herrschers hatte an ausgesuchten Stellen gut zu kontrollierende Durchlässe, sogenannte Schlagbäume, Maien oder Pfähle. Bei der Vielzahl der heute in den Waldungen und abseits liegender Landstriche zu beobachtenden Wälle ist es fast unmöglich, Klarheit in die einzelnen Abschnittsverläufe zu bringen. Sicher ist nur, dass die jeweiligen Landesfürsten den Bau einer die Grenzen ihrer weitläufigen Territorien schützenden Landwehr mit erstaunlichem Arbeitsaufwand errichten ließen. Man kennt Landwehranlagen die eine Breite von 50 Metern und mehr hatten und sich kilometerweit ins Land erstreckten. Ließen es natürliche Gegebenheiten zu, nutzten man hügeliges Gelände und manchmal auch Bachläufe aus. Genaue Zeitstellung der Erbauung solcher Landwehren sind im Einzelfall nicht immer bekannt.

Der Ausdruck Landwehr ist uns schon aus karolingischer Zeit (um 847) überliefert. Verstärkt baute man Landwehren im 12. Jahrhundert, bis sie den Höhepunkt ihrer Blütezeit schließlich im 15. Jahrhundert erreichten. Dabei gerieten die Erdwälle oft lange Zeit in Vergessenheit, bis wieder drohende Kriege ihre Ausbesserung und manchmal sogar Verstärkung notwendig machten.

Eine solche Landwehr erfüllte in ihrer Zeit auf einfachste Art ihren Zweck. Kenntnis haben wir von einem Fall im Streit zwischen den klevischen und geldrischen Herzögen. Im Jahre 1468 schnitt der Herzog von Geldern den Klevern am Durchbruch durch die Landwehr bei Straelen den Rückzug ab, nachdem die Klever die durch sie besetzte Stadt Wachtendonk verlassen hatten.

Später, im 16. und 17. Jahrhundert, wollte man - entgegen den Erfahrungen des 15. Jahrhunderts - die Landwehren als Hindernisse gegen Angriffe nutzen. Landwehranlagen wurden ausgebessert, durch Redouten verstärkt und auf der inneren Seite legte man feste Wege an zur Verschiebung von verteidigenden Truppen. Ein solcher Einsatz fand nachweislich bei Schravelen, Wissen und Weeze statt. Allerdings vollkommen ohne Erfolg.
Landwehren dienten nur sekundär zum Schutz gegen Angriffe feindlicher Truppen. Eine kilometerlange Landwehr konnte bei geringer Bevölkerungsdichte im ländlichen Bereich nicht durch hunderte Männer geschützt werden, da es keine stehende Heere in den Herzogtümern gab.
Die Landwehr war also eine Schutzanlage für eine Fläche oder einen Landbezirk, den ein Landesherr sein Eigen nannte. Da im Mittelalter das Kriegsrecht bei den einzelnen Landesherren und nicht beim Staat lag, gab es oftmals unruhige Zeiten, durch die in Fehde liegenden Herren. Kleinere Überfälle waren an der Tagesordnung und man versuchte, durch das Erbeuten von Viehherden oder Vernichtung ganzer Ernten den Gegner zu schwächen.
Im Frieden sollte die Landwehr eher abschreckende Wirkung haben und das Risiko eines Fehlschlages für einen Angreifer erhöhen.

Darüber hinaus schränkten Landwehren die Bewegungsfreiheit anrückender Heere stark ein. Sich einen Durchlass durch eine Landwehr zu bahnen war sehr aufwendig und langwierig.
Wurde es gewagt, bestand die Gefahr beim Rückzug von nachsetzenden Truppen am selbst geschaffenen, engen und topografisch schwierig gewählten Durchlass, gestellt zu werden. Die wenigen „offiziellen“ Durchlässe wurden gut bewacht und waren zur Verteidigung ausgelegt.
Die Bauern, die in unmittelbarer Nähe der Landwehr lebten, waren dazu verpflichtet diesen „lebendigen“ Wall zu pflegen und zu reparieren. Eine gut gepflegte Landwehr erlaubte es Fußgängern oder Reitern nur an bestimmten, durch Schlagbäume oder hölzerne Tore geschlossene Öffnungen die Landwehr zu passieren.

Eine andere wichtige Funktion der Landwehren bestand darin, die Umgehung zollpflichtiger Straßen, die durch die Städte führten, zu verhindern. An den meisten Schlagbäumen waren aus diesem Grund auch Zollstationen eingerichtet.
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Rainer Ise aus Weeze | 26.05.2013 | 01:33  
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