Kirmesmord in Uedem vor 55 Jahren (3. und vorläufig letzter Teil)

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Nach dieser Überschrift in der Zeitung konnte die Uedemer Bevölkerung aufatmen. Gleichzeitig bestätigte sich die Vermutung einer Verwechslung. Repros: Helmut Heckmann
 
Der verhaftete Helmut Bulitz auf dem Weg in die Untersuchungshaft.
Uedem: Kirmesmord | Mit dem nun vorliegenden dritten Teil des Mordes während der Uedemer Kirmes im Jahre 1958 endet diese Serie.

Von Helmut Heckmann

Kripo verständigt den Vater des Ermordeten
Der Vater von Heinz Gruhn wurde bereits am Sonntag durch ein Telegramm der Polizei vom Tod seines einzigen Sohnes unterrichtet. Von der Todesursache stand nichts im Telegramm. „Heinz tot. Bitte kommen“, war alles, was darauf stand. Der Vater traf dann am Dienstagabend mit der Schwester des Getöteten in Uedem ein.
Unterwegs mussten der Vater und die Schwester von Heinz Gruhn umsteigen. Im Wartesaal des Umsteigebahnhofs, es könnte in Krefeld gewesen sein, saßen sie und warteten auf ihren Anschlusszug. Dabei fiel der Blick des Vaters auf eine Zeitung, die ein anderer Fahrgast neben ihm auf einen Stuhl gelegt hatte. Er bat darum, die Zeitung lesen zu dürfen. Als er die Zeitungsartikel überflog stieß er plötzlich auf eine Meldung, die ihn elektrisierte: „26jähriger Metzgergeselle H. G...“, las er. Wie ein Schlag traf es ihn. H. G.? 26 Jahre? Metzgergeselle? „Das ist mein Sohn!“ rief er bestürzt. Karl Gruhn sprach den Kellner im Wartesaal an und dieser erinnerte sich zwar an den Namen, den er wohl in einer älteren Zeitung gelesen hatte, aber nicht mehr genau. „Warten Sie mal“, so der Kellner, „der Name war Gartz oder Grätz oder so“. „Vielleicht Gruhn?“ fragte der Vater. „Ja, Gruhn, so war der Name.“
Jetzt wurde auch dem Vater mit einem Mal die Schwere des furchtbaren Schlages bewusst, der ihn getroffen hatte. Noch ahnte er allerdings nichts von den wahren Zusammenhängen, von der Verwechslung, die seinem Sohn das Leben kostete. Am Dienstagabend, in Uedem angekommen, erfuhren Vater und Schwester zwar dass der Mann, der das Leben des Kindes und Bruders ausgelöscht hatte, von der Polizei dingfest gemacht worden war, aber von der tödlichen Verwechslung war zu diesem Zeitpunkt noch nichts bekannt.
„Wie schrecklich!“, war das Einzige, was der Vater später in tiefer Erschütterung sagen konnte, als feststand dass Heinz Gruhn einer Verwechslung zum Opfer gefallen war. Tief
erschüttert stand er später, bei der Identifizierung, vor der Leiche seines einzigen Sohnes, dessen Lebensfaden durch einen 21Jährigern in seiner maßlosen Wut durchtrennt wurde.
„Dass der Mörder von Heinz Gruhn 64 Stunden nach der Tat hinter Schloss und Riegel saß, lag auch an der guten Zusammenarbeit von Kriminalpolizei, Presse und Bevölkerung“, erklärte der Leiter der Mordkommission, die drei Tage und Nächte kaum zur Ruhe gekommen war. Denn die Mordkommission verfolgte während dieser Zeit rund 20 Spuren und vernahm über 80 Personen. Schon bei den ersten Ermittlungen, die etwa eine Stunde nach der Bluttat anliefen, zeigte sich, wie schwierig die Arbeit der Kripo sein würde.
Genaue Zeugenaussagen waren zunächst nicht zu bekommen, da die Mehrzahl der infrage kommenden Zeugen, durch die Kirmesfeierlichkeiten, mehr oder weniger unter Alkoholeinfluss standen. Ihre Aussagen tendierten von vage bis unbestimmt. Immer wieder mussten die Kriminalbeamten die sich widersprechende Aussagen von den verschiedensten Zeugen gegeneinander abwägen.
Zahlreiche Zeugen hatten Bulitz zwar während der Gasthausauseinandersetzung gesehen, aber auf die Frage, wie er aussah, wie er gekleidet war, wussten die wenigsten eine genaue Antwort. Für die Polizei ergab sich aus den Ergebnissen der Vernehmungen eine Vielzahl von Spuren. Solche, die um sicher zu gehen, verfolgen mussten und andere, die von Anfang an wertlos waren.
Am Sonntagabend standen dann die Personenbeschreibungen fest, die gegen 20.30 Uhr an die Presse gegeben wurden: „Der vermutliche Täter trug einen beigefarbenen Trenchcoat ohne Schulterstücke und ohne Gürtel“, hieß es. Eine Stunde später war diese Beschreibung wieder hinfällig. Jetzt stand fest, dass Bulitz keinen Trenchcoat, sondern einen Wollmantel trug. Dabei stand die Aussage des Zeugen der sagte dass Bulitz einen Wollmantel getragen hatte, gegen zwei andere, die auf den Trenchcoat schworen. Auch schien der Zeuge der für den Wollmantel sprach recht unsicher zu sein. „Ich kann es nicht genau sagen“, meinte er, „aber ich glaube, es war ein Wollmantel.“
In diesem Wirrwarr der Meinungen kam der Polizei die Idee, die Zeugen gegenüberzustellen. Da war sich der eine Zeuge dann seiner Sache ganz sicher: „Es war ein Wollmantel“. Die Festnahme von Helmut Bulitz am nächsten Tag bewies dann, dass dieser Zeuge sich nicht getäuscht hatte.
Gegen die drei Freunde des Täters erging kein Haftbefehl, weil sie nicht an der Tat beteiligt waren. Nach den Vernehmungen befanden sie sich später wieder auf freiem Fuß.

