Bewegt älter werden in NRW mit Shiruba Jiu Jitsu

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      Velbert: Jiu Jitsu Union NW |

Bewegt älter werden in NRW mit Shiruba Jiu Jitsu

Nachgeben – nicht Aufgeben

Ausweichen in fließender Bewegung steht als erstes auf der langen Liste, die Jürgen und Helmut gerade an die Wand des Herner Dojos gepinnt haben. Sieben eng beschriebene Seiten lang ist sie, diese Liste, 96 einzelne Übungen sind schließlich zu bewältigen für die in der kommenden Woche anstehende Blaugurtprüfung der beiden Kampfsportler. Doch das sieht gut aus, was die beiden da zeigen; rasch und scheinbar mühelos lässt Jürgen die unvermittelten Angriffe seines Uke ins Leere laufen. Uwe Reichert (48), Trainer und Vorsitzender des Zen-Ki-Budo, nickt anerkennend. „Die Ausführung“, gesteht Helmut, „ist ja auch nicht das Problem. Aber 96 Aufgaben, die musst du erstmal alle behalten...!“ Fiele einem wahrscheinlich auch dann nicht leicht, wenn man Anfang 20 wäre. Jürgen aber ist 66 und Helmut 68. Die beiden Freunde, gelernter Maschinenschlosser der eine, einst im Export tätig der andere, sind Rentner. Und machen Jiu Jitsu? Ja, Shiruba Jiu Jitsu!

Wörtlich übersetzt bedeutet das Wort „Shiruba“ Silber. Die Japaner bezeichnen als Shiruba aber auch die, deren Haar silbern ist: die in Würde Ergrauten. Als Senioren-Jiu aber möchte Uwe Reichert diese Kampfsport-Variante nicht verstehen. Das Programm nämlich unterscheidet sich gar nicht so stark vom regulären Jiu Jitsu. Mit einer Ausnahme: Geworfen wird beim Shiruba niemand, zu Boden geführt dagegen schon. Angeblich lassen es die Shirubas im Ganzen auch etwas ruhiger angehen.... an diesem Abend im Herner Dojo ist von Ruhe und Gemächlichkeit allerdings wenig zu spüren: Beim Aufwärmen fließt reichlich Schweiß und das Keuchen einiger Teilnehmer ist unüberhörbar.

„Klar, das ist mächtig anstrengend hier für mich“, sagt etwa Werner (41). Viele Jahre lang – „vom Pampers-Bomber an bis zum Teenager-Alter“ – hat er Fußball gespielt, nun sind seine Knie kaputt. Und trotz 30 bereits abgespeckter Kilo ist er noch immer kein Leichtgewicht -- aber „mit unglaublich viel Spaß dabei“. „Kampfsport hat mich schon lange interessiert, aber ich hab mich nie getraut, das auszuprobieren, mit meinen körperlichen Einschränkungen“, erklärt er. Dann stieß er im Internet auf Shiruba, suchte nach einem Verein in der Nähe, der das anbietet – und wurde beim Zen-Ki-Budo fündig. Seit Anfang des Jahres trainiert der Reparaturschlosser nun im Herner Dojo des jungen Bochumer Vereins -- und ist begeistert. „Hier guckt einen keiner schief an, wenn man was nicht kann. Gemeinsam mit dem Trainer sucht man stattdessen nach einer Alternative.“

Als Uwe Reichert der Jiu Jitsu Union das Shiruba-Konzept des Zen-Ki-Budo vortrug, rannte er offene Türen ein. „Die hatten nur auf so etwas gewartet“, erklärt der 48-Jährige, der das Konzept zusammen mit Vereinskollege Udo Holtmann, damals selbst bereits Angang 60, entwickelte. „Es kommen wegen der Ganztagsbeschulung ja viel weniger Jugendliche“, erklärt er die Begeisterung des Verbands, der natürlich um die Nachwuchsprobleme wisse. Über die Hälfte der Verbands-Mitglieder sei zudem älter als 45 – „und die werden ja auch nicht alle jünger...“. 2009 stand das Konzept, inzwischen hat sogar der Landessportbund Shiruba in sein Programm „Bewegt Älter Werden“ aufgenommen; beim Verband gibt es ein ein „Shiruba-Referenten-Team“ -- und oft viele neugierige Besucher beim Zen-Ki-Budo. Zwölf Shiruba-Schüler trainieren heute in dem Jiu-Jitsu-Verein, 41 ist der Jüngste, 68 der Älteste, sogar ein Mann mit einer schweren Krebserkrankung ist regelmäßig dabei. Aus Witten, Herten und Castrop-Rauxel reisen die Teilnehmer fürs Training nach Herne an. Von noch viel weiter her kommen Vertreter interessierter Vereine. In Schwerte, Hösel, Velbert und Rheinberg gibt es inzwischen eigene Shiruba-Gruppen – und landesweit an die 50 aktive Shirubas.

