Gedenken unerwünscht

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Diese Grabplatte, auf der auch der Name des verurteilten Kriegsverbrechers Joachim von Ribbentrop steht, ist auf dem Friedhof in Langenberg zu finden.
 
Harry Gohr.
Velbert: Hohlstraße | Eigentlich soll es ein Ort der Stille und des Gedenkens sein – doch jetzt wird es laut rund um den Friedhof an der Hohlstraße in Langenberg. Eine Grabplatte sorgt für großes Aufsehen. „Mit Erschrecken haben wir zur Kenntnis genommen, dass es hier diese Grabplatte für den verurteilten NSDAP-Kriegsverbrecher Joachim von Ribbentrop gibt“, so Harry Gohr, Fraktionsvorsitzender der Linken in Velbert. „Ein aufmerksamer Bürger aus Langenberg hat uns darüber informiert, nachdem er auf seine kritischen Nachfragen bei den Technischen Betrieben Velbert und beim Bürgermeister keine Antwort erhalten hat.“
Der Bürger sei entsetzt, dass so ein Fehler überhaupt passieren kann und die Grabplatte seit einigen Monaten auf dem Friedhof in Langenberg zu finden ist. Doch wie kommt sie überhaupt dahin? Es scheint eine denkbar unglückliche Verkettung von Unaufmerksamkeiten zu sein: Im Jahr 1973 starb Annelies von Ribbentrop (geborene Henkell), Ehefrau und Witwe des NS-Außenministers Joachim von Ribbentrop in Wuppertal-Elberfeld, zuletzt wohnhaft war sie in Neviges. Beigesetzt wurde sie im Henkell-Familiengrab in Wiesbaden-Biebrich. „Und aus unerklärlichen Gründen scheinen es die Wiesbadener Behörden damals versäumt zu haben, die Familie daran zu hindern, dass auf der Grabplatte auch der Name des Kriegsverbrechers Joachim von Ribbentrop eingemeißelt wird“, so der Langenberger. Vor einigen Monaten wurde das Grab in Wiesbaden aufgelöst und die Erbengemeinschaft veranlasste die Verlegung der Platte auf den Friedhof in Langenberg.
Warum dieser Fehler auch dabei nicht auffiel, möchten die Linken nun gerne aufklären. „Die Stadtverwaltung, in deren Zuständigkeit der Friedhof fällt, hat hier politisch und moralisch versagt, und sie hat dabei mehr als nur Fingerspitzengefühl vermissen lassen“, so der Vorwurf des Bürgers aus Langenberg, der sich intensiv mit der Geschichte der Familie von Ribbentrop beschäftigte. „Das ist den tapferen Menschen, die als Gegner des NS-Regimes ihr Leben lassen mussten, gegenüber äußerst respektlos.“ Außerdem vermutet er, dass es nur eine Frage der Zeit ist, dass der Grabstein zu einer Pilgerstätte für „Ewiggestrige“ wird und der Ruf Velberts dadurch beschädigt wird.
„Mit gutem Grund wurden den führenden NSDAP-Kriegsverbrechern Grabstätten verweigert“, finden Harry Gohr und die weiteren Mitglieder der Fraktion Die Linke: „Man wollte damals verhindern, dass sie zu Wallfahrtsorten für Altnazis werden“, so Gohr. Vor diesem Hintergrund könne er die Duldung der Grabplatte auf einem städtischen Friedhof nicht nachvollziehen. Daher habe er sich auch im Namen der Ratsfraktion inzwischen mit folgenden Fragen offiziell an die Verwaltung der Stadt gewandt: Wie kommt es dazu, dass eine Grabplatte mit dem Namen des verurteilten NSDAP-Kriegsverbrechers Joachim von Ribbentrop auf dem Friedhof Hohlstraße in Langenberg liegt? War der Vorgang der Verlegung der Grabplatte nach Velbert rechtmäßig? Gab es Möglichkeiten, die Verlegung seitens der Stadt zu verhindern? Welche Möglichkeiten gibt es, auf eine Entfernung dieser Platte hinzuwirken?
Mit ersten Antworten auf diese Fragen rechnet Harry Gohr schon bei der heutigen Sondersitzung des Velberter Rates um 17 Uhr im Saal Velbert des Velberter Rathauses. „Dort haben wir zu Beginn die Möglichkeit, uns über solche Anfragen informieren zu lassen.“

Hintergrund:
-Joachim von Ribbentrop wurde im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess von den Alliierten zum Tode verurteilt und am 16. Oktober 1946 hingerichtet.
-Um zu verhindern, dass die Gräber zu Pilgerstätten werden, wurden die Leichen damals verbrannt und die Asche in einen Nebenarm der Isar gestreut.
-Es wurde angeordnet, dass keine sterblichen Überreste ausgehändigt und keine Grabstellen geschaffen werden.
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