Buchtipp der Woche: Angst, Hunger und Durst

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Auch der internationale Literaturbetrieb schreibt hin und wieder seine eigenen Märchen. Ein Werbetexter verliert aufgrund der schweren Wirtschaftskrise in Spanien seinen Job, geht in sich und schreibt einen Roman, der gleich in zehn Sprachen übersetzt wird. Die Rede ist vom 40-jährigen Spanier Jesús Carrasco und dessen faszinierenden Erstling „Die Flucht“.

Der in Sevilla lebende literarische Debütant erzählt eine karge Geschichte, die von nur wenigen Figuren handelt und in deren Mittelpunkt die Angst als zentrales Motiv steht.
Ein namenloser Junge ist aus seinem Dorf „nach Norden“ geflüchtet. Viel mehr Details erfahren wir zunächst nicht. Seine Beweggründe bleiben so unklar wie seine Verfolger. Hunger, Durst und Angst plagen den flüchtenden, verstört wirkenden Jungen und werden zur existenziellen Bedrohung. Carrasco erzählt aus dem Blickwinkel des Heranwachsenden in der dritten Person. Dabei gelingen ihm starke, atmosphärisch dichte Beschreibungen. Wenn der Junge durch die verbrannte Steppe zieht und sich in sengender Hitze in Erdlöcher versteckt, glaubt man, den Staub und die Trockenheit auf den eigenen Lippen zu spüren.
Irgendwann trifft der flüchtende Jüngling auf einen betagten Ziegenhirten - fromm, belesen und absolut bibelfest. Die Einsamkeit scheint besiegt zu sein, der Junge bleibt jedoch misstrauisch, weiß nicht, wie er den Alten einschätzen soll. Als die Verfolger den Jungen dann aufspüren, beschützt der Hirte ihn - unter Einsatz seines eigenen Lebens. Mit beinahe missionarischem Eifer doziert der alte Mann über die Lichtstrahlen am Himmel: „Einer steht für die Erinnerung, der zweite für die Vernunft und der dritte für den Willen.“ Erinnerung, Vernunft und Willen benötigt auch der Junge, denn nach und nach erschließt sich, warum er aus seinem Dorf geflohen ist, dass ihn ausgerechnet ein Polizist missbraucht hat und dass sein Vater dabei auch eine schäbige Rolle spielte.
Losgelöst von Raum, Zeit und politischem Kontext hat Jesús Carrasco die Allgegenwart der Angst mit all ihren existenzbedrohenden Facetten thematisiert. Die Flucht als einziger denkbarer Ausweg, das Ausweichen vor der eigenen Scham und die tiefgehenden seelischen Verletzungen erreichen hier eine geradezu schmerzhafte Körperlichkeit. Welch ein großartiges Debüt! Auch wenn es zynisch klingen mag: So hat die spanische Wirtschaftskrise auch noch etwas Positives hervorgebracht, uns durch einen Zufall den großartigen Autor Jesús Carrasco geschenkt.

Jesús Carrasco: Die Flucht. Roman. Aus dem Spanischen von Petra Strien. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2013, 207 Seiten, 18,95 Euro
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