Buch der Woche: Seelen-Drama mit feinen Zwischentönen

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„Ich weiß, wovon ich schreibe. Manche der Szenen habe ich genau so erlebt und heute noch vor Augen,“ erklärt Andrea Sawatzki über ihr Romandebüt. Die Schauspielerin, die einem breiten Publikum als Kommissarin Charlotte Sänger aus dem Frankfurter „Tatort“ bekannt ist, stellt jedoch auch klar, dass das Buch auf keinen Fall autobiografisch sei und alle Figuren fiktiver Natur sind.


Als junges Mädchen hat Sawatzki schmerzliche Erfahrungen im Umgang mit Alzheimer gesammelt, ihren dementen Vater gepflegt, während die Mutter für den Lebensunterhalt der Familie arbeitete. Dieses Motiv findet sich – leicht abgewandelt – im Romandebüt der 50-jährigen Schauspielerin wieder, das sich wohltuend von den oft niveaulosen Selbstbespiegelungen in den schriftstellerischen Ergüssen diverser Schauspielerkollegen abhebt.
Die Handlung ist im Jahr 1992 angesiedelt und spielt vor den Toren Münchens. Zeitgleich wird ein erschlagener Mann in seiner Villa gefunden und eine verstörte junge Frau ganz in der Nähe in einem Park aufgegriffen und in die Psychiatrie eingeliefert. Mit einem aufreizenden Abendkleid und Stiefeln bekleidet hockte jene Manuela Scriba zitternd unter einer Tanne, konnte oder wollte zunächst keine Angaben zu ihrer Identität machen.
Was hat der tote Senior Winfried Ott mit der Prostituierten Manuela zu tun? Diese Frage drängt sich dem Leser schon nach wenigen Seiten auf. Doch Geduld ist gefragt, hier geht es nicht um einen platten kriminalistischen Plot, sondern um den ganz schmalen Grat zwischen Täter und Opfer, zwischen Schuld und Sühne. Andrea Sawatzki erzählt in einer nüchternen, angenehm authentischen Sprache alternierend aus drei Perspektiven – aus der Sicht eines neutralen auktorialen Erzählers, aus der Innenansicht der Klinikpatientin Manuela und aus dem diagnostischen Blickwinkel der Psychiaterin Minkowa, die sich mit schier unerschöpflicher Geduld der verstörten Manuela nähert.

Thema Demenz

Peu à peu erschließt sich, dass die junge Frau als „braves Mädchen“ ihren dementen Vater hat pflegen müssen, dabei große Angst vor dessen Gewaltausbrüche und seinen unberechenbaren Gemütsschwankungen verspürte. „Ich stand am Bett meines Vaters und guckte in sein Gesicht, als er sich plötzlich aufrichtete, die Augen weit aufriss, einen tiefen Seufzer ausstieß, in sein Kissen zurück sank und starb. Und ich muss sagen, dass ich in dem Moment sehr froh war. Ich hab ihn nicht gemocht.“ Das latente Gefühl der Bedrohung ist offensichtlich nach dem Tod des Vaters nicht verschwunden.
Wie belastbar ist eine kindliche Seele? Wohin führen emotionale Überforderung und massive Versagensängste? Anders als ihre Protagonistin Manuela hat Andrea Sawatzki in ihrer Tätigkeit als Schauspielerin ein Ventil gefunden, um den psychischen Stress aus der Kindheit abzubauen und aus dem Körper herauszulassen.

Feine Zwischentöne

„Ein allzu braves Mädchen“ ist kein seichter autobiografischer Promi-Seelenkitsch. Andrea Sawatzki hat dieses „Seelen-Drama“ ausgesprochen intelligent konstruiert: mit viel Raum für feine, bisweilen schmerzhafte Zwischentöne, ausgeprägtem Gespür für die Verletzlichkeit der menschlichen Seele und vor allem aber ohne oberlehrerhaften, besserwisserischen Duktus. Der Spannungsknoten löst sich erst auf der letzten Seite auf. Ein Debüt, das – unabhängig vom prominenten Namen – neugierig macht auf mehr.

Andrea Sawatzki: Ein allzu braves Mädchen. Roman. Piper Verlag, München 2013, 173 Seiten, 16,99 Euro
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