„Einfach haarsträubend“ - Netzwerk Schlaganfall Kreis Unna stellt Studie vor

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Das Netzwerk gegen Schlaganfall im Kreis Unna: Dr. Bernhard Jungnitz (Kreis Unna), Dr. Paul Jansen (Allgemeinmediziner), Dr. Simone Halve (EK Unna), Dr. Iris Adelt (Marien-Hospital Lünen), Rainer Sieberg (SHG) und Prof. Dr. Zaza Katsarava.
 
Prof. Dr. Zaza Katsarava ist Chefarzt der Neurologie im EK Unna.

Es sind oft unklare Symp­tome, die einen Schlaganfall anzeigen. Das entschuldigt aber nicht, dass gerade einmal 17 Prozent derjenigen, die 2014 im Kreis Unna einen Schlaganfall erlitten, den Rettungsdienst angerufen haben. Eine gemeinsame Studie des Evangelischen Krankenhauses (EK) Unna und des Marienhospitals Lünen brachte jetzt diese Ergebnisse.

„Einfach haarsträubend!“, fällt auch Prof. Dr. Zaza Katsarava vom EK in Unna keine andere Formulierung angesichts dieser Zahlen ein. Denn tatsächlich ist es so, dass die medizinische Versorgungsmöglichkeit von Schlaganfallpatienten im Kreis Unna nahezu mustergültig ist. „Mit den beiden ‚Stroke Units‘, also den speziell ausgestatteten Schlaganfallstationen in Unna und Lünen, ist für Patienten im Kreis in kürzester Zeit professionelle Versorgung machbar“, so Katsarava.

Auch die Notrufzentralen und die Rettungsdienste sind inzwischen entsprechend ausgebildet. „Knackpunkt ist tatsächlich der Patient, der den Schlaganfall nicht erkennt oder nicht als Notfall ansieht“, ist Dr. Bernhard Jungnitz, Leiter des Netzwerks gegen Schlaganfall im Kreis Unna, überzeugt. Dabei zählt bei einem Schlaganfall jede Minute. „Je eher wir den Gefäßverschluss behandeln können – das geschieht entweder mit Medikamenten oder operativ –, umso besser“, erklärt Dr. Katsarava, der am EK Chefarzt der Neurologie ist. Denn jede Minute ohne Blutversorgung kostet Gehirnzellen – „time is brain“. Doch die Patienten verhalten sich zu einem Großteil falsch.

„Gerade einmal 40 Prozent der Unnaer Patienten haben in den so wichtigen ersten 4,5 Stunden nach dem Schlaganfall die Stroke Unit erreicht – auf welchem Weg auch immer, sieben Prozent kamen sogar erst über 48 Stunden später – und damit viel zu spät“, so Katsarava. Viele riefen zunächst Verwandte oder Freunde an, manche suchten erst den Hausarzt auf.

Die Studie soll nun unter anderem auch aufzeigen, warum die Bürger im Kreis Unna oft so falsch reagieren. Dafür haben die beiden Hospitäler die Krankendaten aller 1.470 dort behandelten Schlaganfälle erfasst, verglichen und analysiert. Neben dem gesundheitlichen Allgemeinzustand erfasste man auch Bildungsstand und den sozioökonomischen Status.

Ob sich hier das Geheimnis verbirgt? „Es ist einfach schwer, das Risiko Schlaganfall, das jeden und immer treffen kann, den Menschen bewusst zu machen“, weiß vor allem Rainer Sieberg von der Selbsthilfegruppe gegen Schlaganfall. Und das trotz aller Lippenbekenntnisse, man lebe ja so gesund...

Der Tag, der Rainer Siebergs Leben veränderte


Es begann mit einem massiv erhöhten Blutdruck und starken Kopfschmerzen – so stark, dass Rainer Sieberg den Notarzt rief. Leider geschah das 1995 vor 20 Jahren. Damals waren weder Rettungsdienste noch Ärzte mit dem Thema Schlaganfall vertraut. Und trotz Taubheitsgefühl in der rechten Gesichtshälfte gab ihm die Notärztin nur eine Spritze gegen den hohen Blutdruck und riet ihm, sich schlafen zu legen. „Heute unvorstellbar“, ist sich Sieberg sicher.