Während Jürgen und Helmut sich inzwischen an die Tritte machen (und dabei immer mal wieder verstohlen auf die Liste an der Wand schielen), trainiert Werner unter den strengen Augen von Trainer Achim Vohl (59) mit Klaus und Karin („Ich bin die Quotenfrau hier!“) Abwehr gegen Angriffe mit Pistole, Faust und Stock. Karin, 56, kam über einen Selbstverteidigungskurs für Frauen beim Zen-Ki-Budo auf den Geschmack. Danach wollte sie gern weiter Kampfsport machen. „Aber das Fallen beim Jiu, das wär’ nix für mich mit meinem Bandscheibenvorfall an der Halswirbelsäule...“. Seit Februar ist sie nun Shiruba – und heute ziemlich stolz, weil sie als frischgebackener Gelbgurt beim Angrüßen zum ersten Mal nicht ganz außen stehen muss... Als einzige Frau unter lauter männlichen Kampfsportlern, ist das kein Problem? „Eine gewisse Hemmschwelle galt es schon zu überwinden“, gesteht die Chemotechnikerin. „Aber das galt ja für beide Seiten. Und war schnell abgehakt. Das ist eine total nette Truppe hier.“

Was Klaus sofort bestätigt. Er kam der Familie wegen. Die sagte ihm: Du musst endlich was tun für deine Gesundheit. „Aber Muckibude ist nichts für mich, ist mir viel zu stupide. Ich bin eher so der Vereinsmensch“, sagt der 59-jährige Krankenpfleger. Seit zwei Jahren ist er dabei – und missen mag er das Training bestimmt nicht mehr. „Ich genieße das, hier völlig konzentriert den Alltag vergessen zu können“, erklärt er. Inzwischen reicht ihm die Doppelstunde Shiruba am Freitag sogar nicht einmal mehr aus. Wann immer er es schafft, kommt er auch dienstagmorgens, zum Frühaufsteher-Training des Zen-Ki-Budo für Wechselschicht-Arbeiter. Eine Dreiviertelstunde benötigt er für die Anreise. „Aber das ist es mir wert.“

Wer einmal kommt, das sagen auch die anderen Schüler, die heute hier sind, bleibe. Das Shiruba-Training macht Spaß, hier wird zwar viel geschnauft, aber auch viel gelacht. Gerade jetzt etwa, als Werner feststellen muss, dass Klaus gegen seine Würgetechnik immun ist. „Der ist völlig schmerzfrei, da passiert nix“, beschwert sich Werner beim Trainer. „Mach du mal“, bittet der seine Schülerin Karin auf die Matte. Keine drei Sekunden und die kleine zarte Person hat den sicher dreimal so schweren Klaus „bezwungen“. Mit hochrotem Kopf geht er in die Knie und klopft ab: „Doch eine sehr effektive Technik!“ Achim erklärt sie Werner noch einmal, geduldig arbeiten Trainer und Schüler an der perfekten Ausführung.

