Buch der Woche: Mit der Urne im Kofferraum

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Terézia Moras Roman „Das Ungeheuer“ - auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises

„Im Alter von 46 Jahren erwischte Darius Kopp doch noch die Einsamkeit." Jenen Kopp haben wir bereits in Terézia Moras Vorgängerroman „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ (2009) kennen gelernt - als blind-naiven Gefolgsmann der digitalen Revolution, der zwar nicht besonders kreativ, aber dafür umso besessener am New-Economy-Boom partizipieren wollte und am Ende mit leeren Händen da stand. „Kopp war außerstande, mehr von der Welt zu begreifen, als was er von ihr unmittelbar erfuhr."

Nun hat ihn im neuen Roman ein ungleich härterer Schlag getroffen. Der arbeitslose Ingenieur ist Witwer geworden, drei Tage vor ihrem 38. Geburtstag wird seine Frau Flora tot im Wald gefunden. Über viele Jahre hat die (wie Autorin Terézia Mora selbst) aus Ungarn stammende, einstige Übersetzerin, die später als Kellnerin zum Lebensunterhalt beitrug, die starke Frau an Darius Kopps Seite gespielt. „Wir waren eine Einheit, zwei Rädchen, die ineinandergriffen. Obwohl wir im Grunde nie mehr in etwas anderem waren als in Krise, Zusammenbruch, Erholung, Zusammenbruch, manchmal parallel zur Börse, manchmal nicht.“
In Rückblenden rekonstruiert Darius beider Leben und muss schmerzlich feststellen, dass sie sich offensichtlich schon lange entzweit hatten, ohne dass es ihm aufgefallen war. Dateien auf Floras Computer offenbaren dies, nachdem sich Darius die in Ungarisch verfassten Notizen hat übersetzen lassen. Persönliche Aufzeichnungen in Ungarisch – ein doppeltes, offenbar verschlüsseltes Geheimnis. Wir erfahren von einer schwierigen Jugend und von Floras frühen depressiven Schüben.
Terézia Mora, die 1999 als völlig unbekannte Autorin für eine Erzählung aus ihrem später erschienenen Band "Seltsame Materie" mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, verlangt ihren Lesern einiges ab. Die Lektüre erfordert ein Höchstmaß an Konzentration, denn Darius' Erinnerungen und Gedanken werden mit Floras Hinterlassenschaften verknüpft, so dass wir es oft (ab Seite 83) mit zweigeteilten Seiten zu tun haben – oben Darius, unten Flora, das bedeutet für den Leser: alternierende Perspektiven und wechselnde seelische Befindlichkeiten.
„Seit 2 Jahren mutterseelenallein in einem 12 qm großen Arbeitskabuff in der ersten Etage eines sogenannten Businesscenters“, so beschreibt die 42-jährige Autorin Darius' tristen Alltag. Dann rafft er sich irgendwann doch noch auf, reist nach Ungarn und will die Orte von Floras Kindheit kennenlernen. Davids Reise (mit wechselnden Begleitern) mutet wie eine Odyssee an, die Urne mit Floras Asche führt er im Kofferraum des Autos mit sich.
Der Hallodri Darius hat seine Frau offensichtlich erst nach ihrem Tod richtig kennen gelernt. So fungiert die Reise durch Osteuropa auch als schmerzhafter Selbstfindungsprozess – verbunden mit der quälenden Frage, ob er nicht in den beinahe zehn gemeinsamen Jahren Floras psychische und physische Leiden hätte erkennen müssen.
Da Terézia Mora 2009 eine Trilogie angekündigt hatte, steht zu erwarten, dass wir Darius Kopp noch einmal begegnen werden. Wie geht es weiter mit ihm? Wird er einen adäquaten Beisetzungsort für die Urne finden? Der erste Band erzählte vom ökonomischen Kollaps der New Economy, der zweite vom tragischen individuellen Scheitern, das in Floras Suizid seinen traurigen Höhepunkt fand. Und so gilt es für Band drei auch noch „Das Ungeheuer“ plausibel zu dechiffrieren, das in den unteren Hälften der Buchseiten sein Unwesen treibt. Es ist verborgen in Floras Aufzeichnungen, in den heimlichen Versuchen, ihre Krankheit und ihre Ausweglosigkeit in Worte zu fassen. Ein Buch, das trotz seiner formalen Sperrigkeit und einiger narrativer Längen anrührt und tief unter die Haut geht. Man darf schon jetzt auf den Abschlussband der Trilogie gespannt sein.

Terézia Mora: Das Ungeheuer. Roman. Luchterhand Verlag, München 2013, 681 Seiten, 22,99 Euro
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