Buch der Woche: Die letzte Chance

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„Kindeswohl“ – der neue Roman von Booker-Preisträger Ian McEwan erscheint am Freitag

Der britische Schriftsteller Ian McEwan hat seit vielen Jahren ein Faible für spannungsgeladene Geschichten, in denen Figuren in psychischen Ausnahmesituationen im Mittelpunkt stehen. "Mich interessiert das menschliche Innenleben, das nicht von oberflächlicher Logik angetrieben ist", hat der 66-jährige Autor einmal sein künstlerisches Credo beschrieben.

Der neue Roman des Booker-Preisträgers von 1999 toppt alle Vorgängerwerke noch an Dramatik, an Emotionalität und philosophischer Tragweite. Dabei ist dieses schmale Büchlein gar kein ausgewachsener Roman, sondern eher ein novellistisch zugespitztes Kammerspiel mit wechselnder Besetzung.
Im Mittelpunkt steht die Richterin Fiona Maye, hoch angesehene Juristin und äußerst talentierte, feinsinnige Pianistin in Personalunion. Schon auf der ersten Seite lässt Autor Ian McEwan den Leser wissen, dass sich die Protagonistin in einer extrem aufgewühlten Gemütslage befindet. Sie steht vor einem schwierigen Prozess, ein Scheidungsverfahren jüdischer Eheleute, in dem es um das Sorgerecht der Kinder und nicht zuletzt um die stark differierenden Lebensweisen der Eltern geht. Zeitgleich bekommt Fiona von ihrem Ehemann Jack, ein Geschichtsprofessor mit beachtlicher Reputation, eröffnet, dass er eine Liaison mit einer deutlich jüngeren Frau unterhält. „Ich bin dein Bruder geworden“, klagt der Endfünfziger und fordert von Fiona eine Art Agreement. „Ich brauche das. Ich bin neunundfünfzig. Das ist meine letzte Chance. Ich will, dass alles bleibt wie es ist. Ohne dich zu hintergehen“, so sein abstruser Vorschlag.

Zwischen Gesetz, Moral und Religion
„Unerträglich“, nennt Fiona das Ansinnen ihres Ehemannes. Private Turbulenzen und beruflicher Stress vermengen sich zu einer extrem belastenden Gefühlsmelange, der sie mit mehreren Gläsern Scotch Herr zu werden versucht. Wie ein roter Faden zieht sich der Zwiespalt zwischen Gesetz, Moral und Vernunft durch die Handlung. Fiona hatte nach einer eben solchen inneren Gratwanderung einst ein bahnbrechendes Urteil gefällt, als sie sich, um ein Leben zu retten, für die Trennung von siamesischen Zwillingen ausgesprochen hatte – was gleichzeitig auch einem Todesurteil für den „schwächeren“, nicht lebensfähigen Zwilling gleich kam.
Fiona wird in einem ähnlich extremen Fall von der Vergangenheit offensichtlich eingeholt. Während sich Ehemann Jack inzwischen an der Seite der 28-jährigen Statistikerin Melanie vergnügt, muss sie in einem Eilverfahren wieder über Leben und Tod entscheiden. Eine Klinik hatte die juristischen Instanzen eingeschaltet, weil sich ein junger Mann und auch seine Eltern aus religiösen Gründen gegen eine lebensnotwendige Bluttransfusion ausgesprochen hatten. Der 17-jährige Adam leidet an Leukämie in fortgeschrittenem Stadium. Fiona bricht aus, gibt die nötige berufliche Distanz auf, besucht den Jungen, entwickelt große Nähe, unterhält sich mit ihm über Musik, Literatur und Religion. Und wieder brodelt es kräftig in ihr, wieder steht sie vor einer kaum zu bewältigenden Herkulesaufgabe: Recht zu sprechen und alle Gefühle dabei abzuschalten.

Güte ist entscheidend
"Güte, das zeigte sich tagtäglich im Familiengericht, war das entscheidende menschliche Merkmal“, heißt es im Roman über Fionas berufliche Maxime. Doch trotz Fionas unendlicher Güte und ihrer großen Herzenswärme gibt es – das war bei McEwan auch nicht zu erwarten – kein, vielleicht von dem einen oder anderen Leser herbei gesehntes Rundum-Happyend. Auf der letzten Seite sieht Jack seiner Frau Fiona zunächst beim Schlafen zu, und sie erzählt ihm später „von der Liebe dieses wunderbaren Jungen zum Leben und von ihrem Anteil an seinem Tod.“ Das sind zum Schluss – ganz simpel ausgedrückt – große Gefühle.
Im Nachwort bedankt sich McEwan bei einem Richter namens Alan Ward, dem er  „große Weisheit, funkelnde Intelligenz und Menschlichkeit“ attestiert. Und genau davon ist sein neuer Roman „Kindeswohl“ in starkem Maße inspiriert. Ein Buch, das unter die Haut geht und das uns durch seine aufwühlenden, existenziellen  Fragen viele  kleine Nadelstiche versetzt.
 
Ian McEwan: Kindeswohl. Roman. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Diogenes Verlag, Zürich 2015, 223 Seiten, 19,90 Euro
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