"Die ganze Stadt ist unsere Arbeitsstätte!" - Streetworkerinnen im Kreis Unna

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Elke Overhage (Diakonisches Werk), Anke Brink (Frauenforum) und Tanja Scheuermann (Caritasverband) sind die Streetworkerinnen im Kreis Unna.

Kreis Unna. Wohnungslose oder Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind, das ist die Zielgruppe eines Gemeinschaftsprojekts vom Kreis Unna, dem Frauenforum im Kreis Unna, dem Diakonischen Werk Dortmund/Lünen sowie dem Caritasverband für den Kreis Unna. Streetworker sollen Betroffenen helfen, den Weg in die stationären Hilfesysteme zu finden, quasi als "Lotsen".

Elke Overhage (Diakonisches Werk), Anke Brink (Frauenforum) und Tanja Scheuermann (Caritasverband) sind seit Jahresbeginn in dieser Mission unterwegs - zunächst in Unna und Lünen, eine sukzessive Ausweitung auf die anderen Kreisstädte soll später folgen (in 2017 Selm und Werne). Angelegt ist das mit 770.000 Euro im Groß durch den europäischen Hilfsfond für die am stärksten benachteiligten Personen (EHAP) finanzierte Projekt auf drei Jahre, sprich bis Ende 2018.

"Das bestehende Hilfesystem ist durch eine Komm-Struktur geprägt", beschreibt Ralf Plogmann, Vorstand des Caritasverbandes für den Kreis Unna, die Ausgangssituation. Man sei im Kreisgebiet dezentral mit den Schwerpunkten Unna und Lünen und vorwiegend ambulant aufgestellt. Heißt im Klartext: Obwohl man im Umgang mit wohnungslosen Menschen sehr erfahren sei und diverse Angebote (Tagesstätten, Beratungs- und Übernachtungsstellen, Ambulantes, betreutes Wohnen, dazu Kleiderkammer, kostenlose, ärztliche Sprechstunden und mehr) bereit stelle, sei es für viele Menschen schwer, diese auch zu finden und in Anspruch zu nehmen. Die Gründe reichen von Unwissenheit über das Angebot über Sozialraum/Infrastruktur bis hin zu persönlichem Schamgefühl/Stolz. Wohnungslose oder von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen zu finden und ihnen Orientierung im System zu bieten, das sei nun Aufgabe der neuen Lotsen.

Die Voraussetzungen sind geschaffen: Von 3,3 Stellen sind bereits 2 (eine Vollzeit und zwei Halbzeitkräfte) besetzt, die Streetworkerinnen zeigen seit einigen Wochen Gesicht in Unna und Lünen, die Vernetzung von Streetwork und Hilfesystem geht voran. Mit den ersten Hilfesuchenden im Projekt entwickelt sich die ehemalige Komm- nach und nach in eine Geh-Struktur. Hilfesuchende werden genau dort abgeholt, wo sich ihr tägliches Leben abspielt. "Die ganze Stadt ist unsere Arbeitsstätte", so Anke Brink. Das kann genauso in der Tagesstätte wie im Café oder "auf der Platte" sein. Zwischen montags und freitags (und manchmal auch in den Abend- oder Wochenendstunden) sind die Streetworkerinnen auf Tour, halten Augen und Ohren offen, knüpfen Kontakte und geben Hilfestellungen, so sie gebraucht und angenommen werden. Natürlich stets auf freiwilliger Basis. "Wenn jemand beispielsweise stark angetrunken ist, kommt man besser ein anderes Mal wieder", weiß auch Plogmann. Deeskalation beherrschen die Frauen, "aber im Ernstfall hilft eben nur die Polizei". Einen solchen erleben die Streetworker aber eher selten. Im Normalfall geht ihr Einsatz eher mit Dankbarkeit einher.

"Es geht oft um die kleinen Dinge", berichtet Tanja Scheuermann aus der täglichen Arbeit. "Beispielsweise auf das Sozialticket aufmerksam zu machen." Viele Bürger wüssten gar nicht von dieser Möglichkeit, weil sie möglicherweise keinen Zugang zu Medien hätten. Eine kurzfristige Übernachtungsmöglichkeit zu finden, einen Arztbesuch zu arrangieren oder eine Person beim Gang zum Jobcenter oder einer Beratungsstelle zu begleiten, seien weitere Einsatzfelder. "In einem Fall habe ich einen Fahrdienst nach einem Krankenhausaufenthalt angeboten - es gab sonst einfach niemanden, der das hätte übernehmen können", erinnert sich Brink. Die Probleme seien vielschichtig und genauso die Hilfsmöglichkeiten. Wichtig sei, mit den Lotsen ein niederschwelliges Angebot zu schaffen, weiß Plogmann. "Was wir leisten, ist vor allem Vertrauensarbeit", ergänzt Elke Overhage, eben "soziales Fingerspitzengefühl". Lösungen zu finden, sprich konkret eine Wohnung zu vermitteln, gehöre dazu jedoch nicht. "Natürlich ist es schön, wenn das gelingt, aber dafür sind andere Stellen zuständig - wir sind nur Lotsen", betont Brink.

Noch sucht man beiFrauenforum und Diakonie übrigens noch nach jeweils einer halben Kraft, um das Team zu unterstützen. Eine qualifizierte Ausbildung sowie Lebenserfahrung sind für die Mitarbeit vonnöten. Weitere Informationen/Kontakt erhalten Interessenten über die jeweiligen Internetpräsenzen: www.frauenforum-unna.de und www.diakoniedortmund.de. Hierhin und an die Caritas können sich natürlich auch Hilfesuchende wenden.
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