Damals - mit Papa an der Tankstelle

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  Neulich habe ich mir meine Fotos mit dem Schlagwort „Oldtimer“ angesehen, und mich an die alten ARAL Sammelbilder erinnert, die man anfangs der 70er Jahre an den Tankstellen des Konzerns bekommen konnte. Diese schönen gemalten mit dem dicken gelben Rand. Wie war das eigentlich damals nochmal an der Tankstelle? Und wie war das damals überhaupt?

„Kommst Du mit? Ich muss noch tanken!“, fragte Papa. Klar bin ich da mitgefahren. Ich war acht oder neun Jahre alt und das war doch total interessant. Vielleicht konnte ich da auch mal wieder eine „goldene“ Sammelmünze von Gerd Müller oder Wolfgang Overath zum Tauschen abstauben oder so ein oben erwähntes Sammelbild.

An der Tankstelle angekommen, sah ich immer einen seltsamen Mann mit Schirmmütze. Hin und wieder stand er auf einer Leiter, um an den Preisschildern herum zu fuhrwerken. "Was macht der denn da oben, Papa?" „Der ändert den Spritpreis jetzt schon zum zweiten Mal dieses Jahr, schon fast 60 Pfennig der Liter!“.  Das wären heute stolze 30 Cent..., was für ein Schlaraffenland!

Der Mann mit der Mütze nannte sich übrigens „Tankwart“. Seine Hauptaufgaben bestanden darin, den Kunden das Benzin pfenniggenau in den Tank zu zapfen, den Öl- und Wasserstand zu kontrollieren und die Scheiben von den damals noch reichlich umherschwirrenden Insekten zu befreien. Für seine Dienste kassierte er dann meistens ein kleines Trinkgeld.

In der Werbung empfahl ein Zeitgenosse dieser Zunft damals immer ein Schmerzmittel, man wusste nur nicht genau welches. Vielleicht von Togal? Uns war das ziemlich egal. Werbung lief sowieso nur abends vor der Tagesschau. Es gab nur drei Programme im Fernsehen, und um umzuschalten, heute heißt das ja Zappen, musste man ohne die noch nicht existierende Fernbedienung jedes Mal zum Apparat latschen und einen Schalter drücken. Man stelle sich heute mal ein SmartTV mit knapp 1oo Programmen ohne Fernbedienung vor. Wäre doch mal eine recht sportliche Angelegenheit.

Letztens habe ich übrigens tatsächlich in meinem Heimatort die Renaissance des Tankwarts erlebt. Wirklich wahr! An unserer Tanke gibt’s ihn heute wieder. Klar, wir sind ja nun auch keine Industrieregion mehr hier im Ruhrgebiet, sondern haben uns in eine Dienstleistungsgesellschaft verwandelt, in die dieser lange verschwundene Beruf wieder gut hineinzupassen scheint.

Autowaschanlagen kannten wir noch gar nicht. Dafür hatten wir zuhause aber eine 100%ige biologische Anlage, die aus mir und meinem Bruder bestand und Samstag nachmittags der Aufstockung des Taschengeldes diente. Wir hatten damals ja noch viel Zeit und kein WhatsApp oder facebook. Ich glaube, wir hatten damals noch nicht mal ein Telefon. Merkwürdigerweise haben wir trotzdem überlebt und jede Menge Spaß gehabt.

Der Innenraum der Tankstellen war damals viel kleiner, als wir es heute gewohnt sind. Er hatte damals auch eher ein nüchternes Ambiente und diente hauptsächlich der Abwicklung des Kraftstoffkaufs. Das ging damals natürlich nur mit Bargeld, denn Plastikgeld hatten die Banken noch nicht erfunden. Nur Bares war Wahres!

Von gemütlicher Atmosphäre wie im Supermarkt,  mit integriertem Cafe und Brötchenservice bei lauschiger Musik, war im Gebäude absolut nichts zu spüren. Es gab noch nicht mal Schokoriegel. Gefehlt hat uns das damals aber nicht. Dafür gabs ja an jeder Ecke einen Kiosk und die vielen kleinen Geschäfte, in denen man genauso nett und persönlich bedient wurde, wie an der Tankstelle.

Ich glaube aber, dass man damals zumindest den dicken roten Shellatlas und anderes Kartenmaterial in der Tankstelle kaufen konnte. Auch wussten die Mitarbeiter dort immer, wie man fahren musste, um irgendwo hinzukommen.  Es kamen jedenfalls laufend verirrte Autofahrer rein, die den Weg nicht fanden. Navis gabs ja erst 25 Jahre später.

Während ich mich so an das alles erinnerte, habe ich mich an mein Fotoprogramm gesetzt und einigen Oldtimerfotos den Style der ARAL-Sammelbilder verpasst, um auch später immer mal wieder an diese schöne Zeit erinnert zu werden.

© Johannes Grösbrink
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