Erlebnisbericht zur Exkursion des Erdkunde Lks (5. Semester) nach Duisburg-Marxloh am 19.07.2013

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Gleich um die Ecke, doch so völlig fremdartig, ein segregierter sozialer Brennpunkt oder doch liebenswerter Stadtteil mit vorbildlicher Integration? Duisburg-Marxloh ruft kontroverse Meinungen hervor und durfte dank seines Rufs, der bei vielen Studierenden des Erdkunde-Leistungskurses des fünften Semesters am Ruhr-Kolleg etwas irgendwo zwischen Neugier und Unbehagen auslöste, genau deshalb so gern herhalten, wenn es darum ging, ein Modell der Stadtentwicklung auf Deutschland anzuwenden oder einen Ort zu finden, der möglichst wenig weiche Standortfaktoren zu bieten hatte.

Marxloh brachte sich dann auch schnell ins Gespräch, als es darum ging, ein Ziel für eine Exkursion zu finden, sah sich kurzfristig starker Konkurrenz durch Düsseldorf ausgesetzt, um sich schlussendlich durchzusetzen – denn Marxloh ist für uns so nah, und dennoch so fremd.

Nun waren wir aber ein Erdkunde-Leistungskurs, wir konnten also nicht nur zum Sightseeing hinfahren, wir wollten auch etwas von Marxloh erfahren und in den Unterricht mitnehmen können. Also musste ein Konzept her. Dass wir alle die große Moschee sehen wollten, stand außer Frage. Aber was noch? Wir hatten alle unsere Vorurteile bezüglich Marxloh, warum also nicht „Vorurteile“ zum Thema machen? Gerade die Frage nach der Kriminalität stachelte immer wieder Diskussionen an, und die Idee, zur Polizei in Marxloh zu gehen, fand schnell Zustimmung.

Aber wir wollten ja auch etwas über das Leben in Marxloh erfahren, und wer konnte uns dazu besser Auskunft geben, als Menschen, die dort wohnten? Bloß, konnte man einfach so auf Menschen auf der Straße zugehen und sie fragen, ob gängige Vorurteile gegenüber Türken tatsächlich zutrafen und welche Vorurteile diese gegenüber ihren deutschen Nachbarn hatten?

Die Frage, ob wir nun Integration oder Segregation finden würden, kehrte immer wieder zurück. Also sollte das doch Thema des Fragebogens werden. Was im ersten Moment so einfach klang, zwang uns, uns Fragen zu stellen, die wir so nie bedacht hätten. Wie und woran misst man Integration? Wie definiert der einzelne eigentlich Freundschaft? Ist es gut oder schlecht, wenn die Muttersprache einen hohen Stellenwert hat? Wie viele Fragen kann ich stellen, bevor die Geduld des Befragten erschöpft ist?

Schließlich standen wir an einem sonnigen Julitag plötzlich alle am Duisburger Hauptbahnhof, hatten einen Stapel Fragebögen in der Hand und machten uns auf ins Ungewisse. Was wir uns so einfach im Unterricht überlegt hatten, sollte nun Realität werden, und wir sollten uns in einem Stadtteil, den wir doch selbst als sozialen Brennpunkt charakterisiert hatten, mit Fragebogen und Klemmbrett auf dessen Bewohner stürzen und ihnen doch recht persönliche Fragen stellen. „Wann genau hatte ich gesagt, dass ich das wirklich machen will?“, stand nun jedem von uns ins Gesicht geschrieben, und während die einen sich darüber austauschten, was sie am meisten interessierte, reizte manch anderen eher der Gedanke an die Rückfahrt, jetzt, wo es auf einmal ernst wurde.

Die Straßenbahn brachte uns zur Pollmannkreuzung, und schon waren wir mitten auf der Weseler Straße, umringt von Brautmodenläden, Lebensmittelhändlern und allem, was man sonst von Einkaufstraßen kennt – bloß eben auf türkisch. Wir schienen Glück zu haben, es war Markt auf dem August-Bebel-Platz. Das wäre doch sicher spannend, hier könnte man vielleicht einen basar-artigen Markt finden, mal etwas richtig Neues sehen! Die Enttäuschung folgte sogleich: Kleidung, Ramsch und nur ein Obst- und Gemüsehändler. Wo waren wir denn hier gelandet?

Da noch etwas Zeit bis zum Termin bei der Polizei war, strömten wir in kleinen Gruppen aus, um Marxloh ein wenig zu erkunden und unsere Befragung zu beginnen. Entgegen unserer Erwartungen fiel meiner Gruppe sogleich auf: Hier war ja richtig was los! Viele Menschen waren vormittags unterwegs, es gab kaum leerstehende Ladenlokale und tatsächlich noch viele Einzelhändler, wie z.B. Metzger, die woanders nahezu ausgestorben waren. Aber da war ja noch dieser Stapel mit den Fragebögen... „Augen zu und durch!“, sagten wir uns, und sprachen immer wieder Leute an, die leider sogleich ein Vorurteil bestärkten: Kaum jemand sprach gut genug Deutsch. Während wir Absagen kassierten, wurden wiederum solche Marxloher, die wir im Fragebogen als „Herkunftsdeutsche“ bezeichneten, auf uns aufmerksam und beantworteten mit Interesse unsere Fragen. Bereits hier wurde deutlich: Unsere Notizen auf den Bögen würden niemals den Geschichten gerecht werden, die wir heute noch hören würden.

