Gedenkfeier zum Volkstrauertag in Unna-Massen

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Dietmar Wünnemann Vorsitzender des Schützenvereins Massen 1830 e.V und Ortsvorsteher Dr. Peter Kracht
 
Dr. Peter Kracht
 
(Foto: Archiv Dr. Peter Kracht)
Unna: Friedhof Niedermassen | Sonntag, 15. November 2015 11:30 Uhr

Rede von Ortsvorsteher Dr. Peter Kracht



UNNA-MASSEN ■ Abordnungen der freiwilligen Feuerwehr und des Schützenvereins Unna Massen machten sich vom Gemeindeplatz aus auf zum Friedhof Niedermassen. Pünktlich um 11:30 Uhr konnte hier am Mahnmal auf dem Friedhof die Gedenkfeier beginnen.

Die Rede von Dr. Peter Kracht
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
am heutigen Volkstrauertag gedenken wir wie in jedem Jahr der Opfer von Krieg, Terror, und Gewaltherrschaft. Doch in diesem Jahr ist die Trauer anders als in den Vorjahren, sie berührt uns direkt und unmittelbar: Die schrecklichen Anschläge in Paris haben uns zutiefst erschüttert, haben uns sprachlos und fassungslos gemacht angesichts eines schier unvorstellbaren Religionswahns und Irrsinns, der offen damit wirbt, Andersgläubige umzubringen und die Welt ins frühe Mittelalter zurück zu morden. Die verachtenswerten Anschläge von Paris sind deshalb auch keine Angriffe gegen Frankreich oder das französische Volk, sondern Angriffe auf die europäische Zivilisation und unsere gemeinsamen Werte menschlichen Miteinanders und in letzter Konsequenz eine Attacke auf unsere Demokratie.

» Man darf völlig wertneutral konstatieren: Die Demokratie wurde um 500 v. Chr. in Athen erfunden und hat sich in 2500 Jahren bis heute als bestes Staatsmodell herausgestellt und allen Anfeindungen religiöser Fanatiker bisher stand gehalten. Die Anschläge von Paris kennzeichnen nun auf dramatische Weise eine neue, bisher nicht erreichte schreckliche Dimension des religiösen Terrors in Europa: Nun gilt es zweifelsohne, mit Nachdruck, aber ohne Aktionismus zu zeigen, dass Demokratien durchaus auch wehrhaft sein können.

Unsere Trauer gilt am heutigen Sonntagmorgen besonders den Hinterbliebenen der Opfer des heimtückischen Terroranschlags von Paris.

» Blicken wir gemeinsam ein paar Minuten zurück ins Jahr 1956: Es war ein traurig-trüber Tag im November, als sich zahlreiche Bürger, alte wie junge, auf dem Friedhof von Stockum versammelten. Nicht in jenem Stockum, das heute als östlicher Ortsteil zur Stadt Unna gehört, sondern auf dem Friedhof der Ortschaft Stockum, heute ein Stadtteil von Werne an der Lippe, rund 25 Kilometer von hier entfernt.

» Düster wie der damalige Novembertag war auch der Anlass des Treffens, traurig waren die Gedanken der Teilnehmer: Frauen und Kinder, Eltern, Großeltern und Geschwister erinnerten sich, elf Jahre nach Kriegsende, an die toten und vermissten Soldaten aus dem Dorf. Die Bewohner hatten 21 gefallene Soldaten und 25 Vermisste zu beklagen. Die Dorfgemeinschaft traf sich am neuen Kriegerehrenmal, das mit der Gedenkfeier am Volkstrauertag 1956 offiziell eröffnet wurde.

» Dokumentiert ist diese Gedenkfeier durch einen kurzen Schwarz-Weiß-Film, der erst 2014 im Keller des Kulturamtes in Werne entdeckt worden ist. Wer den Film aufgenommen hat, ist nicht bekannt. Doch der kurze Streifen, gerade einmal zwei Minuten lang, hinterlässt auch heute noch ein einprägsames Bild dieser feierlichen Veranstaltung an jenem nebligen Novembertag vor nunmehr 59 Jahren.

