Buch der Woche: Episoden eines geträumten Lebens

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„Gräser der Nacht“ - der neue Roman von Nobelpreisträger Patrick Modiano



„Es handelt sich um Episoden eines geträumten, zeitlosen Lebens, die ich Seite um Seite dem trüben Alltagsleben entreiße“, heißt es im gerade in deutscher Übersetzung erschienenen Roman des frisch gekürten Nobelpreisträgers Patrick Modiano. Das klingt beinahe wie ein programmatisches Selbstbekenntnis für das gesamte Oeuvre des 69-jährigen Schriftstellers, der unlängst eingeräumt hatte, „immer ein und dasselbe Buch“ zu schreiben.


Was für Heinrich Bölls Werk Köln, für James Joyce Dublin und für Orhan Pamuk Istanbul, ist Paris für Modiano – nicht nur Heimat, sondern auch unverrückbares Zentrum des künstlerischen Schaffens. Wir bewegen uns in der Seine-Metropole der frühen 1960er Jahre an der Seite des Ich-Erzählers Jean, der später ein bekannter Schriftsteller wird und jene Lebensetappe rekonstruieren will.
Der Protagonist begegnet als junger Mann von Anfang zwanzig einer mysteriösen, etwa gleichaltrigen Frau namens Dannie. Nach und nach bemerkt Jean, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmt. Sie tritt mit wechselnden Identitäten auf, ist anscheinend elternlos und hat sich aller biografischer Wurzeln entledigt.

Assoziatives Erzählen
Nobelpreisträger Patrick Modiano erzählt keiner Chronologie folgend, Raum und Zeit verschwimmen, assoziatives Denken prägt die Szenerie. Das Leben war noch gemächlicher im leicht schmuddeligen Viertel Montparnasse, durch das uns der Ich-Erzähler führt. Und doch versprüht dieser Ort mit seinen dort angesiedelten Figuren ein seltsames Bedrohungspotenzial. Eine Art Hassliebe scheint den jungen Jean (und auch Autor Modiano) an dieses Quartier zu ketten.
„Mir ist, als hätte ich sie alle in jener Zeit wie hinter der Scheibe eines Aquariums gesehen, und diese Scheibe trennte uns, sie und mich“, beschreibt Jean im Rückblick sein disparates Verhältnis zu Dannie und deren zwielichtige Weggefährten. Modiano belässt es bei vagen Andeutungen. "Etwas Schlimmes" verbindet die junge Frau ganz offensichtlich mit den Männern, mit denen sie sich im Unic Hotel traf. Sind sie gar am Tod eines marokkanischen Exilpolitikers beteiligt, der zunächst entführt und später ermordet wurde? Der gewaltsame Tod des realen marokkanischen Politikers Ben Barka im Oktober 1965 scheint Modiano als Motiv gedient zu haben.
„Haben wir das Recht über die zu urteilen, die wir lieben? Wenn wir sie lieben, dann hat das wohl irgendeinen Grund, und dieser Grund verbietet uns, über sie zu urteilen, oder?“, fragt sich der von Zwiespälten gequälte Jean im Gefühl der totalen Ahnungslosigkeit über Dannies obskure Kontakte in die Halbwelt.

Wechselspiel von Nähe und Distanz
Nobelpreisträger Modiano inszeniert ein eigenartiges Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz, Vertrautheit und völliger Fremde. Er jongliert geschickt mit Erinnerungen und Anspielungen. Daraus entsteht beim Leser ein Gefühl der totalen Verunsicherung, der kunstvoll arrangierten Irreführung durch den Pariser Nebel der 1960er Jahre. Auch die Polizeiakte, die Jean später vom Ermittler Langlais, der ihn einst über sein Verhältnis zu Dannie verhört hatte, ausgehändigt bekam, bringt nicht wirklich Licht ins Handlungsdunkel.
Faszinierend sind die Spaziergänge durch das Viertel beschrieben, auf denen Jean immer wieder Figuren aus längst vergangenen Epochen, denen er sich künstlerisch genähert hat, zu erkennen glaubt.
Patrick Modiano lässt aus vermeintlichen Nebensächlichkeiten eine ganz intensive Atmosphäre entstehen. Es scheint, als habe er stets eine Träne im Augenwinkel, als sei die Melancholie der Taktgeber für diesen großen Erinnerungskünstler.
„Gräser der Nacht“ ist kein Krimi, obwohl es auch um einen Mord geht, es ist kein Liebesroman trotz einer geheimnisvollen Romanze, es ist auch kein Stadtroman, obwohl Paris eine zentrale Rolle spielt, aber von all dem enthält er doch eine Menge - und das auf nur 175 Seiten. Zu allererst ist dieses schmale Büchlein jedoch hoch artifizielle Erinnerungspoesie, eine extrem verlangsamte Schwarz-Weiß-Diaschau in Wörtern, Sätzen und mit reichlich Emotionen versehen.

Patrick Modiano: Gräser der Nacht. Roman. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Carl Hanser Verlag, München 2014, 175 Seiten, 18,90 Euro.
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