„Kriminalitätsstatistik, so ein langweiliges Thema habt ihr euch überlegt?“, begrüßte man uns in der kleinen Marxloher Polizeiwache, „das könnt ihr doch auch alles im Internet nachlesen, 72 Seiten habe ich hier ausgedruckt.“ Kurze Resignation machte sich im Kurs breit, doch als die zwei Polizeibeamten mit viel Herzblut von sich und ihrer Arbeit erzählten, war das Eis gebrochen, und unsere „langweiligen“ Fragen konnten den Polizisten immer wieder aufschlussreiche Anekdoten entlocken. So erzählten sie uns von Marxlohs alltäglichen Problemen wie der hohen Jugendarbeitslosigkeit, aber auch von Türkischkursen in ihrer Freizeit und Seminaren zum Islam, „damit man in Problemsituationen wenigstens weiß, was man gerade falsch macht“. Was konnten wir mitnehmen? Marxloh ist ein sozialer Brennpunkt, ja, Marxloh ist aber auch liebenswert. Auch Polizisten haben Vorurteile und können über diese lachen und konnten mit uns fast neunzig Minuten wie im Flug vergehen lassen.

Nun führte unser Weg zur Moschee, wo es hieß, Schuhe ausziehen, Eindrücke einfangen. Wir waren fast allein im Gebetssaal, und auch die Ankunft unseres Kurses konnte dem Raum seine erhabene Stille nicht stehlen. Die Moschee mit ihrer Ruhe und ihren vielen Details, die es zu entdecken gab, war ein wunderbarer Kontrast zur quirligen Weseler Straße. Während die Moschee für viele zum geduldigen Fotomodell wurde, nutzten andere Kursmitglieder aber auch die Chance zum Gespräch mit Gemeindemitgliedern.

Kaum ließen wir die Moschee hinter uns, waren sie wieder da, diese Fragebögen... Nun sollte also Marxloh im großen Stil befragt werden. Die Erfahrungen vom Morgen hatten uns da nicht gerade hoffnungsvoll gestimmt. Die einen sprachen kein Deutsch, die nächsten hatten leider keine Zeit, und diese da fragten wir erst gar nicht, die schauten so böse... Zu zweit versuchten wir es also bei den Ladenbesitzern rund um den August-Bebel-Platz. „Welche der folgenden Freizeitaktivitäten verbringen Sie mit Türken?“ „Völlig falsche Frage!“ Wieder standen wir etwas resigniert mit unseren Bögen da und bemühten uns nach einer Viertelstunde voller Sorgen, Nöte und Anekdoten, in denen wir viel mehr über das Leben in Marxloh erfuhren, irgendwie doch wieder die Kurve zu unserem Fragebogen zu finden.

Während ein Teil des Kurses nun tief durchatmete und erleichtert die Heimreise antrat, konnte der andere Teil sich freuen, zum harten Kern zu gehören und den Tag bei einem gemeinsamen türkischen Essen ausklingen zu lassen. „Gastfreundschaft“ hatten wir im Vorfeld als positives Vorurteil gegenüber Türken notiert, und hier freuten wir uns besonders, es bestätigt zu sehen.

Im Resümee nach dem Essen zeigte sich aber doch wieder Marxlohs kontroverser Charakter. Unwohl war uns allen nicht, aber wohnen wollten wir hier auch nicht. Interessant war der Wandel der Skeptiker, die plötzlich bei der Befragung sehr engagiert waren. Manch einer kannte Marxloh schon ein wenig, und konnte neue Blickwinkel entdecken, manch anderer konnte dagegen nur am Abschlussessen Gefallen finden und für sich so gar nichts mitnehmen.

Was haben wir als Kurs mitgenommen? Einen dicken Stapel ausgefüllter Fragebögen, die uns verraten, was bei der Polizei bereits angedeutet wurde: Ja, es gibt Segregation und Konflikte, es gibt aber auch viele Beispiele für Integration und Miteinander; alle bemängeln die geringe Zahl lokaler Veranstaltungen und müssen sich den gleichen Konflikten stellen. Sie sind sich also gar nicht so unähnlich, die Deutschen und die Türken in Marxloh. Aber vor allem nehmen wir mit, dass aus einer mit gewissem Unbehagen geplanten Exkursion doch ein so spannender Tag werden konnte.


(Verena Muth)
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