Ein wahrer Schatz für Unna - Stolperstein für Familie Jacobs

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Die Familie Jacobs in der neuen Heimat USA: Fredel, Hetti (vormals Jettchen), Erich und Yitro (vormals Jethro). (Foto: Archiv Unna)
 
Eine gutbürgerliche Hochzeit im Deutschland der 30er Jahre: Jettchen und Erich (Foto: Archiv Unna)
Unna: Familie Jacobs |

Spricht man über jüdisches Leben in den 20er bis 40er Jahren, hat man direkt Elend, Verfolgung und Tod vor Augen. Allzuoft wird vergessen, dass es auch in dieser Zeit ein durchaus „normales“ Alltagsleben der jüdischen Mitbürger gab. Ein gutes Beispiel dafür ist die Familie Jacobs, für die am kommenden Freitag, 11. Dezember, Stolpersteine in Unna verlegt werden.

Als „wahren Schatz“ bezeichnet Stadtarchivar Thomas Wardenga den Nachlass des Familienoberhaupts Erich Jacob. Denn sowohl in seiner Biographie „Wunder geschehen doch noch!“ als auch in jüngst aufgetauchten handschriftlichen Predigten, die Werner Fischer vom Arbeitskreis Spurensuche jetzt von Erich Jacobs Tochter aus den USA erhalten hat, kann ein gutes Bild des jüdischen Alltags in Unna nachgezeichnet werden.

Erich Jacobs war zweitjüngstes Kind von Meyer und Emma Jacobs und stammte aus Nuttlar im Sauerland. Sein ältester Bruder war 1916 im 1. Weltkrieg gefallen, Erich selbst besuchte die Höhere Schule und das Gymnasium, bevor er mit 19 Jahren in Köln am orthodoxen Lehrerseminar seine Prüfung zum hebräischen Volks- und Religionslehrer ablegte. Neben einer Tätigkeit als Hauslehrer in einem jüdischen Waisenhaus beginnt er in Frankfurt ein Studium, an dessen Ende er Gymnasiallehrer gewesen wäre.

Erich Jacobs kann nicht mehr Gymnasiallehrer werden


Doch ab Ende der 20er Jahre muss Erich mit einem zunehmenden Antisemitismus leben. Schon bald wird ihm klar, dass er es nicht mehr zum Abschluss seines Studiums bringen wird, da Juden für das Examen, das nach dem Referendariat abzulegen war, nicht mehr an der Universität zugelassen werden würden.
So sucht sich Erich ein zweites Standbein und lässt sich zum rituellen Schächter ausbilden. Ein Handwerk ähnlich dem Metzger, mit dem er sich in jeder Situation über Wasser halten könne, so glaubt er.

Doch zunächst einmal gelingt es ihm, eine Anstellung als Kantor in der jüdischen Gemeinde in Unna zu finden. Die ist zwar liberal, doch sagt man dem orthodoxen Erich uneingeschränkte Freiheit in seiner Arbeit zu. Und so nimmt Erich Jacobs trotz eines sehr niedrigen Gehalts an – auch mit der Aussicht, mit dem in Unna ansässigen jüdischen Altersheim (heute St. Bonifatius Wohn- und Pflegeheim) an vielen Beerdigungen die ein oder andere Mark extra verdienen zu können.

Familiengründung und Flucht nach Kuba


Ein naheliegender Gedanke, denn Erich Jacobs möchte auch eine Familie gründen. Am 20. Oktober 1934 heiratet er Jettchen Neumann aus Kassel. Doch in Unna passenden Wohnraum zu finden, gestaltet sich schwierig. Und so kommt es zu einer ungewöhnlichen Lösung: „Wir lebten in zwei verschiedenen Häusern. Die Küche war in einem Haus. Um ins Schlafzimmer zu gelangen, mussten wir über die Straße ins andere Haus gehen“, so schreibt Jacobs in seinen Erinnerungen.

Doch das Geld reicht hinten und vorne nicht, und so nimmt Erich Jacobs zusätzlich eine Stelle als Vertretungslehrer an einer jüdischen Volksschule in Herne an und wechselt schließlich an eine jüdische Volksschule in Recklinghausen. In Recklinghausen wird er im Zuge der Pogromnacht im November 1938 für zwei Wochen inhaftiert und anschließend gezwungen, mit seiner Frau in ein sogenanntes „Judenhaus“ zu ziehen. Daher gilt Unna als letzter „freiwilliger Wohnort“ des Paares.

Endlich - Die Flucht gelingt


1941 gelingt der Familie – 1939 wurde Sohn Jethro geboren – die Ausreise nach Kuba. „Die Familie war viele Monate unterwegs. Von Deutschland ging es erst durch Frankreich, dann über Spanien nach Portugal, wo man auf eine Schiffspassage warten musste. Da gibt es viele Parallelen zur aktuellen Flüchtlingssituation“, erläutert Thomas Wardenga. Die Ausweise der Familie waren – natürlich – mit einem „J“ gekennzeichnet und die behördlich angeordneten zusätzlichen Vornamen „Sara“ und „Israel“ vermerkt. „Viele Länder scheuten sich, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen so wie zum Beispiel auch die Schweiz“, weiß Wardenga – und zieht damit durchaus Parallelen zur aktuellen Situation.

 Der sogenannte Judenstempel war ein ab 1938 von deutschen Behörden in deutschen Reisepässen angebrachter Stempel in Form eines roten „J“, mit dem der Passinhaber als Jude gekennzeichnet wurde.

 Der J-Stempel wurde aufgrund eines Abkommens zwischen der Schweiz und Deutschland eingeführt.

 Die Schweiz hat deutsche Juden im Regelfall nicht als politische Flüchtlinge aufgenommen und gefährdeten Juden die Einreise in die Schweiz ohne vorherige spezielle Antragstellung und Bewilligung verwehrt.

Auch mit Hinblick darauf ist die Stolperstein-Verlegungsaktion des Künstlers Günter Demnig am Freitag, 11. Dezember 2015, vor der Goethestraße 1 keine pure Historienpflege, sondern eher eine Mahnung, unser aller Verhalten zu überdenken.

Der Arbeitskreis Spurensuche


Der Arbeitskreis Spurensuche recherchiert über das jüdische Leben in Unna und konnte in den vergangenen Jahren viele jüdische Familiengeschichten rekonstruieren, aus dem Vergessen retten und dauerhaft bewahren. Zum wiederholten Mal ist es gelungen, den Künstler Günter Demnig nach Unna zu holen, um den Stolperstein für die Familie Jacobs zu verlegen. Ein Stolperstein kostet 120 Euro, weiter fallen keine Kosten an.

Spenden gerne auf das Konto der Stadt Unna:
Stadt Unna
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2 Kommentare
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Fredel Fruhman aus Unna | 13.12.2015 | 03:25  
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Fredel Fruhman aus Unna | 13.12.2015 | 03:30  
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