Boxenstopp im Tiefkühlfach

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„Null K“ - der neue Roman zum 80. Geburtstag von Don DeLillo




„Ich wünschte, ich hätte früher begonnen, aber offenbar war ich noch nicht bereit. Erstens hatte ich keinen Ehrgeiz, ich mag Romane im Kopf gehabt haben, aber sehr wenig auf dem Papier und keine persönlichen Ziele, keinen brennenden Wunsch, etwas bestimmtes zu erreichen. Zweitens hatte ich keine Ahnung worauf es ankommt, um ein ernsthafter Schriftsteller zu werden. Ich habe lange gebraucht, um das zu entwickeln“, hatte der Schriftsteller Don DeLillo einst rückblickend in einem Interview erklärt.


Er war bereits 35 Jahre alt, als er sein erstes schmales Werk „Americana“ veröffentlichte. Inzwischen gehört der Sohn einer katholischen Arbeiterfamilie, der am 20. November 1936 in der New Yorker Bronx geboren wurde, zu den alljährlich hochgehandelten Nobelpreiskandidaten.
In seinem international erfolgreichen Monumentalepos "Unterwelt" (1997) hat DeLillo ein extrem düsteres Bild von der amerikanischen Gesellschaft gezeichnet, und sechs Jahre später las sich "Cosmopolis" gar wie ein Horrorszenario aus einer fremd-determinierten Welt. Dagegen wirkte der schmale Roman „Der Omega-Punkt" (2010) handlungsarm und beinahe schon besinnlich.
Jetzt hat Don DeLillo noch einmal alle Register gezogen und einen gleichermaßen gesellschaftskritischen wie besinnlichen Roman vorgelegt – eine erzählerische Abhandlung über die letzten Dinge mit teilweise meditativem Tonfall.
Es geht um Tod und Unsterblichkeit, um die Möglichkeit das Leben mit Hilfe einer ausgeklügelten physikalischen Technologie zu verlängern. „Null K“ ist ein vom Physiker Kelvin ausgerechneter absoluter „Gefrier“punkt, der minus 273,15 Grad Celsius entspricht und ideal für die Kryostase sein soll, für einen ewiges Leben verheißenden Tiefkühlschlaf.
Der amerikanische Multimillionär Ross Lockhart hat ein Forschungszentrum in der unendlichen Weite der kasachischen Steppe finanziert. Dort können sich Todkranke oder Lebensüberdrüssige für ein Leben in einer späteren Epoche konservieren lassen. Ein surreal wirkender Ort, beklemmend und kalt, wie ein fensterloses Museum des Lebens – in dem Menschen - oder das, was von ihnen übrig geblieben ist – als Dekorationstücke drappiert werden.
Ross Lockhart sieht sein Engagement im Konvergenz-Hospiz als Investition für die Zukunft an («eine Technologie, die auf Glauben baut»), während es für seine Frau Artis, eine todkranke Archäologin, die letzte Chance auf Erlösung darstellt. Zwischen beiden steht deren Sohn Jeffrey, der Ich-Erzähler, der all den Ewigkeits-Jüngern mit großer Skepsis begegnet und sich auf einer Art ewigem Selbstfindungs-Tripp befindet: „Ich bin jemand, der angeblich ich ist.“

Polyphones Durcheinander
Don DeLillo inszeniert ein polyphones Durcheinander von Lebensläufen, Hilfeschreien, Belehrungen und Verwünschungen. Das klingt bisweilen so, als hätten einige der Figuren längst die Schwelle ins Jenseits überschritten. „Wann hört man auf, zu sein, wer man ist?“
„Null K“ liest sich wie eine philosophische Abhandlung über die letzten Dinge. DeLillo hat längst die Rolle des Fragenden eingenommen und sich vom einstigen Weltverbesserer-Impetus verabschiedet. Aber gerade mit diesem leiseren, bedächtigen Tonfall entfaltet er noch einmal seine große suggestive Energie. Er konfrontiert uns mit einem beklemmenden Vater-Sohn-Konflikt und stellt uns die Frage, wie weit der wissenschaftliche Fortschritt gehen darf: „Ist es legal, den Körper eines Menschen einzufrieren und irgendwann in der Zukunft wieder zum Leben zu erwecken, oder handelt es sich dabei um einen Massenmord unter dem Vorwand, die Möglichkeit der Verlängerung des Lebens zu erforschen?“
Und wer den einst so zornigen DeLillo vermisst, kann ihn noch einmal ganz deutlich in der Stimme eines der Stenmark-Brüder vernehmen, die im Kreis der Wartenden durch ihren Zynismus und ihren schwarzen Humor hervorstechen: „Das ewige Leben gehört den atemberaubend Reichen.“
„Null K“ zeigt uns den großen Autor DeLillo noch einmal in all seinen Facetten, den unbequemen Schöpfer der Untergangspanoramen neben dem bedächtigen Grübler – ein weiteres nachhaltiges literarisches Bewerbungsschreiben für den Nobelpreis.

Don DeLillo: Null K. Roman. Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert. Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2016, 280 Seiten, 20 Euro
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