Buchtipp der Woche: Suche nach Freiheit

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Der abwechselnd in Irland und im Kanton Aargau lebende Schriftsteller Hansjörg Schertenleib gehört zu den wichtigsten Stimmen in der Schweizer Gegenwartsliteratur. Der 55-jährige, der zuletzt die von der Kritik hoch gelobten Romane „Das Regenorchester“ (2008) und „Cowboysommer“ (2010) vorgelegt hatte, verknüpft in seinem neuen Erzählwerk die Lebensläufe von zwei starken Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Und doch gibt es beim zweiten, intensiveren Hinschauen mehr Gemeinsamkeiten als man glaubt: den Freiheitsdrang, die Reiselust und Erfahrungen mit körperlicher Gewalt.
Die deutlich jüngere Protagonistin ist die 16-jährige Ayfer Boskül, die in der Schweiz aufgewachsen und muslimisch erzogen wurde. Sie wird zum Bruder ihres Vaters geschickt und soll am Schwarzen Meer in der Gastronomie arbeiten. Von ihrer Familie ist diese Form der Zwangsumsiedlung auch als Rückbesinnung auf muslimische Werte intendiert, denn Ayfer soll in der Fremde ihren Schweizer Freund vergessen.
Auf der zweiten Erzählebene macht uns Autor Schertenleib mit der Seniorin Roberta Kienesberger vertraut. Die 73-jährige Frau hat zwanzig Jahre als Sekretärin in einer Schreinerei gearbeitet, wird dann von ihrem geliebten Hund getrennt und in ein Altersheim eingewiesen.

Frauen wehren sich
So weit die Ausgangssituation für die beiden in der Handlung gleichberechtigten Hauptfiguren. Beide Frauen wehren sich dann gegen die von fremder Hand eingeleiten Zäsuren in ihrem Leben. Sie brechen aus, wollen sich ihre Selbstbestimmung zurückerkämpfen. «Es liegt in deiner Hand, du triffst die Entscheidung, du hast dich auf den Weg gemacht, geh ihn weiter», erklärt die junge Ayfer von einem geradezu kämpferischen Freiheitsdrang beseelt.
Die betagte Roberta flüchtet aus dem Altersheim, befreit ihren Hund aus dem Tierheim und macht sich mit ihm auf eine Reise in ihre Kindheit, ins heimatliche Salzkammergut.

Sehnsucht als Schmerz

Auch Ayfer hält es bei ihrem Onkel in der Türkei nicht aus, kehrt als Tramperin zunächst zurück nach Wien. „Sehnsucht war ein Schmerz, der tief in der Brust saß und brannte wie ein Feuer, das mit jedem Gedanken an den Menschen, nach dem man sich sehnte, neue Nahrung bekam.“
Robertas Flucht aus dem Heim und ihr anschließender Weg sind von deutlich stillerer Natur als Ayfers actionreiche Tour durch halb Europa. Die Wege der beiden Frauen kreuzen sich dann in Salzburg. Dass Ayfer dort ausgerechnet Roberta Geld stiehlt, um sich eine Bahnkarte für die Rückkehr in die Schweiz kaufen zu können, wirkt dann doch etwas zu stark der Handlungsdramaturgie abgerungen.
Hansjörg Schertenleib hat keine stromlinienförmige Happy-End-Geschichte mit pseudo-romantischem Touch vorgelegt. Im Gegenteil: Roberta wird erfroren in einem Waldstück in Österreich gefunden, ihren erschossenen Hund auf dem Schoss. Die junge Ayfer liegt blutüberströmt in einer dunklen Unterführung im aargauischen Städtchen Suhr – brutal zusammengeschlagen. Sie überlebt, hat aber einen enorm hohen Preis gezahlt, „um die Frau zu werden, die ich sein will, nicht die, die sich meine Eltern vorstellen.“

Frau mit Hund

Zu allererst – so ließ uns Autor Schertenleib kürzlich in einem Radio-Interview wissen – „war das Bild von einer alten Frau da, die mit einem Hund an der Leine an einem Waldrand steht.“
Dieses poetisch anmutende Arrangement war offensichtlich die Initialzündung für diese unpathetisch erzählte, beinahe märchenhafte Parallelgeschichte - ein wunderbar unaufdringliches künstlerisches Plädoyer für die Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung des Individuums.

Hansjörg Schertenleib: Wald aus Glas. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2012, 285 Seiten, 19,99 Euro

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