Eine Revolution als Lebensgefühl

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Autor Peter Wensierski auf der Leipziger Buchmesse. (Foto: PR)
   
Peter Wensierski bei einer Lesung an einem Originalschauplatz der Leipziger Revolution von 1989. (Foto: PR)

Deutsche Geschichte hautnah: Peter Wensierski erzählt in seinem neusten Buch von Mut und Willensstärke junger Menschen während der letzten Tage der DDR

"Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution - Wie eine Gruppe junger Leipziger die Rebellion in der DDR wagte“ - so heißt die jüngste Buchveröffentlichung von Autor und Spiegel-Journalist Peter Wensierski. Mit viel atmosphärischem Gespür erzählt das Buch die wahre Geschichte einer Gruppe junger Menschen, die mit Mut und Willenskraft das „Unmögliche“ möglich machen: Das Ende der DDR-Diktatur.

Noch beseelt von der überwältigenden Resonanz auf sein neustes Buch „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“, lässt Peter Wensierski seine Eindrücke, die er auf der Leipziger Buchmesse sammeln konnte, Revue passieren. „Das war wirklich ein tolles Erlebnis, genau an dem Ort das Buch vorstellen zu können, an dem sich ja damals alles abgespielt hat. Das Interesse war riesengroß. Allein bei der Premiere sind weit mehr als 300 Leute zur Lesung gekommen. Viele mussten tatsächlich vorm Saal warten, der Platz reichte nicht aus“, so der gebürtige Heiligenhauser. Daher habe er noch spontan Zusatzveranstaltungen ins Leben gerufen. Unter anderem an den Originalschauplätzen der Leipziger Revolution von 1989.

"Atmosphärisch und emotional ein ganz besonderer Moment“

„Da steht man dann auf einer Mauer oder vor der ehemaligen Stasi-Zentrale und beginnt zu lesen und plötzlich schaut man in 100 Gesichter. Das war atmosphärisch und emotional ein ganz besonderer Moment“, so der Journalist, der in Berlin für das Deutschland-Ressort des „Spiegel“ arbeitet. Da komme Geschichte plötzlich sehr nah und man merke den Menschen an, wie betroffen dieses Thema auch heute noch mache. Auch seien viele der damals Betroffenen zu seinen Lesungen gekommen - die Protagonisten seines Buches - die sogenannte „erste Reihe“. Sie standen nämlich damals da, wo „jemand stehen muss“, nämlich in der ersten Reihe der zahlreichen Demonstrationen.

„Sie hatten sogar das bekannte Transparent mit der Aufschrift ,Für ein offenes Land mit freien Menschen', das meinen Bucheinband ziert, mitgebracht." Von diesen jungen Menschen, die nicht mehr leben möchten wie ihre Eltern, die endlich das aussprechen möchten, was sie denken, die endlich das anziehen möchten, was sie wollen, die endlich die Musik hören, die Bücher lesen, die Filme sehen möchten, die sie mögen - davon handelt das Buch.

Authentische Nahaufnahme des damaligen Zeitgeschehens

Wensierskis akribische Recherche ermöglicht eine authentische Nahaufnahme des damaligen Zeitgeschehens. Bereits 1989 bekam er ein Video in die Westberliner Redaktion des Fernsehmagazins „Kontraste“ geschickt. Bei dessen Veröffentlichung in einer der Kontraste-Sendungen, zeigte es bereits vor dem Fall der Mauer der westlichen Öffentlichkeit, junge Menschen, die offen über das Ende der DDR sprachen. Wensierski selbst war seit 1979 als westdeutscher Korrespondent in der DDR. Schon damals verfasste er Berichte und Reportagen über die Oppositionsbewegung, die sich noch in den Anfängen befand. 1985 wurde er mit einem Einreise- und Arbeitsverbot belegt.

Seine Kontakte aus diese Zeit machte er sich nun zu Nutze. Er traf diese mutigen, jungen Menschen aus dem Video von damals - führte unendlich viele Gespräche. So manche Nacht wurde „durchgemacht“, fast so wie damals, als man in Abrisshäusern wohnte und in langen Nächten Aktionen plante. „Bei manchen war die Erinnerung sofort wieder da. Andere ließen sie langsam wieder auferstehen, erinnerten sich plötzlich an eine längst vergessene Tonbandaufnahme auf dem Dachboden.“ Wensierski sichtete Fotos, Flugblätter, Mitschnitte von Verhören, Videos, las Tagebücher. „So entstand in meinem Inneren das Lebensgefühl von damals. Ein Gefühl von ,alles ist möglich, wenn ich es will'. Plötzlich war alles ,leicht'. Das ist auch der Bezug zu meinem Titel.“

Das Buch soll jungen Menschen Mut machen

Doch diese Leichtigkeit war, auch wenn die DDR bereits bröckelte, noch sehr gefährlich und er wolle den Mut, den es damals bedurfte, um sich in die „erste Reihe“ zu stellen auf keinen Fall schmälern. Wensierski lässt den Leser teilhaben - teilhaben, wie sie heimlich in den Kellern Flugblätter drucken, der Stasi entkommen oder am See Partys feiern. Er lässt sie teilhaben am Geschehen und an den Gefühlen. „Es waren diese jungen Menschen, die alles Folgende möglich machten. Heute verbindet man häufig prominente Namen mit dem Mauer-Fall. Namen wie Kurt Masur, Michail Gorbatschow oder Helmut Kohl. Doch es waren Namen wie Fred, Frank, Anita, Micha, Anke und Gesine, die sich zum ersten Mal trauten, Dinge laut auszusprechen und Flugblätter nicht mehr heimlich zu verteilen", so der Autor. „Sie verloren ihre Angst. Und desto weniger Angst sie hatten, umso größer wurde der Machtverlust der DDR.“

Besonders hat Peter Wensierski gefreut, dass so viele junge Leute bei seinen Lesungen waren und heute neugierig auf das Geschehen von damals sind. Denn besonders für diese hat er das Buch geschrieben. „Das Buch soll gerade den jungen Menschen zeigen, was möglich ist, wenn man es will. Es soll Mut machen. Das Thema ist in vielerlei Hinsicht auf heute übertragbar. Auch heute stehen Dinge wie Pressefreiheit, Diktatur und Menschenrechte wieder im Mittelpunkt der politischen Diskussionen. Es sind die jungen Leute, die auch heute unsere Welt verändern können.“

Das Buch:
- Titel: „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“
- Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 464 Seiten, mit Abbildungen
- ISBN: 978-3-421-04751-9
- Verlag: DVA Sachbuch

Der Autor:
Peter Wensierski wurde 1954 in Heiligenhaus geboren. Er verbrachte seine ersten 18 Lebensjahre in seiner Heimatstadt und ist ihr noch heute eng verbunden. Als Jugendlicher jobbte er in ortsansässigen Gießereien und Zuliefererbetrieben und kaufte sich von seinem ersten selbst verdienten Geld ein Tonbandgerät mit Mikrofon. Mit dem Buch „Schläge im Namen des Herrn“ eröffnete er 2005 die Debatte über Missbräuche in der bundesdeutschen Heimerziehung. Sein 2014 erschienenes Buch „Die verbotene Reise“ über die abenteuerliche Flucht zweier DDR-Bürger über Russland, die Mongolei und China wurde ein Bestseller.
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