» Stockum war Jahrhunderte lang, wie unser Massen, eine kleine, landwirtschaftlich geprägte Gemeinde gewesen, bis 1913 das Gersteinwerk gebaut wurde, das in den frühen 1950er-Jahren zu einem der führenden Standorte der Energieversorgung der damals noch jungen Bundesrepublik Deutschland werden sollte.

» Im Jahr 1950 wurde der Volkstrauertag erstmals begangen zum Gedenken an die Toten von Krieg und Gewaltherrschaft, zum Gedenken an die gefallenen Soldaten wie auch zum Gedenken an die Opfer unter der Zivilbevölkerung. Der Schmerz und die Trauer waren in Stockum sozusagen handgreiflich fühlbar: Elf Jahre nach Kriegsende standen die Familien des Dorfes selbstredend noch stark unter dem Eindruck der Schrecken der Kriegserlebnisse in der westfälischen Heimat wie auch der schmerzlichen, persönlichen Verluste im eigenen familiären Umfeld.

» Entsprechend war die Atmosphäre: Fast das gesamte Dorf war an jenem Tag im November 1956 auf dem Friedhof versammelt, um den Toten die letzte Ehre zu erweisen und die Erinnerung an ihr Leben in der Dorfgemeinschaft wach zu halten und damit zu bewahren. Feuerwehr und Schützen waren ebenso vertreten wie der Männergesangverein des Gersteinwerkes, die katholische Arbeitnehmerbewegung KAB und der Stockumer Spielmannszug.

» Die dörflichen Würdenträger sind in dem Film mit schlichten uniformen Mänteln bekleidet, die einheitlich aus gleichen Stoffen, Schnitten und Farben zu bestehen scheinen. Die Gesichter sind angespannt, sie wirken wie eingefroren, wie aus Stein gemeißelt. Die grausamen und traurigen Ereignisse des Krieges sind noch präsent, Leid und Elend sind in so mancher Familie noch fest im Gedächtnis.

» 59 Jahre sind seit dem geschilderten Volkstrauertag in Stockum vergangen. Der zeitliche Abstand zu den Kriegserlebnissen ist entsprechend größer geworden. So begehen wir den Volkstrauertag heute anders: Nicht mehr als sozusagen direkt Betroffene, sondern als einen Tag, an dem wir inne halten und still gedenken. Das ist gerade in unserer heutigen Zeit umso wichtiger, da die Zahl der unmittelbaren Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs naturgemäß deutlich kleiner geworden ist. Deren bedrückende Schicksale dürfen wir aber nicht vergessen, sie sollen uns daran erinnern, Tag für Tag für den Frieden einzutreten. „Nie wieder Krieg“ lautet die Botschaft, die sie uns hinterlassen.

» Doch die Welt scheint aktuell wahrlich am Rande des Abgrunds zu stehen: Die Anschläge von Paris durch selbst ernannte islamistische Gotteskrieger sind ein barbarischer Akt religiöser Verblendung, eine unmenschliche Tat des Terrors und der aktuelle Höhepunkt eines ideologisch-verbrämten religiösen Irrsinns. Diese Terroristen zu stoppen, ist sicherlich möglich, allein: Das Eigeninteresse der „Großen dieser Welt“, verhinderte bisher ein gemeinsames Vorgehen der Weltgemeinschaft gegen diese wahrhaft barbarischen Horden, die sich außerhalb der menschlichen Zivilisation gestellt haben. Die Anschläge von Paris tragen hoffentlich dazu bei, eine gemeinsame, feste Front gegen diese unsägliche Terrormiliz zu etablieren.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
unser erster Bundespräsident, Theodor Heuss, hat 1950 bei der Einweihung des Soldatenfriedhofes in Weeze gesagt: „Wenn wir in der Stille an den Kreuzen stehen, vernehmen wir ihre Stimmen. Sorgt ihr, die ihr noch im Leben steht, das Friede bleibe, Friede zwischen den Menschen, Friede zwischen den Völkern!“ Theodor Heussens Appell ist seit Freitagabend aktueller denn je.
Glück auf!

Musikalisch begleitet wurde die Gedenkfeuer von den Musikfreunden Hellweg.

Fotos © Jürgen Thoms
15.11.15 14:59:24
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Elisabeth Jagusch aus Schermbeck | 17.11.2015 | 18:51  
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