In der Nacht kamen dann Lähmungen in der linken Körperhälfte, „ich konnte nicht mehr stehen“, erinnert sich Rainer Sieberg. Der erneut gerufene Rettungsdienst versuchte wieder den Blutdruck zu senken und brachte den Bergkamener schließlich nach Kamen ins nächstgelegene Krankenhaus. „Ausgerechnet Kamen, da gab es noch nicht einmal eine Neurologie“, ist Sieberg noch heute verärgert über die damaligen Zustände.

Zwar wurde dort zumindest die richtige Diagnose gestellt, einen Neurologen bekam Sieberg aber erst nach Tagen zu sehen. Rund fünf Wochen behandelte man vor allem den hohen Blutdruck und versuchte, Sieberg mittels Physiotherapie wieder fit zu machen. „Das hat nach so langer Zeit nicht mehr geklappt, der Schaden war irreparabel“, so Sieberg.

Zwei lange Jahre trainierte er auch in Eigenregie, bis er wieder gehen konnte, doch seinen Job als technischer Angestellter musste er aufgeben. „Fast schlimmer als die gesundheitlichen Probleme waren die ganzen Ängste, was aus mir und meiner Familie werden würde, auch finanziell“, erinnert er sich. Dazu der Umgang mit den plötzlichen körperlichen Beinträchtigungen, Ärger mit den Ämtern, gesellschaftliche Isolation. „Die medizinische Versorgung hat sich unglaublich verbessert. Aber diese Begleit-Probleme gibt es nach wie vor.“ Hier setzt die Arbeit der Selbsthilfegruppen an.

Rat und Hilfe


 Kreisverband der Schlaganfall-Selbsthilfegruppen Unna e.V.

 Kontakt über Rainer Sieberg, Tel. 02306/83 488 oder Rita Mundt, Tel. 02301/7747

 Angebote: Gesprächskreis, Gymnastikgruppe, Gedächtnistraining etc.


Was passiert bei einem Schlaganfall?


Ein Schlaganfall ist eine mehr als 24 Stunden anhaltende Störung der Gehirnfunktion aufgrund eines plötzlichen Verschlusses eines zum Gehirn führenden Gefäßes.

 Das bedeutet: Die Zellen in einem bestimmten Gehirnbereich erhalten nicht mehr ausreichend Sauerstoff und Nährstoffe. Sie drohen daher abzusterben.

 Je nachdem wie stark und wie lange die Durchblutung beeinträchtigt ist, kann das betroffene Gehirnareal seine Aufgabe entweder vorläufig oder dauerhaft nicht mehr erfüllen.

 Die sicht- oder spürbaren Folgen der beeinträchtigten Gehirnfunktion können zum Beispiel Probleme beim Sprechen, Lähmungen von Gliedmaßen, ein hängender Mundwinkel oder Sehstörungen sein.

Richtig reagieren


IMMER und SOFORT bei ersten Symptomen: 112 anrufen.

Mit Hilfe eines Schnelltests mit drei Aufgaben lässt sich ein Schlaganfall relativ sicher erkennen:
- Einfaches Lächeln
- Gleichzeitiges Heben beider Arme, wobei die Arme nach vorne gestreckt und die Handflächen nach oben gedreht werden müssen
- Nachsprechen eines Satzes mit einfachen Worten
Gibt es auch nur bei einer Aufgabe Probleme, ist ein Schlaganfall wahrscheinlich.

Den Betroffenen nicht allein lassen.

Möglichst auf den Rücken lagern mit leicht erhöhtem Oberkörper.

Nichts zu essen oder zu trinken geben, da die Schluckfähigkeit beeinträchtigt sein könnte.
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Elke Preuß aus Unna | 13.05.2015 | 10:57  
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