Buch der Woche: Keine Erinnerung an das Vergessene

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„Sie tanzte allein und fast graziös! Oder doch nicht allein? Ihr Blick wirkte beseelt, ihre Hand ruhte auf einer erinnerten Schulter.“ So beschreibt der Schweizer Autor Urs Augstburger seine weibliche Protagonistin – die Seniorin Helen Nesta, die während eines Spaziergangs mit ihrem Sohn Mauro abrupt „ausbricht“.

Helens Zustand hatte sich rapide verschlechtert, sie musste in ein Pflegeheim eingewiesen werden, und ihr in Genua lebender Sohn Mauro war in die Schweiz gekommen, um den Verkauf der mütterlichen Wohnung abzuwickeln.
Der 47-jährige Urs Augstburger, der im Hauptberuf beim Schweizer Fernsehen für Dokumentarfilme verantwortlich zeichnet, hat einen weit ausholenden und thematisch breit gefächerten Roman vorgelegt, in dem ein diffiziles Mutter-Sohn-Verhältnis im Mittelpunkt steht. Gleichzeitig hat er vor dem Hintergrund seiner Geburtsstadt Brugg im Kanton Aargau, die zwar nicht namentlich genannt wird, aber deutlich sichtbar durchschimmert, eine Art Anti-Heimatroman vorgelegt, in dem er die kleinstädtische Spießigkeit demaskiert. Die weltoffene Schweiz wird bei Augstburger als Hort provinzieller, bisweilen intoleranter Hinterwäldler mit folkloristischen Neigungen karikiert.
Es ist die Zeit des großen Jugendfestes, ein Tag voller Tänze, Umzüge, Gesang und reichlich Alkohol, als ein Erinnerungsblitz in die dämmrige Welt der demenzkranken Helen einschlägt und ihr Sohn in der Folge peu á peu in ein Geheimnis aus der Jugend der Mutter eingeweiht wird. Und man fragt sich sogleich: Welche Bedeutung hat das Stück Pappe, das die Mutter bei sich trägt und auf dem zu lesen steht: „Am Tag, an dem der Regen kam.“
In vagen Andeutungen erfahren wir von der Existenz der „Schattenmänner“ Pius Kobelt und Jakob Matter, offensichtlichen Liebschaften der Mutter, deren Rollen der Autor zunächst bewusst verschleiert. Wir begeben uns an seiner Seite auch auf eine erzählerische Zeitreise bis hin in die frühen 1950er Jahre. Während Sohn Mauro, der sich durch die räumliche Trennung immer stärker von seiner Mutter entfremdet hat, krampfhaft versucht, Erinnerungspuzzle zusammenzufügen, geht bei der alten Frau Nesta durch die Demenz jede gedankliche Ordnung verloren: „Ich kann mich an das viele Vergessene nicht mehr erinnern.“ Die Aussicht auf Heilung, so erfährt der Sohn von der leitenden Heimpflegerin, sei aussichtslos. Mauros Warten auf lichte Momente der Mutter erhält einen beinahe dämonischen Touch. Gerade so, als blickte er ins Antlitz einer fremden Person, „als trüge sie eine hauchdünne, wächserne Maske über ihrem Gesicht.“
Autor Urs Augstburger hat uns einen ergreifenden Roman über verpasste Gelegenheiten vorgelegt – ohne falsches Pathos und ohne zuckergussartiges Happy-End. Es entbehrt nicht einer gewissen Tragi-Komik, als Helen ihrem inzwischen ebenfalls betagten, einstigen Geliebten begegnet und fragt: „Wer sind Sie?“
In „Als der Regen kam“ verbirgt sich jede Menge sprichwörtliche Weisheit. „Carpe diem“ möchte man den beiden zurufen. Sowohl Mutter als auch Sohn haben auf ihren Wegen einige Chancen ungenutzt gelassen – ganz nach dem Motto: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“

Urs Augstburger: Als der Regen kam. Roman. Klett Cotta Verlag, Stuttgart 2012, 285 Seiten, 19,95 Euro

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