Heinz Gruhn zu Grabe getragen
Der 26jährige Metzgergeselle Heinz Gruhn wurde am Freitag nach der Tat, unter großer Anteilnahme der Uedemer Bevölkerung, beerdigt. An seinem Grab standen, neben den übrigen Trauergästen, sein Vater und seine Schwester. Da die Mutter des Ermordeten schwer herzleidend war, konnte diese aus Krankheitsgründen nicht an der Beisetzung teilnehmen.
Der Sarg des unschuldigen Opfers wurde von Metzgergesellen zum evangelischen Friedhof getragen und eine Abordnung der Metzgerinnung des Kreises, geführt von Obermeister Othmar Beck, nahm an der Beisetzung teil.
Weiter waren unter den Trauergästen der Amtsbürgermeister Rickert, Amtsdirektor Bruns und Bürgermeister Lehmkuhl. Pfarrer Weichert von der evangelischen Kirchengemeinde wies in seiner Grabrede auf das schwere Geschick hin, das Heinz Gruhn, und mit seinem Ableben dessen Eltern und Schwester, getroffen hatte. Den zahlreichen Trauergästen dankte er im Namen der Angehörigen für die Anteilnahme an dem traurigen Geschick des Toten.

Soweit meine bisherigen Recherchen. Zurzeit beschäftige ich mich mit dem Auffinden der Gerichtsakten um später noch den Verlauf des Prozesses gegen den Mörder und das Strafmaß dem Artikel anzufügen. Da laut Staatsanwaltschaft Kleve die Unterlagen, wenn diese überhaupt noch vorhanden sind, im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf aufbewahrt werden, aber mir weder die Aktennummer noch der Ort wo der Prozess stattfand bekannt sind, sollte dies nicht so einfach sein. Recherchen bei der damals zuständigen Kripo Mönchengladbach ergaben, dass die damals zuständigen Beamten nicht mehr leben und auch dort keine Akten dieses Vorgangs mehr vorhanden sind.
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