Dabei geht es den meisten Shirubas weniger um die Selbstverteidigung als vielmehr um den Spaß am Sport. Jürgen jedenfalls, der sich gerade keuchend eine Pause gönnt („wir sind auch viel zu schnell, finde ich...“) sagt: „Das Training stärkt das Selbstbewusstsein und zur Not weiß ich auch, was ich machen kann, wenn mich mal wirklich jemand auf offener Straße angreifen sollte. Zumal wir hier ja auch lernen, gefährliche Situationen früh zu erkennen. Aber mir geht es eher um die Regelmäßigkeit, um Fitness und Beweglichkeit.“

„Siegen durch Nachgeben“, sagt Achim Vohl, ist der Grundgedanke des Jiu Jitsu. Und gerade beim Shiruba sei das eine bestechende Idee. „Der Gegner, den es zu besiegen gilt, steckt eher in mir selbst, als in dem Partner, der mir auf der Matte gegenüber steht.“ Der Schwerpunkt des Trainings liege nicht in der Selbstverteidigung, sondern in der Körperkontrolle. „Mit der erlernten Körperkontrolle haben die Shirubas aber ein ganz anderes Auftreten: Sie wirken stark, nicht schwach.“

Die beiden Dan-Träger Uwe Reichert und Achim Vohl (der auch traumatisierte Flüchtlingsfrauen und Menschen mit physischen Erkrankungen trainiert) halten die Shirubas für ihre anspruchvollsten Schüler: „Ich muss sehr viel gezielter als im regulären Training auf jeden einzelnen eingehen“, sagt Reichert, „mir immer Alternativen überlegen, für den Fall, dass jemand aufgrund seiner körperlichen Beeinträchtigung mit einer Technik nicht klar kommt. Gesundheit ist das oberste Gebot.“ „Jemand, der Probleme mit den Beinen hat, kann sehr schnelle Arme haben“, erklärt Vohl das Prinzip. Genau: Von Werner, dem Schwergewicht mit den kaputten Knien, sagt Zen-Ki-Budo-Chef Uwe Reichert, „möchte ich keine geplästert bekommen.“

Und die anderen, die normalen Jiu-Jitsuka, im Verein, belächeln die ihre Shiruba-Kollegen nicht doch ein wenig. „Quatsch“, sagt Nils (24, Blaugurt), „das ist doch kein randständiger Seniorenclub. Die sind voll integriert. Ich find das echt gut, was die machen – und dass die überhaupt was machen, obwohl es ihnen vielleicht nicht so leicht fällt wie mir.“

„Es kommt halt drauf an, was man will“, erklärt Achim Vohl. „Wer ein harter Kerl sein will und jeden Angreifer mit einer ausgefeilten Technik aus den Schuhen hauen und auf die Matte pfeffern will – für den ist Shiruba nicht das Richtige. Alle, die immer schon gern Kampfsport machen wollten, sich aber nicht trauten, weil sie sich zu unfit, zu schwer, zu krank oder zu alt dafür fühlten, sollten es mal probieren.“ Das heißt, Shiruba ist Kampfsport ohne Schmerzen? „Ne, ne“, grinst Helmut, der sich gerade wieder vom Boden aufrappelt, wohin ihn Jürgen sanft befördert hatte, „mir tun nach jedem Training die Knochen weh. Aber eben nie lange. Und seit ich Shiruba mache, fühle ich mich viel beweglicher, viel fitter als früher.“

Die beiden Grüngurte sind mit ihrem Training für die anstehende Prüfung nach 45 Minuten endlich durch. „Und? Wie war’s? Keine 3 dabei? Hätten wir bestanden?“, fragen sie den Trainer. „Alles bestens, keine 3 dabei. Ihr könnt Feierabend machen“, sagt Uwe Reichert. Aber die zwei wollen lieber noch einen Durchgang starten. „Die Hebel und die Transportgriffe“, erklärt Helmut, „die sitzen noch nicht richtig.“

„Die zwei“, findet Reichert, „haben richtig Ehrgeiz. Ich bin sicher, die fangen nach der Blaugurt-Prüfung sofort mit der Vorbereitung für die Braungurt-Prüfung an.“ Helmut wäre 70, wenn er sie ablegt. Und vielleicht fünf Jahre älter, wenn er dann noch weiter macht. Erst mit dem 1. Dan, der Prüfung zum Schwarzgurt, nämlich endet das Shiruba-Graduierungssystem. Aber wäre das nicht ein tolles Ziel für jeden 75-Jährigen: Meister werden!

Weitere Infos und Kontakt: Uwe Reichert, pressewart@jju-nw.de
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