Aspirin im Pferdefutter

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Ralf Rothmanns Roman „Der Gott jenes Sommers“



„Das Schweigen, das tiefe Verschweigen, besonders wenn es Tote meint, ist letztlich ein Vakuum, das das Leben irgendwann von selbst mit Wahrheit füllt.“ Mit diesem bedeutungsvollen Satz leitete Ralf Rothmann vor drei Jahren seinen in 25 Sprachen übersetzten Roman „Im Frühling sterben“ ein. Nun nimmt er diesen thematischen Faden wieder auf und begibt sich erneut in die Wirren der letzten Kriegstage.


Handlungsschauplatz ist ein Gutshof vor den Toren von Kiel, wo sich immer mehr Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten einfinden. Ralf Rothmann, der kürzlich (*10. Mai) seinen 65. Geburtstag feierte, ist selbst in Schleswig-Holstein zur Welt gekommen und arbeitet auch in diesem Roman wieder ein wenig seine eigene Familiengeschichte ab. Der im Ruhrgebiet aufgewachsene und seit einiger Zeit im ruhigen Berliner Vorort Frohnau lebende Autor hat sich literarisch stets eng an seinem eigenen Lebensweg orientiert, sowohl mit seinen düster-realistischen Romanen über Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet ("Wäldernacht", 1994, "Milch und Kohle", 2000, „Junges Licht“, 2004) als auch in seinen Berlin-Romanen („Flieh, mein Freund“, 1998, "Hitze“, 2003, „Feuer brennt nicht“, 2009).
Wenn auch nur schemenhaft zu erkennen, hat Rothmann in der Figur des Melkers Walter seinen Vater verewigt. Dieser Walter war der erste Schwarm für Rothmanns Protagonistin, die zwölfjährige Luisa Norff, die für ihr Alter körperlich wie geistig überdurchschnittlich entwickelt war und die in den letzten Kriegstagen Zuflucht in der Literatur sucht. Gleich dreimal verschlingt sie Margaret Mitchells „Vom Winde verweht“.
Rothmann erzählt aus Lisas Perspektive, ein interessanter, aber erzählerisch diffiziler Blickwinkel. Das Leid wird nicht etwa bagatellisiert, erhält aber einen anderen Stellenwert, weil bei Luisa positive Eindrücke oftmals die Schrecken der Zeit übertünchen. Wenn sie einem Pferd eine Aspirintablette ins Futter mischt, um es aufzupäppeln, durchlebt die Hauptfigur diesen Glücksmoment mit ungemein großer Intensität.
Ihr Vater ist selten für sie da; er betreibt ein Marine-Kasino in Kiel und ist zumeist morgens schon betrunken. Und das Verhältnis zu ihren beiden älteren Schwestern ist ebenfalls höchst ambivalent. Sibylle bewahrt sich auf ziemlich unkonventionelle Weise in den Kriegswirren ihre Freiheit – mit ständig wechselnden Liebhabern. Auch politisch geht sie auf Konfrontationskurs, spricht von „Hitler und seinem Gesocks“. Sehr zum Leidwesen von Gudrun, die mit dem Gutsbesitzer und SS-Offizier Vinzent verheiratet ist und die nicht müde wird, linientreu den Endsieg zu propagieren.
Irgendwann schnappt Luisa das Wort „Vergewaltigung“ auf, hört es immer wieder von den Flüchtlingsfrauen. Dies befeuert ihre Fantasie, denn sie hört nur Ungereimtheiten, ahnt aber, dass etwas ganz Schreckliches sich dahinter verbergen muss.
Wie schon in „Im Frühling sterben“ arbeitet Rothmann in seinen Beschreibungen wieder mit den Kontrasten zwischen den Verwüstungen in den Städten und der Unversehrtheit der Natur. Ein zweiter (deutlich schmalerer) Erzählstrang handelt vom Dreißigjährigen Krieg. "Dass im Glücke immer auch Schuld, im Leid jedoch meistens Unschuld sei, die Erkenntnis war dem Schreiber dieser Zeilen, den die Furien des Hungers quälten, bisweilen tröstlich Brot", bekennt Bredelin Merxheim, der Erzähler der historischen Passage.
Jede Menge Leid – gepaart mit frühpubertärer Unschuld – erfährt Hauptfigur Luisa, die am Ende den Wunsch artikuliert, ins Kloster gehen zu wollen.
„Ich habe alles erlebt“, klagt die vom eigenen Schwager vergewaltigte und später an Typhus erkrankte Protagonistin.
„Der Gott jenes Sommers“ ist kein Roman für zartbesaitete Gemüter – Prosa, die ganz tief unter die Haut geht und Nadelstiche in unserem tiefsten Innern setzt. Ralf Rothmann hat einen absolut singulären Tonfall gefunden, eine Poesie des Schreckens - gespeist aus ganz subtilem Sprachempfinden und einem Höchstmaß an Empathie. Einer der herausragenden Romane dieses Frühjahrs.

Ralf Rothmann: Der Gott jenes Sommers. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018, 254 Seiten, 22 Euro
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